Er hat das Mountainbike nach Deutschland gebracht

Henri Lesewitz

 · 04.10.2016

Er hat das Mountainbike nach Deutschland gebrachtFoto: Oliver Soulas

Er hat als erster Biker die Alpen überquert. Wolfgang Renner könnte ordentlich auf den Putz zu hauen. Erst recht, wo seine Firma Centurion 40. Jubiläum feiert. Doch er geht mal wieder lieber biken.

Zwei Stunden lang hat Wolfgang Renner erzählt. Über sein Leben. Über die Geschichte seiner Marke Centurion. Über die Abenteuer, denen er sich auch heute noch, mit 68 Jahren, zum Austesten der eigenen Widerstandsfähigkeit aussetzt. Doch Renner ist unzufrieden. Er könnte noch so viele Anekdoten, Jahreszahlen und Statistiken in den Raum feuern. Das Entscheidende, die Genetik seines tiefsten Inneren, lässt sich einfach nicht in Worte fassen.

"Thorsten, ist der Meeting-Raum frei?", fragt Renner seinen Marketing-Mann, der mit am Schreibtisch sitzt. Thorsten nickt. Renner schnellt aus seinem ledernen Chefsessel empor. Showtime.

Der Meeting-Raum befindet sich im Erdgeschoss des kantigen Zweckbaus, der unscheinbar im Magstädter Industriegebiet klemmt. Der Raum ist groß, fast schon ein Saal. Renner verteilt 3D-Brillen, zieht die Vorhänge zu und postiert sich hinter einem mächtigen Projektoren-Ensemble, das aussieht wie das Exponat einer Ausstellung über das prä-digitale Zeitalter.

