Downhill-Bike mit MotorRotwild R.G+ FS

Christian Schleker

 · 29.01.2018

Downhill-Bike mit Motor: Rotwild R.G+ FSFoto: Colin Stewart
Downhill-Bike mit Motor: Rotwild R.G+ FS
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Ein Downhill-Bike mit Motor – was ist das? Im Bikepark gibt’s doch Lifte! Aber auch Liftschlangen. Und ungenutzte Zeit im Sessel. Na dann! Einen Tag im Park – ohne Lift.

  Dass ein Downhiller mit Zusatzlast von Akku und Motor gut springt, hätte Tester Christian Schleker vor dem Selbstversuch niemals geglaubt. Dass mit dem Rotwild die Auffahrt fast genauso viel Spaß bringt wie die Abfahrt, erst recht nicht. Ein E-Bike-Skeptiker weniger. Foto: Colin Stewart
Dass ein Downhiller mit Zusatzlast von Akku und Motor gut springt, hätte Tester Christian Schleker vor dem Selbstversuch niemals geglaubt. Dass mit dem Rotwild die Auffahrt fast genauso viel Spaß bringt wie die Abfahrt, erst recht nicht. Ein E-Bike-Skeptiker weniger. 

Den Lift willst du nicht nutzen? Dann kostet dich der Tag in unserem Park gar nix." Die junge Dame an der Liftsta­tion lächelt freundlich. Ich grinse dämlich-verdutzt zurück. Hab’ ich mich verhört? Auf meine Nachfrage, dass ich aber doch trotzdem alle gebauten Trails befahren will und dass das bestimmt ein Missverständnis sei, reagiert sie mit Schulterzucken und kassiert den nächsten Biker: "Tagesticket? 28,50 Euro bitte." Ätsch!

Verlagssonderveröffentlichung

Der deutsche Sparfuchs ist eine seltsame Gattung. Er zahlt bereitwillig zehntausende Euro für die neueste Karosse aus Stuttgart, jammert dann aber an der Zapfsäule, wenn der Benzinpreis um 2 Cent steigt. Mir geht’s als Bikepark-Fan ähnlich. Sparbuch plündern für den neuen Carbon-Downhiller? Kein Problem. 28,50 fürs Tagesticket? Och nööö! Aber heute ja nicht, denn heute habe ich meinen Lift im Rad verbaut. Als langjähriger Tester der FREERIDE hatte ich schon unzählige Downhiller unterm Hintern. Beim Test auf Lift oder Shuttlebus zu verzichten, kam mir bis dato nie in den Sinn. Wie auch, uphill-taugliche Vertreter dieser Gattung gab es schlicht nicht. Jetzt schon, aber keiner merkt’s. Zumindest auf dem Parkplatz erregt das Rotwild R.G+ FS Evo (was für ein Name!) null Aufsehen. Die technische Innovation ist zu gut versteckt: Der Brose-Motor und der selbst entwickelte Akku mit Carbon-

Gehäuse fügen sich so unauffällig in das Design des Bikes, dass nur bei ganz genauem Hinsehen klar wird, was hier los ist.

  Assisted climbing 2.0: Der E-Downhiller kombiniert Abfahrtsspaß und Konditionstraining zu einer perfekten Bikepark-Mischung.Foto: Colin Stewart
Assisted climbing 2.0: Der E-Downhiller kombiniert Abfahrtsspaß und Konditionstraining zu einer perfekten Bikepark-Mischung.

Ganz genau spüren, was hier los ist, tue ich sofort. Selbst bei kleinster Unterstützungsstufe (50 Watt) geht der Bolide zielstrebig los. Dabei ist er völlig geräuschlos – abgefahren. Apropos: Vor der Abfahrt muss ich erst mal hoch. Im Bikepark Geißkopf im Bayerischen Wald sind es exakt 325 Höhenmeter vom Parkplatz bis zum Gipfel. An einem normalen Tag gebe ich mir hier im Schnitt zehn Abfahrten. Viel mehr sind wegen des langsamen Lifts und der ab Mittag oft langen Warteschlange kaum drin. Ungefähr so viel will ich auch mit dem Rotwild schaffen – geht das? Das Stichwort Reichhöhe schießt mir ins Hirn. Die ist beim E-Downhiller klar begrenzt, weil der Akku fest im Rahmen verbaut ist. Zwischenzeitlicher Wechsel zwecks Spaßverlängerung ausgeschlossen. Wie viele Auffahrten aber schaffe ich mit dem Trumm? Wie viel Hilfe vom Motor brauche ich dafür? Zehn Auffahrten, das wären 3250 Höhenmeter! Erst jetzt wird mir bewusst, dass dieser Selbstversuch deutlich anstrengender werden wird als ein normaler Test im Park. Aber hey, besser als Büro!

