EnduroPolygon Square One EX9 im Test

Laurens van Roojien

 · 21.11.2017

Enduro: Polygon Square One EX9 im TestFoto: Hersteller

Mit dem Square One EX9 hat Polygon Großes vor: Dank der R3ACT-Kinematik soll das Bike trotz 180 Millimetern Federweg einen breiten Einsatzbereich bieten und einfach abzustimmen sein.

Beim Product Launch in Oregon, USA musste das Enduro-Bike zeigen, was es kann.

Der Puls rast, die Oberschenkel brennen, und der Blick auf den GPS-Pulsmesser am Handgelenk bestätigt: Ich bin soeben 650 Höhenmeter berghoch gefahren. Und das auf einer Distanz von weniger als neun Kilometern und auf schmalen Pfaden. An sich keine außerordentliche Leistung – aber ich habe diesen Anstieg auf dem Square One EX bewältigt. Dieses neu entwickelte Enduro-Bike von Polygon bietet vorne wie hinten satte 180 Millimeter Federweg. Und hat berghoch dennoch keine Schwächen gezeigt, aber dafür jederzeit mit satter Traktion geglänzt. Ungläubig wandert mein Blick über den markanten Hauptrahmen zur voluminösen, hochgezogenen Schwinge und weiter zum Tretlagerbereich vom Square One EX.

Hier steckt das Herzstück der R3ACT-Kinematik, an der das Entwicklungsbüro Naild zehn Jahre lang getüftelt hat (siehe Interview mit Darrell Voss). Bei diesem Viergelenker befindet sich der vordere, kurze Hebel weit vor dem Tretlager. Der zweite Hebel läuft zum Teil auf einer überdimensionierten Kolbenstange, genannt Slider, die zwei Aufgaben hat: Die Position über dem Tretlager und der Winkel des Sliders sorgen dafür, dass der Hinterbau weitgehend von Impulsen durch den Fahrer entkoppelt wird. Auch an steilen Rampen oder im Wiegetritt geht der Hinterbau nicht in die Knie. Dank des großzügig bemessenen Standrohrdurchmessers von 43 Millimetern trägt der Slider zudem viel zur Steifigkeit des Rahmens bei.

  Polygon Square One EX9: In der langen Carbon-Schwinge verbirgt sich der Slider, der mit dem Hauptrahmen verschraubt ist. Um genügend Steifigkeit zu erzeugen, fällt die Schwinge sehr voluminös aus. Dadurch leidet jedoch die Fersenfreiheit.Foto: Hersteller
Polygon Square One EX9: In der langen Carbon-Schwinge verbirgt sich der Slider, der mit dem Hauptrahmen verschraubt ist. Um genügend Steifigkeit zu erzeugen, fällt die Schwinge sehr voluminös aus. Dadurch leidet jedoch die Fersenfreiheit.

Nach der Hälfte des Anstiegs wartet eine verwinkelte Sektion mit stetem Auf und Ab. Hier fühlt sich das Square One EX effizient wie ein Twentyniner mit 120 Millimetern Federweg an. Das Hinterrad behält jederzeit sauber Kontakt zum Boden und liefert daher satte Traktion, ohne den Fahrer komplett vom Untergrund zu isolieren. In engen Kehren ist etwas mehr Körpereinsatz gefragt, dafür ist das neue Enduro-Bike von Polygon bergab kaum an Grenzen zu bringen: Je schneller die Gangart auf den Pfaden durch den Regenwald in den Cascade Mountains wird, desto ruhiger scheint die Fuhre zu laufen. An zwei Tagen gelingt es keinem der Testfahrer, den Hinterbau zum Durchschlagen zu bringen – auch nicht den beiden Polygon-Team-Fahrern Mick Hannah und Kurt Sorge.

Weil auch die Sitzposition für lange Touren geeignet ist und das Gewicht mit knapp unter 14 Kilogramm nicht zu hoch ausfällt, taugt das Square One EX nicht nur dazu, an eigene Grenzen und auf die Jagd nach Bestzeiten zu gehen. Für seine Bergab-Qualitäten klettert dieses Enduro-Bike eigentlich viel zu gut. Polygon hat nun einen echten Allrounder im Köcher.