Farbmuster der nächsten Centurion-Kollektion. Foto: Oliver Soulas
Farbmuster der nächsten Centurion-Kollektion. 
Akrobatik im Sattel: Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen wurde Wolfgang Renner 1964 und 1965 Deutscher Meister im Kunstradfahren. Eine vom Vater vererbte Leidenschaft, mit der Renner im Alter von 18 Jahren schließlich brach. Er stieg auf Querfeldein um. Der Vater zeigte dafür wenig Verständnis. Nach zahlreichen Streiterein zog Wolfgang Renner schließlich aus der elterlichen Wohnung aus, um Querfeldein-Profi zu werden.Foto: Centurion
Akrobatik im Sattel: Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen wurde Wolfgang Renner 1964 und 1965 Deutscher Meister im Kunstradfahren. Eine vom Vater vererbte Leidenschaft, mit der Renner im Alter von 18 Jahren schließlich brach. Er stieg auf Querfeldein um. Der Vater zeigte dafür wenig Verständnis. Nach zahlreichen Streiterein zog Wolfgang Renner schließlich aus der elterlichen Wohnung aus, um Querfeldein-Profi zu werden.
Vollgas in Schlamm und Staub: Wolfgang Renner schaffte es in die Top-Liga der Radcrosser. Ein Unfall im Porsche beendete jäh die Karriere. Renner versuchte ein Comeback und wurde bei der WM in Prag Dritter. Fast hätte es zum Sieg gereicht, doch zwei Platten warfen ihn zurück. Der Schmerz in der Hüfte, eine Folge des Unfalls, blieb trotz Physiotherapie unerträglich. Entnervt zog Renner schließlich einen Schlussstrich unter seine Radsport-Karriere.Foto: Centurion
Vollgas in Schlamm und Staub: Wolfgang Renner schaffte es in die Top-Liga der Radcrosser. Ein Unfall im Porsche beendete jäh die Karriere. Renner versuchte ein Comeback und wurde bei der WM in Prag Dritter. Fast hätte es zum Sieg gereicht, doch zwei Platten warfen ihn zurück. Der Schmerz in der Hüfte, eine Folge des Unfalls, blieb trotz Physiotherapie unerträglich. Entnervt zog Renner schließlich einen Schlussstrich unter seine Radsport-Karriere.
Als Wolfgang Renner 1976 über einen Bekannten der Vertrieb von japanischen Komponenten angeboten wurde, griff er zu. Er eröffnete einen deutschen Ableger der Marke Centurion und vertrieb zunächst nur Teile. Ende der Siebziger holte Renner das BMX-Bike nach Deutschland. Er verkaufte nicht nur Material, sondern organisierte und moderierte auch Rennen. Unter dem Pseudonym "Danny Duncan" und vermummt mit Vollvisier-Helm erklärte er im TOUR-Magazin angesagte BMX-Tricks.Foto: Centurion
Als Wolfgang Renner 1976 über einen Bekannten der Vertrieb von japanischen Komponenten angeboten wurde, griff er zu. Er eröffnete einen deutschen Ableger der Marke Centurion und vertrieb zunächst nur Teile. Ende der Siebziger holte Renner das BMX-Bike nach Deutschland. Er verkaufte nicht nur Material, sondern organisierte und moderierte auch Rennen. Unter dem Pseudonym "Danny Duncan" und vermummt mit Vollvisier-Helm erklärte er im TOUR-Magazin angesagte BMX-Tricks.
Auf der damals legendären Bikeshow im kalifornischen Long Beach sah Wolfgang Renner 1980 zum ersten Mal Mountainbikes. Als Freund des Geländeradsports war er völlig fasziniert. Doch die Bikes kamen dem Ex-Rennfahrer viel zu unsportlich vor. Also ließ er bei Centurion einen Rahmen nach eigenen Geometrie-Vorstellungen fertigen. Das 1981 präsentierte "Country" gilt als erstes deutsches Mountainbike. Konifizierter Stahlrahmen, 2 x 6-Schaltung, Cross-Bremsen. Ein Jahr später wurden 300 Stück davon verkauft.Foto: Centurion
Auf der damals legendären Bikeshow im kalifornischen Long Beach sah Wolfgang Renner 1980 zum ersten Mal Mountainbikes. Als Freund des Geländeradsports war er völlig fasziniert. Doch die Bikes kamen dem Ex-Rennfahrer viel zu unsportlich vor. Also ließ er bei Centurion einen Rahmen nach eigenen Geometrie-Vorstellungen fertigen. Das 1981 präsentierte "Country" gilt als erstes deutsches Mountainbike. Konifizierter Stahlrahmen, 2 x 6-Schaltung, Cross-Bremsen. Ein Jahr später wurden 300 Stück davon verkauft.
Centurion-Chef und nebenbei Reporter beim Rennradmagazin TOUR: Wolfgang Renner gönnte sich in den Achtzigern kaum eine freie Minute. Unter seinem Pseudonym "Dieter Dreizack" erschienen zahlreiche Artikel. Die Bilder schoss er meist selbst. Wolfgang Renner ist bis heute ein passionierter Fotograf. Viele seiner Reisen hat er in 3D fotografiert.Foto: Centurion
Centurion-Chef und nebenbei Reporter beim Rennradmagazin TOUR: Wolfgang Renner gönnte sich in den Achtzigern kaum eine freie Minute. Unter seinem Pseudonym "Dieter Dreizack" erschienen zahlreiche Artikel. Die Bilder schoss er meist selbst. Wolfgang Renner ist bis heute ein passionierter Fotograf. Viele seiner Reisen hat er in 3D fotografiert.