Den Bikepark bei Bischofsmais habe ich mir für den Test ausgesucht, weil hier gerade der bundesweit erste Uphill-Flowtrail eröffnet wurde. Wenn schon 3250 Höhenmeter, dann doch wenigstens flowig, oder? Auf dem Weg zum Trail-Einstieg spiele ich ein bisschen mit den Cockpitknöpfen. Ein Knopf links am Lenker fährt die Teleskopstütze aus. Leider etwas zu weit für mich Tretzwerg. 150 Millimeter Hub hat Rotwild der Kindshock-Stütze gegönnt. In Kombination mit dem 430 Millimeter langen Sitzrohr sind es ziemlich genau 2 Zentimeter, die ich wieder runter muss, um eine gute Tretposition zu haben. Aber ich bin auch nur 172 Zentimeter hoch und habe schlimm kurze Beinchen. Die Sitzposition ist überraschend ausgewogen. Nicht wirklich sportlich, weil Sattel und Lenker auf einem Niveau liegen, aber das Oberrohr ist lang und der Sitzwinkel steil. Knopf zwei ist eigentlich eine Doppeltaste mit Mini-Display. Hier kann ich vier Fahrstufen – dargestellt durch vier mikroskopisch kleine Klötzchen – anwählen. Laut Aufkleber-Info am Motor sind die Fahrstufen in 50, 100, 150 und 320 Watt Zusatzkraft aufgeteilt.

  Sobald die Schwerkraft am Rotwild zerrt, verschwindet der Motor aus der Wahrnehmung – da heißt’s dann nur noch: Spaß im Park.Foto: Colin Stewart
Sobald die Schwerkraft am Rotwild zerrt, verschwindet der Motor aus der Wahrnehmung – da heißt’s dann nur noch: Spaß im Park.

Ich gönne mir nur ein Klötzchen und biege vom Schotterweg in den Uphill-Flowtrail ein. Und Flow kommt auf den ersten, eher flachen Metern auch auf. Mit der kleinsten Unterstützung fährt sich das Rotwild in etwa wie ein leichtes CC-Bike. Recht spritzig im Antritt und mit gutem Zug in der Steigung. Geil. Allerdings endet die Ähnlichkeit bei der Gangauswahl: Mit 36er-Kettenblatt und 36 Zähnen am kleinsten Ritzel kann ich heftige Steigungen wohl nur mit mehr Motorleistung bezwingen. Und das heißt weniger Reichhöhe. Also weniger Abfahrten. Also Mist.

Zu meinem Glück hat Parkbesitzer Diddie Schneider den Trail so verschnörkelt in den Berg gebuddelt, dass sich die 325 Höhenmeter auf fast 4 Kilometern verteilen. Die Steigung bleibt meist unter 10 Prozent und ich bei Stufe 1 und 50 Watt. Zumindest überwiegend. Denn in den Uphill-Anliegern (ja, so was gibt’s jetzt auch) macht kurzes Gasgeben und Durchsurfen auf dem Hinterrad richtig Spaß. Aber das klappt erst mit 150 Watt Unterstützung so richtig. Also bleibe ich die meiste Zeit mit beiden Reifen auf dem Boden, schwitze stur in meinen Fullface-Helm und versuche, durch den Salzwasserschleier die Akku-Anzeige auf dem kleinen Display zu erkennen. Das Stress-Level steigt. Herrschaftszeiten, ist das Akku-Symbol winzig! Oh Gott, flackert da der erste Balken schon? Bin doch noch nicht mal mit Auffahrt eins fertig. Ne, war nur Dreck. Puh. Nach zwei unvermeidbaren 100-Watt-Rampen (Reichhöhe, Reichhöhe!) und etwa 20 Minuten schweißtreibender Arbeit, bin ich oben. Und treffe am Ausstieg des Lifts zwei Biker, die ich vorhin unten am Parkplatz auch schon gesehen habe. Tatsächlich haben die im Bummellift inklusive Wartezeit beim Einstieg ziemlich genauso lange nach oben gebraucht wie ich. Rein zeitlich sind zehn Abfahrten also drin. Und sogar ’ne Mittagspause. Die werde ich auch brauchen. CC-Bike-Uphill-Fahrleistung beim Downhiller ist zwar schön, 3000 Höhenmeter kriegt man damit aber weiß Gott auch nicht geschenkt. Na, erst mal runter.

