Independent Fabrication

Henri Lesewitz

 · 22.11.2016

Independent FabricationFoto: Hersteller

Als Fat City Cycles verkauft wurde, gründeten Ex-Mitarbeiter ein "unabhängiges Unternehmen". Independent Fabrication war geboren. Bis heute zählt die US-Schmiede aus Newmarket zu den Top-Adressen.

Independent Fabrication – seit 1995/USA

Es war in den Pionierjahren verpönt, sich mit Bilanzen zu befassen. Es ging um geile Räder, und dieser Blick für das Wesentliche wurde Kult-Schweißer Chris Chance 1994 zum Verhängnis. Als seine Schmiede Fat City Cycles finanziell den Bach runterging, legten sechs seiner Leute unter dem Namen Independent Fabrication los. Die Manufaktur gehört heute zu den angesagtesten Custom-Marken. Was nicht zuletzt Tyler Evens (im Bild oben) zu verdanken ist, dem detailverliebten Kunstschweißer. www.ifbikes.com

Bike: Independent Fabrication Ti Deluxe

Ein Bike von Independent Fabrication kann man nicht kaufen wie eine Flasche Shampoo oder ein Paar Socken. Man lässt es sich auf den Leib schneidern. Und auf den Charakter. Mindestens zwei Stunden dauert die Vermessung inklusive einer ausführlichen Befragung, die beinahe an eine Psychoanalyse erinnert. Immerhin gilt es aus mehr als einhundert möglichen Rohren diejenigen auszuwählen, die das gewünschte Fahrverhalten ermöglichen. Theoretisch ist alles möglich. Steifer Lenkkopf, komfortabler Hinterbau, oder beides. Kein Problem, solange der Kunde weiß, was er will.

Das Ti Deluxe markiert den Eichstrich der Offroad-Palette. Als 26-Zöller und 29-Zoll-Version zu haben und je nach Kundenwunsch unterschiedlich vom Charakter. Das Testrad wurde für die Rennstrecke gebaut. Steife Winkel und ein verhältnismäßig langes Oberrohr verlangen förmlich nach rasierten Beinen. Mit 1396 Gramm sprintet der Rahmen auch sofort auf Platz eins in der Gewichtswertung. Doch reicht das aus, um auf dem Trail auf die Tube zu drücken?

Sieht ganz so aus. Das Ti Deluxe stürmt im Wiegetritt nach vorne, ohne durch Verwindung zu nerven. Zwar merkt man ein ganz leichtes, seitliches Zucken im Tretlagerbereich. Doch das ist mit Blick auf das niedrige Gewicht okay. Schließlich wurde der Rahmen auch für eine austrainierte Dame hergestellt und nicht für den schlemmerfreudigen Testfahrer, dessen Puls inzwischen mit kurzen, heftigen Wellen durch den Körper brandet. Den verwinkelten Wurzel-Trail nimmt das IF spielerisch. Der Wechsel zwischen Vollgas und Kurvenfahrt ist die große Stärke des Bikes. Was auch an den ruinös teuren Laufrädern liegt – eine speed-geile Symbiose aus DT-Swiss-Naben, Messerspeichen und Carbon-Felgen von Edge. Der gekröpfte Lenker prüft am Steilstück kurz das Balance-Gefühl des Fahrers, um Sekunden später in der Abfahrt wieder für stabilen Puls zu sorgen. Dass Schaltung und Bremsen der pensionierten XTR-Gruppe angehören, stört nicht weiter, fällt aber auf. Der alte Krempel macht überdeutlich, wie wenig antiquiert sich dieser Rahmen fährt.


Test-Fazit: Ein Fels aus Titan in der Gischt des Carbon-Zeitalters. Klassische Optik vereint mit Temperament. So muss es sein.


Preis: 6475 Euro/Rahmen ab 3300 Euro
Gewicht: 9,7 Kilo*/Rahmen 1396 Gramm
Material: Titan
Lieferzeit: 1 Jahr
Geometrie: nach Wunsch
Ausstattung: Shimano XTR, DT Swiss, Edge-Felgen


* Komplettgewicht ohne Pedale

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