Die Mountainbike-Tour von Lhasa nach Kathmandu zählt für Wolfgang Renner auch heute noch zu den Highlights seiner regen Reisetätigkeit. Nach dem Himalaya-Abenteuer wurde 1987 sogar ein Centurion-Sondermodell benannt – "Lhasa-Kathmandu" (Foto).Foto: Centurion
Die Mountainbike-Tour von Lhasa nach Kathmandu zählt für Wolfgang Renner auch heute noch zu den Highlights seiner regen Reisetätigkeit. Nach dem Himalaya-Abenteuer wurde 1987 sogar ein Centurion-Sondermodell benannt – "Lhasa-Kathmandu" (Foto).
Ein großer Tag für den Centurion-Versand: 1987 unterzeichnen Wolfgang Renner und Eddy Merckx einen Importeursvertrag. Die Räder des fünffachen Tour-de-France-Gewinners sind in der Rennrad-Szene Kult und werden nun von Magstadt aus unters Volk gebracht.Foto: Centurion
Ein großer Tag für den Centurion-Versand: 1987 unterzeichnen Wolfgang Renner und Eddy Merckx einen Importeursvertrag. Die Räder des fünffachen Tour-de-France-Gewinners sind in der Rennrad-Szene Kult und werden nun von Magstadt aus unters Volk gebracht.
Wolfgang Renner hat das erste deutsche MTB entwickelt. Er hat die erste Deutsche Meisterschaft im Mountainbiken organisiert. Er hat zusammen mit Andi Heckmair als erster Biker die Alpen überquert. Und er war neben Andi Heckmair und Hans Berger der erste Deutsche, der am sagenumwobenen Idita-Rennen in Alaska teilnahm. Der knapp 300 Kilometer lange Ausdauer-Irrsinn wurde schließlich vom Veranstalter abgebrochen, nachdem die Temperaturen mit Minus 40 Grad lebensgefährlich geworden waren. "Der Klügere gibt auf", titelte Renner bei seinem TOUR-Artikel, den er nach dem Rennen verfasste.Foto: Centurion
Wolfgang Renner hat das erste deutsche MTB entwickelt. Er hat die erste Deutsche Meisterschaft im Mountainbiken organisiert. Er hat zusammen mit Andi Heckmair als erster Biker die Alpen überquert. Und er war neben Andi Heckmair und Hans Berger der erste Deutsche, der am sagenumwobenen Idita-Rennen in Alaska teilnahm. Der knapp 300 Kilometer lange Ausdauer-Irrsinn wurde schließlich vom Veranstalter abgebrochen, nachdem die Temperaturen mit Minus 40 Grad lebensgefährlich geworden waren. "Der Klügere gibt auf", titelte Renner bei seinem TOUR-Artikel, den er nach dem Rennen verfasste.
Wann immer es die Zeit zulässt, schwingt sich Wolfgang Renner (li.) zusammen mit Radkumpels in den Sattel. Dieses Bild entstand bei einer Toskana-Tour in den Achtzigern. Mit dabei: Eddy Merckx (2. v. li.) und Rallye-Ass Walter Röhrl (Mitte).Foto: Centurion
Wann immer es die Zeit zulässt, schwingt sich Wolfgang Renner (li.) zusammen mit Radkumpels in den Sattel. Dieses Bild entstand bei einer Toskana-Tour in den Achtzigern. Mit dabei: Eddy Merckx (2. v. li.) und Rallye-Ass Walter Röhrl (Mitte).
Mitte der Neunziger dominierten noch Hardtails den MTB-Markt. Fullys galten bei Tourenfahrern als schwer, defektanfällig und kraftsaugend. Mit dem "No Pogo" präsentierte Centurion ein Bike, dass sensibel Unebenheiten wegpufferte, aber gleichzeitig jede Kurbelbewegung in Vortrieb umsetzte. Der bei Fullys so berüchtigte "Pedalrückschlag" war endlich eliminiert. Ein techischer Meilenstein. Das BIKE-Magazin kürte das No Pogo 1996 zum Bike des Jahres.Foto: Centurion
Mitte der Neunziger dominierten noch Hardtails den MTB-Markt. Fullys galten bei Tourenfahrern als schwer, defektanfällig und kraftsaugend. Mit dem "No Pogo" präsentierte Centurion ein Bike, dass sensibel Unebenheiten wegpufferte, aber gleichzeitig jede Kurbelbewegung in Vortrieb umsetzte. Der bei Fullys so berüchtigte "Pedalrückschlag" war endlich eliminiert. Ein techischer Meilenstein. Das BIKE-Magazin kürte das No Pogo 1996 zum Bike des Jahres.
Die Idee von BIKE-Herausgeber Uli Stanciu klang verrückt: Ein Rennen über die Alpen, acht Etappen, Zweier-Teams. Für Wolfgang Renner eine klare Sache, dass er dabei sein würde. Im Juli 1998 hechelte er bei der ersten BIKE Transalp Challenge zusammen im Team mit Uli Rottler zusammen mit 600 anderen Wahnsinnigen über die Alpen. Am Ende reichte es für Platz zwei in der Masters-Kategorie – hinter Gary Fisher und Jim Gentis. Das Sektfoto vom Ziel in Riva hat Fisher später Renner geschenkt (im Bild rechts) und signiert.Foto: Centurion
Die Idee von BIKE-Herausgeber Uli Stanciu klang verrückt: Ein Rennen über die Alpen, acht Etappen, Zweier-Teams. Für Wolfgang Renner eine klare Sache, dass er dabei sein würde. Im Juli 1998 hechelte er bei der ersten BIKE Transalp Challenge zusammen im Team mit Uli Rottler zusammen mit 600 anderen Wahnsinnigen über die Alpen. Am Ende reichte es für Platz zwei in der Masters-Kategorie – hinter Gary Fisher und Jim Gentis. Das Sektfoto vom Ziel in Riva hat Fisher später Renner geschenkt (im Bild rechts) und signiert.