Ist der Sattel aus dem Weg, fühle ich mich auf dem Rotwild sofort heimisch. Die Geometrie ist modern und genau so, wie sie aktuell auch bei motorlosen Konkurrenten zu finden ist. 450 Millimeter Hinterbaulänge passen zum langen Reach.

  Bergab gibt der tiefe Schwerpunkt viel Sicherheit und Laufruhe. Das Ergebnis: mehr Speed.Foto: Colin Stewart
Bergab gibt der tiefe Schwerpunkt viel Sicherheit und Laufruhe. Das Ergebnis: mehr Speed.

Für die Abfahrt schalte ich den Brose-Antrieb aus. Bis auf die ersten Meter am Einstieg und zwei kurze Beschleunigungspassagen nach Spitzkehren weiter unten im Trail, gibt es hier für das "E" nix zu tun. Ohne Unterstützung spüre ich das Gewicht deutlich – aktuelle Carbon-Bikes dieser Klasse sind bis zu 7 Kilo leichter. Aber kaum zieht die Schwerkraft am Rotwild, gibt’s kein Halten mehr. Bin ich heute gut drauf, oder liegt’s am Bike? Jedenfalls walze ich durch die mond­gesteinsartigen Brocken im oberen Teil des Trails, wie selten zuvor. Das Rad verspringt nicht, ich treffe die Linie super. Und dann tauchen die ersten Felskicker vor mir auf. Springen mit massivem Übergewicht – im Freibad ist das peinlich. Und hier? Oha, das fühlt sich aber anders an! Ich segle weiter als gewohnt. Und ich habe erst mal gefühlt weniger Kontrolle über den Weg, den das E-Bike mit mir nimmt. Mehr Schwungmasse, die es zu kontrollieren gilt. Pure Physik. Und ich mitten drin. Verrückt. Nach nur etwas über 4 Minuten bin ich wieder unten. Gute Zeit, guter Flow. Sattel hoch und nach links Richtung Uphill, statt wie sonst nach rechts Richtung Lift. Auffahrt zwei. 50 Watt. Steigender Puls. Salzwasserschleier vor den Augen. Schnaufschnauf. Vier Runs schaffe ich bis zur Mittagspause. Beim letzten Anstieg gönne ich mir ein paar Mal zusätzlich die 100 Watt. Im Display fehlen jetzt zwei von vier Akku-Klötzchen und meine Abfahrtszeiten werden immer schneller. Noch mal vier? Erst mal Bier. Alkoholfrei.

16 Uhr. Abfahrt 6. Zweimal hat’s mich in der Steinwüste fast geschmissen. Die Konzentration lässt nach. Die Kondition ist eh am Limit. Akku leer. Also meiner. Im Display des Rotwilds lockt ein letztes Klötzchen. Na los, du Wicht. Langsam nerven mich die Uphill-Anlieger. Will keine mehr sehen. Will heim. Run acht. Ich bin durch. Mit letzter Kraft klicke ich mich zu den 150 Watt hoch – und werde sanft bergan geschubst. Bis kurz vor Schluss, dann erlischt die Kraft im R.G+ FS. Schieben. Ächzen. Und mit hängender Zunge zurück ins Tal. Der Lift hat zu. Alle weg. Last man standing.


Fazit: Ein E-Downhiller im Bikepark. Ist das sinnvoll? Ich finde Sport sinnvoll, deshalb ist meine Antwort: ja! Die Mischung aus vollwertigem Abfahrtsspaß und heftigem Konditionstraining im Wechsel funktioniert gerade in kleineren Parks mit weniger Höhenmetern super. Zur Nachahmung empfohlen.

  Mit gering gewählter Unterstützung sind zahlreiche Runs drin, es zehrt aber deutlich an der Kondition.Foto: Colin Stewart
Mit gering gewählter Unterstützung sind zahlreiche Runs drin, es zehrt aber deutlich an der Kondition.


Rotwild R.G+ FS Evo

  Perfekte Tarnung: Selbst auf den zweiten Blick sieht das Rotwild aus wie ein ganz normaler Downhiller. Brose-Motor und Akku sind perfekt in das Rahmen-Design integriert. Auch die Ausstattung passt gut zum Einsatzzweck – nur die Teleskopstütze will nicht ins Bild passen. Macht aber Sinn.Foto: Colin Stewart
Perfekte Tarnung: Selbst auf den zweiten Blick sieht das Rotwild aus wie ein ganz normaler Downhiller. Brose-Motor und Akku sind perfekt in das Rahmen-Design integriert. Auch die Ausstattung passt gut zum Einsatzzweck – nur die Teleskopstütze will nicht ins Bild passen. Macht aber Sinn.