  Polygon Square One EX9: Der Slider (Teleskop) ist das Herzstück des Hinterbaus und ermöglicht die ausgeklügelte Kinematik, die trotz großem Federweg für ein sehr effizientes Pedalieren sorgt. Das System kommt ebenfalls beim neuen Wolf Ridge von Marin zum Einsatz. Foto: Hersteller
Polygon Square One EX9: Der Slider (Teleskop) ist das Herzstück des Hinterbaus und ermöglicht die ausgeklügelte Kinematik, die trotz großem Federweg für ein sehr effizientes Pedalieren sorgt. Das System kommt ebenfalls beim neuen Wolf Ridge von Marin zum Einsatz. 
  Polygon Square One EX9 – Naild SliderFoto: Hersteller
Polygon Square One EX9 – Naild Slider


Fazit von Laurens van Roojien, Testautor:
Laurens van Roojien, Testautor Mit gut 14 Kilogramm Gewicht ist das Square One EX kein Kletterspezialist. Aber für ein Enduro-Bike mit 180 Millimetern Federweg bietet es bergauf erstaunliche Qualitäten, und dank der effizienten R3ACT-Kinematik sind Ganztages-Touren locker drin. Da das Polygon bergab keine Wünsche offen lässt, bleibt unterm Strich ein extrem breiter Einsatzbereich.

  Laurens van Roojien, TestautorFoto: Privatfoto
Laurens van Roojien, Testautor
  Polygon Square One EX9Foto: Hersteller
Polygon Square One EX9
  Polygon Square One EX9Foto: Hersteller
Polygon Square One EX9


Technische Daten


Gewicht 13,4 kg
erhältlich im Fachhandel
Preis steht noch nicht fest
Federweg vorne / hinten 180 mm / 180 mm
Material / Größen Carbon / M / L / XL (46,5 cm)
Gewicht o. P. / Rahmen 13,4 kg / 2750 g (ohne Dämpfer)
Gabel / Dämpfer Fox Factory 36 Float / Fox Factory Float X2
Kurbeln / Schaltung Sram XX1 Eagle / S. XX1 Eagle, 12 Gänge
Übersetzung / Lenkerbreite 32; 10–50 / 800 mm
Bremsanlage / Disc Sram Guide Ultimate / 180/180 mm
Teleskopstütze Kind Shock SIO Offset, 150 mm
Laufräder E13 TRS Race Carbon Boost-Systemlaufräder; Schwalbe Magic Mary 27,5 x 2,35-Reifen
Reach / Stack / BB-Offset 462 / 602 mm / -3 mm


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Darrell Voss: Vier Fragen an den Gründer von Naild


BIKE: Was unterscheidet die R3ACT-Kinematik von anderen Konstruktionen?
DV: Bisher beruhten fast alle Überlegungen zur Kinematik auf Motorrad-Knowhow. Das ist nur zum Teil sinnvoll, denn die Unterschiede sind von der Qualität und der Quantität der Krafteinlenkung bis zum Verhältnis des Fahrergewichts zum Fahrzeuggewicht groß. Beim Design der R3ACT-Kinematik haben wir dies von Anfang an berücksichtigt: Wir balancieren die auftretenden Kräfte aus, um unerwünschte Bewegungen des Fahrwerks zu verhindern. Dabei verlassen wir uns nicht auf die Dämpfung, denn das führt zwangsläufig zu einem Energieverlust.


Was ist der größte Vorteil Deines Federungssystems?
Wir haben die Federung von Anfang an von unten her gedacht: Entscheidend für optimale Kontrolle ist es, die Räder am Boden zu halten beziehungsweise so effizient wie möglich über Hindernisse zu führen – und nicht, den Fahrer vom Untergrund zu isolieren. Wir nennen dies Ground Tracing: Die Reifen sollen Unebenheiten so exakt wie irgend möglich folgen. Weil der Slider Teil der Schwinge und nicht des Hauptrahmens ist, arbeitet unsere Hinterradfederung zudem über den gesamten Federweg hinweg sehr gleichmäßig.


In zwei kurzen Sätzen erklärt: Wozu ist der Slider da, und wozu nicht?
Indem er die resultierenden Kräfte des Antriebs und der Beschleunigung des Fahrers ausbalanciert, reduziert der Slider die benötigte Druckstufendämpfung um rund 40 Prozent. Zudem trägt der Slider entscheidend zur Steifigkeit des Fahrwerks und damit zu einem präzisen Fahrverhalten bei, weil er für eine saubere Führung der langen Schwinge sorgt. Der Slider ist kein Federbein, steht nicht unter Druck und enthält nur etwas Öl zur Schmierung, aber keines zur Dämpfung.


Taugt die R3ACT-Kinematik für alle Anwendungen und Fahrstile?
Die Hinterbaukonstruktion kann ihre Vorteile in allen Sparten ausspielen – von Marathon und Cross Country über Enduro bis zu Downhill. Bei Naild arbeiten wir im Moment mit verschiedenen Herstellern zusammen, um weitere Plattformen zu entwickeln, deren Einsatzbereich enger gefasst ist als derjenige von Polygons Square One EX.

  Darrell Voss, Gründer von NaildFoto: Hersteller
Darrell Voss, Gründer von Naild


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