Als Chef von Centurion ist Wolfgang Renner 12-Stunden-Arbeitstage gewohnt. Dennoch schwingt er sich so oft es geht in den Sattel, um sich fit zu halten. Bei der Merida Challenge fuhr er 2005 auf Platz drei. Ganz oben auf dem Podest stand damals Cross-Country-Ass José Hermida, der im Jahr zuvor immerhin Olympisches Silber gewonnen hatte. Ganz vorne im Bild: Merida-Inhaber Michael Tseng.Foto: Centurion
Als Chef von Centurion ist Wolfgang Renner 12-Stunden-Arbeitstage gewohnt. Dennoch schwingt er sich so oft es geht in den Sattel, um sich fit zu halten. Bei der Merida Challenge fuhr er 2005 auf Platz drei. Ganz oben auf dem Podest stand damals Cross-Country-Ass José Hermida, der im Jahr zuvor immerhin Olympisches Silber gewonnen hatte. Ganz vorne im Bild: Merida-Inhaber Michael Tseng.
Im Frühjahr 2006 feierte Centurion 30. Markenjubiläum. Die Firma war inzwischen auf knapp 100 Mitarbeiter angewachsen. Aus Anlass des Jubiläums wurde ein schneeweißes Sondermodell aufgelegt. Renner selbst gönnte sich in seiner bodenständigen, schwäbischen Art lediglich einen neuen Schreibtisch für sein Büro (siehe Foto).Foto: Centurion
Im Frühjahr 2006 feierte Centurion 30. Markenjubiläum. Die Firma war inzwischen auf knapp 100 Mitarbeiter angewachsen. Aus Anlass des Jubiläums wurde ein schneeweißes Sondermodell aufgelegt. Renner selbst gönnte sich in seiner bodenständigen, schwäbischen Art lediglich einen neuen Schreibtisch für sein Büro (siehe Foto).
Ein großer Tag! José Hermida wird 2010 in Mont-Sainte-Anne Cross-Country-Weltmeister. Wolfgang Renner freut sich mit ihm. Schließlich ist Renner indirekt auch der Chef des Teams. Seit einem Joint-Venture-Vertrag vertreibt Centurion nicht nur die Bikes von Taiwans Zweiradriesen Merida, sondern entwickelt die Modelle auch. Das Merida-Worldcup-Team mit José Hermida und Gunn-Rita Dahle Flesja wird ebenfalls von Magstadt aus gesteuert.Foto: Centurion
Ein großer Tag! José Hermida wird 2010 in Mont-Sainte-Anne Cross-Country-Weltmeister. Wolfgang Renner freut sich mit ihm. Schließlich ist Renner indirekt auch der Chef des Teams. Seit einem Joint-Venture-Vertrag vertreibt Centurion nicht nur die Bikes von Taiwans Zweiradriesen Merida, sondern entwickelt die Modelle auch. Das Merida-Worldcup-Team mit José Hermida und Gunn-Rita Dahle Flesja wird ebenfalls von Magstadt aus gesteuert.
Nach wie vor ein wichtiger Firmen-Eckpfeiler: Der Vertrieb von Zubehörmarken. Zu den großen Namen im Sortiment gehören zum Beispiel Answer, DT Swiss, FSA, Hayes, Sidi und Procraft.Foto: Centurion
Nach wie vor ein wichtiger Firmen-Eckpfeiler: Der Vertrieb von Zubehörmarken. Zu den großen Namen im Sortiment gehören zum Beispiel Answer, DT Swiss, FSA, Hayes, Sidi und Procraft.
Ein kleines Ründchen mit dem Ur-Centurion zum 40. Firmenjubiläum: Wolfgang Renner kurbelt trotz Minusgraden über die Trails. Das "Country" fährt sich aus heutiger Sicht etwas holperig, beeindruckt aber noch immer mit einer quirligen Geometrie. Die Race-Schuhe, die Renner trägt, passen nicht so wirklich zu den Bärentatzen-Pedalen. "Aber ich fahre doch nicht in Turnschuhen", grinst Renner.Foto: Centurion
Ein kleines Ründchen mit dem Ur-Centurion zum 40. Firmenjubiläum: Wolfgang Renner kurbelt trotz Minusgraden über die Trails. Das "Country" fährt sich aus heutiger Sicht etwas holperig, beeindruckt aber noch immer mit einer quirligen Geometrie. Die Race-Schuhe, die Renner trägt, passen nicht so wirklich zu den Bärentatzen-Pedalen. "Aber ich fahre doch nicht in Turnschuhen", grinst Renner.
Leicht, edel, rassig, schnell: Das auf 140 Stück limitierte Sondermodell "Backfire Carbon Edition.40" trägt die typischen Centurion-Gene in sich und giert nach der Rennstrecke. Ausgestattet mit Shimanos XTR Di2 und Rock Shox RS1-Gabel wiegt es 9,3 Kilo. Der Preis: 4999 Euro. www.centurion.deFoto: Hersteller
Leicht, edel, rassig, schnell: Das auf 140 Stück limitierte Sondermodell "Backfire Carbon Edition.40" trägt die typischen Centurion-Gene in sich und giert nach der Rennstrecke. Ausgestattet mit Shimanos XTR Di2 und Rock Shox RS1-Gabel wiegt es 9,3 Kilo. Der Preis: 4999 Euro. www.centurion.de
Jubiläum: Wolfgang Renner und 40 Jahre CenturionFoto: Oliver Soulas
Jubiläum: Wolfgang Renner und 40 Jahre Centurion
Im Bann des Schotters: Das erste Centurion konstruierte Wolfgang Renner, weil er endlich mal ohne Platten durch das Karwendel-Gebirge fahren wollte. Seine Abenteuer fotografiert Renner gerne in 3D für Dia-Shows.Foto: Oliver Soulas
