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Interviews zur Helmpflicht

Dreuw am 06.02.2009

In Heft 3/09 fragt BIKE, ob in Deutschland die Einführung einer allgemeinen Helmpflicht für Fahrradfahrer nötig ist. Das Fahrradhelme bei Stürzen Leben retten, ist unbestritten. Trotzdem gibt es noch immer Biker, die auf ihn ver zichten – und eine Lobby gegen den Helm. Hier lesen Sie die ausführlichen Statements unserer Interviewpartner...

Helm oder nicht Helm, das ist hier die Frage. Eine Frage, die sich verantwortungsbewusste Mountainbiker eigentlich nicht stellen sollten. Es gibt de facto keinen sinnvollen Grund, der gegen einen Fahrradhelm spricht. Trotzdem zieren sich sowohl der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC), die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) als auch Hersteller Uvex, die Einführung einer allgemeinen Helmpflicht zu forcieren. Einzig die Ärzte der Deutschen Gesellschaft für Neurochirugie (DGNC) sprechen sich konsequent für die Helmpflicht aus.

Warum springen ADFC, DIMB und Uvex nicht auf diesen Zug auf? Anstatt eine breite Front pro Helmpflicht aufzubauen, scheint jeder seinen eigenen Weg zu gehen. Was denken Sie? Braucht Deutschland eine allgemeine Helmpflicht für Fahrradfahrer? Lesen Sie die Statements der Experten und diskutieren Sie mit uns.

Bettina Cibulski (Pressesprecherin ADFC)
Der ADFC spricht sich gegen eine Helmpflicht für Radfahrer aus. In
 Übereinstimmung mit dem Gesetzgeber, der eine solche Regelung ebenfalls
 mehrfach abgelehnt hat, setzen wir beim Thema Fahrradhelm ausschließlich auf
 Freiwilligkeit. Wir sind der Meinung, dass eine generelle Senkung des
 Unfallrisikos für Radfahrer vorrangig durch eine radfahrerfreundliche 
Verkehrsplanung erfolgen sollte. Eine Durchsetzung von Tempo 30 in bewohnten 
Gebieten kann darüber hinaus die Schwere von Unfallfolgen deutlich
 verringern. Einschränkende Maßnahmen gegenüber den Radfahrern dürfen unserer 
Auffassung nach jedenfalls kein Mittel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit
 sein. Auch kann ein Helm niemals ein hundertprozentiger Schutz vor 
Unfallfolgen sein: Der übrige Körper bleibt in jedem Fall ungeschützt, und
 auch der Helm schützt nur einen Teil des Kopfes. Oft kommt es bei Stürzen
 aber zu weiteren Verletzungen, z. B. im Gesicht.

 Die positiven Gesundheitseffekte des Radfahrens, auch ohne Helm, gleichen
 unserer Auffassung nach die Gesundheitsgefährdung durch Verletzungen bei
 weitem aus. Einer der großen Pluspunkte des Fahrrades besteht in der 
unkomplizierten Nutzung und in seiner einfachen Verfügbarkeit. Durch eine
 Helmpflicht, aber auch durch Kampagnen, die übermäßigen moralischen Druck 
ausüben oder mit Ängsten vor potenziellen Risiken des Radfahrens spielen,
würden unserer Auffassung nach unnötige und letztendlich schädliche Hürden
 gegenüber der Nutzung des Fahrrades aufgebaut. In den (weltweit übrigens nur
 wenigen) Ländern, die eine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer kennen,
 führten die entsprechenden Regelungen regelmäßig zu einem deutlichen
 Einbruch der Fahrradnutzung.


Thomas Kleinjohann (2. Vorstitzender DIMB)

Eine Helmpflicht nur für Radfahrer sehen wir nicht als zielführend an. Wir bauen hier auf die Vorbildfunktion der Radsportverbände und Medien, die die Biker zu „Überzeugungstätern“ machen. Der ADFC hat mit seiner Kinderkampagne HELMut und die „bike“ mit der Aktion „Save your Ass“ gezeigt, wie es geht. Beides hat viel bewegt. Mountainbiker sind glücklicherweise ganz überwiegend  „von Natur aus“ vernünftig und tragen freiwillig einen Helm, der Leben retten kann und sind damit ein gutes Vorbild für Kinder und Jugendliche.

Stefan Weiler (Verkaufsleiter Radsport Uvex)
Uvex ist der Meinung, dass eine gesetzliche Regelung für Erwachsene nich t
notwendig
 ist; Konsumenten sind mündige Bürger und in der Lage,  für sich selbst zu 
entscheiden. Unser Anreiz ist es, die Trageakzeptanz durch innovative und
 komfortable Produkte zu erhöhen.

 Uvex ist der Meinung, dass für Kinder unter 14 Jahren eine Helmpflicht 
sinnvoll wäre. Die Gefahrenerkennung im Straßenverkehr ist für Kinder in
 vielen Situationen schwieriger als für Erwachsene. Kinder sollten im
 Straßenverkehr den bestmöglichen Schutz erhalten.

Prof. Dr. Andreas Unterberg (1. Vorsitzender DGNC)

BIKE: Herr Prof. Unterberg, was halten Sie von der Einführung einer allgemeinen Helmpflicht?
So wie bei den Motorradfahrern auch, das ist ein Präventionsmittel um schwere Schädel-/Hirnverletzungen bei den Radfahrern zu verhindern oder die Anzahl und Schwere zu vermindern. Es ist unbestritten, dass das eine sinnvolle Maßnahme ist, beim Rad fahren einen Helm zu tragen. Mit einer Helmpflicht würde man das selbstverständlich noch untermauern und unterstützen. Ich weiß, dass es immer Leute gibt, die ihre persönliche Freiheit in den Vordergrund stellen. Wenn diese Leute aber dann nach einem, sagen wir Unfall, den sie persönlich hatten, nehmen wir mal an sie sind vom Fahrrad gestürzt, auf den Kopf gestürzt, und wollen dann medizinisch behandelt werden, da wollen sie plötzlich wieder zigtausende von Euro für ihre medizinische Behandlung haben, und die Frage ist, ob sich die Allgemeinheit das dann, auf Dauer, letztlich so leisten will.
Das war ja bei den Motorradfahrern im Prinzip genauso, und bei den Autofahrern, als die Gurtpflicht im Auto eingeführt wurde, auch genauso.
BIKE: Was halten Sie von dem Argument, dass es der Eigenverantworung jedes Fahrradfahrers obliegt, einen Helm zu tragen oder eben nicht.
Letzlich ist das ganze Leben in Eigenverantwortung, ist ja vollkommen klar. Aber in dem Moment, wo Menschen an den Folgen einer Erkrankung oder eines Unfalls behandelt werden müssen, der letztlich der Allgemeinheit dann auch zur Last gelegt wird, da hört der Spaß dann auf. Weil Sie ja, und wir alle, mit unseren Krankenkassenbeiträgen diese Leute mitfinanzieren.
Ich kann nur sagen, ein Helm für Fahrradfahrer ist eine absolut sinnvolle Maßnahme und verhindert schwere Schädel-Hirn-Traumen und mindert, wenn Traumen passieren, ihre Schwere und insofern wäre eine Helmtragepflicht wünschenswert von meiner Seite.

Weitere Infomationen zu DIMB, ADFC, DGNC oder Uvex 

Bettina Cibulski, ADFC

Thomas Kleinjohann, DIMB

Stefan Weiler, Uvex

Prof. Dr. Andreas Unterberg, DGNC

Dreuw am 06.02.2009