8999 Euro sind für ein Downhill-Bike der Oberklasse keine Seltenheit. Das Rotwild bietet für den Preis neben hochwertigsten Komponenten den Brose-Motor und das hauseigene IPU-Akku-Pack. Die "integrated power unit" bildet als Carbon-Einheit das Unterrohr und fungiert gleichzeitig als Dämpferaufnahme und Wippenlager. Elegant und schick. Das macht das Bike zwar noch nicht zu einem Schnäppchen, aber der Preis erscheint angemessen. Um so mehr, weil die Fahrleistungen sehr gut sind.

Die Geometrie ist gelungen: bergab sicher mit langem Reach, flachem Lenkwinkel und tiefer Position im Rad. Bergauf effektiv mit steilem Sitzwinkel, gutem Druck auf dem Pedal und sanft einsetzender und fast geräuschloser Unterstützung des Brose-Motors. Das hochwertige Fahrwerk ist fein abstimmbar und arbeitet sehr harmonisch. Bergauf wippfrei und an Rampen stabil im oberen Hub. Bergab ist die Bodenhaftung überdurchschnittlich. Das Systemgewicht sorgt für ein extrem sattes, laufruhiges Fahrgefühl. Genau das braucht es, um richtig schnell zu sein. Und schnell ist man mit dem Rotwild in jedem Fall. Bei Lastwechseln stört das hohe Gewicht kaum, weil der Schwerpunkt sehr tief liegt. Beim Springen ist das Mehrgewicht schon eher ein Problem, oder besser: eine Herausforderung. Die große Schwungmasse beherrscht man nur mit erhöhtem Körpereinsatz. Hat man sich an dieses Mehr an Arbeit auf dem Bike gewöhnt, ist es breit in allen Bereichen des Freeridens einsetzbar. Neben klassisch-ruppigen Downhill-Strecken sind wir hohe Holz-Drops, steile Anlieger und Flowtrails gefahren und hatten überall Spaß. Kritikpunkte sind die 180er-Scheibe hinten, die schnell überhitzt und die zu lange 175er-Kurbel, die schnell aufsetzt. Mit einem 34er-Blatt vorne ließen sich Anstiege entspannter treten, ohne dass man die Motorunterstützung zu sehr hochdrehen muss. Ein Wechsel-Akku würde das Konzept perfekt und noch spaßorientierter machen.


DATEN


Antrieb Brose
Max. Drehmoment 90 Nm
Akku Lithium-Ionen, Rotwild IPU Carbon 500 Wh
Display Brose


Ausstattung


Material / Größen Alu/Carbon/M und L
Gabel/Dämpfer Fox 40 Float 200 / FIT HSC/LSC Factory Kashima/Fox Float X2 2 /POS HSC/LSC HSR/LSR Factory Kashima
Bremse Shimano Saint
Disc vorne/hinten 203/180 mm
Laufräder DT Swiss FR 1950 27,5
Reifen Continental Kaiser Projekt 2.4


Infos


Preis 8999 Euro
Gewicht 23,4 Kilo
Info rotwild.de

  Minischirm: Das Display am linken Griff ist Schalt- und Ablesezentrale in einem. Motor-Power ändern geht damit gut, Status ablesen nicht. Zu klein.Foto: Colin Stewart
Minischirm: Das Display am linken Griff ist Schalt- und Ablesezentrale in einem. Motor-Power ändern geht damit gut, Status ablesen nicht. Zu klein.
  Lang und länger: In der "kurzen" Einstellung ist der Hinterbau genau richtig. Die lange brauchten wir nicht, Laufruhe und Balance des Bikes waren auch so perfekt.Foto: Colin Stewart
Lang und länger: In der "kurzen" Einstellung ist der Hinterbau genau richtig. Die lange brauchten wir nicht, Laufruhe und Balance des Bikes waren auch so perfekt.
  Stickerrätsel: Wir interpretierten die Zahlen auf dem Motor als Wattstufen – vielleicht sind’s aber auch Tresorkombinationen? Letztlich war immer genug Unterstützung da.Foto: Colin Stewart
Stickerrätsel: Wir interpretierten die Zahlen auf dem Motor als Wattstufen – vielleicht sind’s aber auch Tresorkombinationen? Letztlich war immer genug Unterstützung da.
  Diesen Artikel finden Sie in FREERIDE 4/2017 - das Heft können Sie hier bestellen > FREERIDE IOS App (iPad) FREERIDE Android App Foto: Nathan Hughes
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