Im Bann des Schotters: Das erste Centurion konstruierte Wolfgang Renner, weil er endlich mal ohne Platten durch das Karwendel-Gebirge fahren wollte. Seine Abenteuer fotografiert Renner gerne in 3D für Dia-Shows.
Auf die harte Tour: Beschwingt von Jubiläumslaune hat sich Wolfgang Renner mal wieder auf das Centurion Nummer eins geschwungen. Als er nach zwei Stunden zurück in die Firma rollt, ist er gut durchgeschüttelt.Foto: Oliver Soulas
Auf die harte Tour: Beschwingt von Jubiläumslaune hat sich Wolfgang Renner mal wieder auf das Centurion Nummer eins geschwungen. Als er nach zwei Stunden zurück in die Firma rollt, ist er gut durchgeschüttelt.
1981: Das Ur-Centurion namens "Country" hatte zwölf Gänge und einen Rahmen aus Stahl. Foto: Oliver Soulas
1981: Das Ur-Centurion namens "Country" hatte zwölf Gänge und einen Rahmen aus Stahl. 
2016: Das 40-Jahre-Sondermodell besteht fast vollständig aus Carbon. Gewicht: 9,3 Kilo. Foto: Oliver Soulas
2016: Das 40-Jahre-Sondermodell besteht fast vollständig aus Carbon. Gewicht: 9,3 Kilo. 
Farbmuster der nächsten Centurion-Kollektion. Foto: Oliver Soulas
Farbmuster der nächsten Centurion-Kollektion. 
Akrobatik im Sattel: Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen wurde Wolfgang Renner 1964 und 1965 Deutscher Meister im Kunstradfahren. Eine vom Vater vererbte Leidenschaft, mit der Renner im Alter von 18 Jahren schließlich brach. Er stieg auf Querfeldein um. Der Vater zeigte dafür wenig Verständnis. Nach zahlreichen Streiterein zog Wolfgang Renner schließlich aus der elterlichen Wohnung aus, um Querfeldein-Profi zu werden.Foto: Centurion
Akrobatik im Sattel: Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen wurde Wolfgang Renner 1964 und 1965 Deutscher Meister im Kunstradfahren. Eine vom Vater vererbte Leidenschaft, mit der Renner im Alter von 18 Jahren schließlich brach. Er stieg auf Querfeldein um. Der Vater zeigte dafür wenig Verständnis. Nach zahlreichen Streiterein zog Wolfgang Renner schließlich aus der elterlichen Wohnung aus, um Querfeldein-Profi zu werden.
Akrobatik im Sattel: Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jürgen wurde Wolfgang Renner 1964 und 1965 Deutscher Meister im Kunstradfahren. Eine vom Vater vererbte Leidenschaft, mit der Renner im Alter von 18 Jahren schließlich brach. Er stieg auf Querfeldein um. Der Vater zeigte dafür wenig Verständnis. Nach zahlreichen Streiterein zog Wolfgang Renner schließlich aus der elterlichen Wohnung aus, um Querfeldein-Profi zu werden.
Vollgas in Schlamm und Staub: Wolfgang Renner schaffte es in die Top-Liga der Radcrosser. Ein Unfall im Porsche beendete jäh die Karriere. Renner versuchte ein Comeback und wurde bei der WM in Prag Dritter. Fast hätte es zum Sieg gereicht, doch zwei Platten warfen ihn zurück. Der Schmerz in der Hüfte, eine Folge des Unfalls, blieb trotz Physiotherapie unerträglich. Entnervt zog Renner schließlich einen Schlussstrich unter seine Radsport-Karriere.
Als Wolfgang Renner 1976 über einen Bekannten der Vertrieb von japanischen Komponenten angeboten wurde, griff er zu. Er eröffnete einen deutschen Ableger der Marke Centurion und vertrieb zunächst nur Teile. Ende der Siebziger holte Renner das BMX-Bike nach Deutschland. Er verkaufte nicht nur Material, sondern organisierte und moderierte auch Rennen. Unter dem Pseudonym "Danny Duncan" und vermummt mit Vollvisier-Helm erklärte er im TOUR-Magazin angesagte BMX-Tricks.
Auf der damals legendären Bikeshow im kalifornischen Long Beach sah Wolfgang Renner 1980 zum ersten Mal Mountainbikes. Als Freund des Geländeradsports war er völlig fasziniert. Doch die Bikes kamen dem Ex-Rennfahrer viel zu unsportlich vor. Also ließ er bei Centurion einen Rahmen nach eigenen Geometrie-Vorstellungen fertigen. Das 1981 präsentierte "Country" gilt als erstes deutsches Mountainbike. Konifizierter Stahlrahmen, 2 x 6-Schaltung, Cross-Bremsen. Ein Jahr später wurden 300 Stück davon verkauft.
Centurion-Chef und nebenbei Reporter beim Rennradmagazin TOUR: Wolfgang Renner gönnte sich in den Achtzigern kaum eine freie Minute. Unter seinem Pseudonym "Dieter Dreizack" erschienen zahlreiche Artikel. Die Bilder schoss er meist selbst. Wolfgang Renner ist bis heute ein passionierter Fotograf. Viele seiner Reisen hat er in 3D fotografiert.
Die Mountainbike-Tour von Lhasa nach Kathmandu zählt für Wolfgang Renner auch heute noch zu den Highlights seiner regen Reisetätigkeit. Nach dem Himalaya-Abenteuer wurde 1987 sogar ein Centurion-Sondermodell benannt – "Lhasa-Kathmandu" (Foto).
Ein großer Tag für den Centurion-Versand: 1987 unterzeichnen Wolfgang Renner und Eddy Merckx einen Importeursvertrag. Die Räder des fünffachen Tour-de-France-Gewinners sind in der Rennrad-Szene Kult und werden nun von Magstadt aus unters Volk gebracht.
