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Einzeltest: Storck Adrenalin Carbon 2006

Henri Lesewitz

 · 30.11.2006

Einzeltest: Storck Adrenalin Carbon 2006Foto: Daniel Simon

Erst bohrte die Biene ihr Gift in seinen Arm, dann der Arzt die Spritze mit dem Gegenmittel. Der Name für sein Bike-Projekt kam Insektengift-Allergiker Markus Storck mit schlappem Kreislauf in der Notaufnahme: „Adrenalin“, wie das rettende Hormon, das seinen Blutdruck stabilisierte. Schließlich sollte auch seine erste Fully-Konstruktion für stabile Pulswerte sorgen. Im Gelände sowieso. Aber auch in Sachen Wartung, was 1996 eher die Ausnahme war. „Das Konzept des „Adrenalin“ war simpel: Federung ohne Antriebseinflüsse, dazu Lagertechnik, für die es weltweit in jedem Metallwarenhandel Ersatzteile gibt“, erinnert sich der geistige Vater, Markus Storck. Noch spektakulärer war die Art, sich an diese Vorgabe zu tasten. (BIKE 10/2006)

Die meisten Rahmenbauer gingen Mitte der Neunziger noch nach der praktischen Methode vor. Zeichnen, schweißen, ausprobieren. Auch „trial and error“ genannt. Storck dagegen bediente sich der Computertechnik, so wie es die Ingenieure in der Formel 1 schon lange taten. Mathematik statt Selbstversuch. Heute normal, damals revolutionär. Das „Adrenalin“ war das erste, am Computer entwickelte Fullsuspension. „Ich gab die Federkennlinie, die Progression, den akzeptablen Bereich des möglichen Pedalrückschlags und die Position des Dämpfers vor. Den Rest erledigte im Prinzip der Rechner“, erzählt Storck. Und der hatte an den Wunschvorgaben schwer zu schlucken. Einen Monat lang ratterten die Datenkolonnen durch den Großrechner der Uni Hamburg-Harburg. Dann war die Konstruktion fertig: Ein Mehrgelenker mit Aluwippe. Der Dämpfer senkrecht, weil sich das Öl in horizontal arbeitenden Dämpfern aufschäumen kann. Nichts war Zufall. Zehn Jahre ist das her und das „Adrenalin“ inzwischen der Klassiker in der Storck-Palette. Material, Gewichtsverhältnis und Geometrie wurden zwar mit jedem Jahrgang verfeinert. Die Kinematik aber blieb unverändert. Ob der Charakter in zehn Jahren erhalten blieb, konnten wir mit dem Ur-„Adrenalin“ von 1996 in der kunstvollen „Atlanta“-Olympia-Lackierung und der aktuellen Top-Version aus Carbon testen. Also rauf auf den Sattel und rein in den Trail, zunächst mit dem schrillen „Stars and Stripes“-Oldie. Rücken- und Schultermuskeln spannen sich gegen die Sitzhaltung, der Nacken beginnt zu schmerzen. Vor zehn Jahren lagen Biker wie Triathleten über ihren langen Vorbauten. Auch das Ur-„Adrenalin“ trägt diese Gene in sich, schließlich wurde es für die Rennstrecke konzipiert. Die Sachs-Drehgriffe müssen mit Gewalt in Position gewürgt werden, die Spinergy-Laufräder poltern, die alte Manitou rumpelt unwillig in die Tauchrohre. Dem Hinterbau allerdings ist sein Alter kaum anzumerken. Gierig schmatzt das Stahlfeder-Luft-Element Wurzeln und Steine weg und kommt erst bei heftigen Brocken etwas aus dem Rhythmus. „Adrenalin“ in seiner reinsten Form. Zweite Runde, diesmal mit der zehn Jahre jüngeren Carbon-Variante. Die Rumpfmuskeln bleiben entspannt. Von seinem sportlichen Charakter hat das „Adrenalin“ nichts verloren. Trotzdem fällt die Streckung dank Vario-Vorbau gemäßigter aus. Gleicher Trail, gleiche Wurzeln. Es scheint, als sei die Fahrspur planiert worden. Das Fahrwerk filtert das Gepoltere und lässt sich per Hebel der Strecke anpassen. Ein Modell, zwei Welten. Die Adrenalin-Spritze kann im Sani-Koffer bleiben. Mit diesem Bike müssen einen die Bienen erst mal kriegen.

Wipp-Bereich: Damals wie heute werden die Fahrbahnstöße senkrecht von oben in den Dämpfer geleitet. Die Wippe selbst wurde dezent verändert und mit Carbon veredelt.

Foto: Unbekannt
Foto: Unbekannt

Drehort: Die Lagertechnik ist seit dem Ur-Modell gleich geblieben. Ersatzlager bekommt man in jedem Materialhandel weltweit. Das spart im Havariefall Nerven.

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Lagerplatz: Trotz massiver Alurohre wirkt die Front des Alumodells gegen das aktuelle Carbon-Steuerrohr zierlich. In dem rotieren riesige, aufwändig gegen Schmutz gedichtete Lager.

Foto: Unbekannt

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