Wolfgang Renner hat das erste deutsche MTB entwickelt. Er hat die erste Deutsche Meisterschaft im Mountainbiken organisiert. Er hat zusammen mit Andi Heckmair als erster Biker die Alpen überquert. Und er war neben Andi Heckmair und Hans Berger der erste Deutsche, der am sagenumwobenen Idita-Rennen in Alaska teilnahm. Der knapp 300 Kilometer lange Ausdauer-Irrsinn wurde schließlich vom Veranstalter abgebrochen, nachdem die Temperaturen mit Minus 40 Grad lebensgefährlich geworden waren. "Der Klügere gibt auf", titelte Renner bei seinem TOUR-Artikel, den er nach dem Rennen verfasste.
Wann immer es die Zeit zulässt, schwingt sich Wolfgang Renner (li.) zusammen mit Radkumpels in den Sattel. Dieses Bild entstand bei einer Toskana-Tour in den Achtzigern. Mit dabei: Eddy Merckx (2. v. li.) und Rallye-Ass Walter Röhrl (Mitte).
Mitte der Neunziger dominierten noch Hardtails den MTB-Markt. Fullys galten bei Tourenfahrern als schwer, defektanfällig und kraftsaugend. Mit dem "No Pogo" präsentierte Centurion ein Bike, dass sensibel Unebenheiten wegpufferte, aber gleichzeitig jede Kurbelbewegung in Vortrieb umsetzte. Der bei Fullys so berüchtigte "Pedalrückschlag" war endlich eliminiert. Ein techischer Meilenstein. Das BIKE-Magazin kürte das No Pogo 1996 zum Bike des Jahres.
Die Idee von BIKE-Herausgeber Uli Stanciu klang verrückt: Ein Rennen über die Alpen, acht Etappen, Zweier-Teams. Für Wolfgang Renner eine klare Sache, dass er dabei sein würde. Im Juli 1998 hechelte er bei der ersten BIKE Transalp Challenge zusammen im Team mit Uli Rottler zusammen mit 600 anderen Wahnsinnigen über die Alpen. Am Ende reichte es für Platz zwei in der Masters-Kategorie – hinter Gary Fisher und Jim Gentis. Das Sektfoto vom Ziel in Riva hat Fisher später Renner geschenkt (im Bild rechts) und signiert.
Als Chef von Centurion ist Wolfgang Renner 12-Stunden-Arbeitstage gewohnt. Dennoch schwingt er sich so oft es geht in den Sattel, um sich fit zu halten. Bei der Merida Challenge fuhr er 2005 auf Platz drei. Ganz oben auf dem Podest stand damals Cross-Country-Ass José Hermida, der im Jahr zuvor immerhin Olympisches Silber gewonnen hatte. Ganz vorne im Bild: Merida-Inhaber Michael Tseng.
Im Frühjahr 2006 feierte Centurion 30. Markenjubiläum. Die Firma war inzwischen auf knapp 100 Mitarbeiter angewachsen. Aus Anlass des Jubiläums wurde ein schneeweißes Sondermodell aufgelegt. Renner selbst gönnte sich in seiner bodenständigen, schwäbischen Art lediglich einen neuen Schreibtisch für sein Büro (siehe Foto).
Ein großer Tag! José Hermida wird 2010 in Mont-Sainte-Anne Cross-Country-Weltmeister. Wolfgang Renner freut sich mit ihm. Schließlich ist Renner indirekt auch der Chef des Teams. Seit einem Joint-Venture-Vertrag vertreibt Centurion nicht nur die Bikes von Taiwans Zweiradriesen Merida, sondern entwickelt die Modelle auch. Das Merida-Worldcup-Team mit José Hermida und Gunn-Rita Dahle Flesja wird ebenfalls von Magstadt aus gesteuert.
Nach wie vor ein wichtiger Firmen-Eckpfeiler: Der Vertrieb von Zubehörmarken. Zu den großen Namen im Sortiment gehören zum Beispiel Answer, DT Swiss, FSA, Hayes, Sidi und Procraft.
Ein kleines Ründchen mit dem Ur-Centurion zum 40. Firmenjubiläum: Wolfgang Renner kurbelt trotz Minusgraden über die Trails. Das "Country" fährt sich aus heutiger Sicht etwas holperig, beeindruckt aber noch immer mit einer quirligen Geometrie. Die Race-Schuhe, die Renner trägt, passen nicht so wirklich zu den Bärentatzen-Pedalen. "Aber ich fahre doch nicht in Turnschuhen", grinst Renner.
Leicht, edel, rassig, schnell: Das auf 140 Stück limitierte Sondermodell "Backfire Carbon Edition.40" trägt die typischen Centurion-Gene in sich und giert nach der Rennstrecke. Ausgestattet mit Shimanos XTR Di2 und Rock Shox RS1-Gabel wiegt es 9,3 Kilo. Der Preis: 4999 Euro. www.centurion.de
Jubiläum: Wolfgang Renner und 40 Jahre Centurion
Im Bann des Schotters: Das erste Centurion konstruierte Wolfgang Renner, weil er endlich mal ohne Platten durch das Karwendel-Gebirge fahren wollte. Seine Abenteuer fotografiert Renner gerne in 3D für Dia-Shows.
Auf die harte Tour: Beschwingt von Jubiläumslaune hat sich Wolfgang Renner mal wieder auf das Centurion Nummer eins geschwungen. Als er nach zwei Stunden zurück in die Firma rollt, ist er gut durchgeschüttelt.
1981: Das Ur-Centurion namens "Country" hatte zwölf Gänge und einen Rahmen aus Stahl. 
2016: Das 40-Jahre-Sondermodell besteht fast vollständig aus Carbon. Gewicht: 9,3 Kilo. 
Farbmuster der nächsten Centurion-Kollektion. 

"Himalaja, 1987. Von Manali nach Leh. Ungefedert!", moderiert Renner in den atmosphärischen Sound-Teppich hinein, der nun mit zunehmender Dramatik aus den Lautsprechern dröhnt. Auf der Leinwand erstrahlen Bilder. Brachiale, dreidimensionale Landschaften, durch die kunterbunt gekleidete Biker kurbeln. Bestinformierte Branchen-Insider wissen um Renners Leidenschaft für 3D-Fotografie. Es ist, als würde man auf einem Stuhl im Himalaja sitzen und den wackeren Helden bei ihrem Ritt durch das Felsenmeer zuschauen. Man glaubt, die Kälte zu spüren, die Anstrengung, den Schweiß. Die Musik hat sich inzwischen zu einem hochdramatischen Klangkonstrukt aufgebaut, die Biker kämpfen sich dem finalen Megagipfel entgegen. Totale Ekstase. Huch, war der da nicht gerade Eddy Merckx, die Tour-de-France-Legende, einst genannt "der Kannibale"?

"Ja, ja, der Eddy. Der hatte mich damals ganz verzweifelt angerufen, weil er über 100 Kilo wog. Da habe ich zu ihm gesagt: ,Mensch Eddy, komm mit zum Biken in den Himalaja, da nimmst Du garantiert ab‘", lacht Renner, als das Abschlussfoto von der Leinwand gehuscht und der letzte Fetzen Musik aus den Boxen gewispert ist. Ergriffenes Schweigen. Wie nach einem guten Konzert, wenn das Licht angeht. Renner nimmt die 3D-Brille ab. Einen Moment lang ist es absolut still.

"Tja, das ist es, warum ich das Ganze mache", sagt Renner und schaltet die Projektoren aus. Marketing-Mann Thorsten nickt beeindruckt.

"Geile Tour. Kannte ich noch gar nicht."

Es gibt vieles, das von Wolfgang Renner nicht sonderlich bekannt ist. Er hat das Mountainbike nach Deutschland gebracht. Er überquerte zusammen mit Andi Heckmair als erster Biker die Alpen. Er schrieb an den ersten Ausgaben des TOUR-Magazins mit, organisierte die erste Deutsche Mountainbike-Meisterschaft, war bei der ersten BIKE Transalp Challenge am Start und hat aus der Uhrenarmband-Firma seines Schwiegervaters eines der wichtigsten Unternehmen der Bike-Industrie geformt. Wolfgang Renner hat Pionierleistungen vollbracht, doch in den Geschichtsbüchern stehen andere. Es ging ihm nie um Ruhm. Als Centurion 2006 das dreißigste Markenjubiläum feierte, ließ sich Renner nur zähneknirschend und nach beharrlichem Drängen seiner Marketing-Abteilung ins Zentrum der Anzeigenkampagne rücken. Im Mai nun also das vierzigste Jubiläum.

"Gary Fisher würde sich wahrscheinlich eine gelbe Krawatte umbinden und eine große Show veranstalten. So was ist nicht mein Ding. Ich werde mit dem Bike von Granada aus auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostella fahren. 1400 Kilometer, zusammen mit meinem Kumpel Reimund", sagt Renner. Vom limitierten 40-Jahre-Sondermodell, das produktionsfrisch in seinem Büro funkelt, erzählt er erst auf Nachfrage des Reporters. Plumpe Eigen-PR ist ihm unangenehm.

Die Geschichte des Mountainbike-Pioniers Wolfgang Renner begann Anfang der Sechziger. Um die 36 Mark für die Monatskarte zu sparen, fuhr Renner statt mit dem Zug mit seinem zwanzig Kilo schweren "Vaterland-Rad" nach Stuttgart, wo er eine Ausbildung zum Elektromechaniker absolvierte. Siebzig Kilometer täglich, bei jedem Wetter. Abends trainierte er mit Zwillingsbruder Jürgen Kunstrad-Akrobatik – eine vom Vater geerbte Leidenschaft. Als Renner aus einer Laune heraus bei einem Cross-Rennen startete und Zweiter wurde, nahm sein Leben eine plötzliche Wende.

"Mein Vater erfuhr von meinem Start aus dem Mitteilungsblatt. Er war außer sich. Für ihn war Kunstradfahren was Edles. Wie Cello oder Geige. Und nun spielte ich, bildlich gesprochen, plötzlich Trompete. Er sagte, wenn ich Cross fahren wolle, könne ich ausziehen." Renner wurde zum Star der Radcross-Szene. Er sammelte Titel und Medaillen. Bis zu jenem Mittwoch im Mai 1971, als er im neuen Porsche mit 200 Sachen in einem Alleebaum einschlug. Die zerschmetterten Hüftknochen wuchsen wieder zusammen, doch die Schmerzen bei Belastung blieben unerträglich. Renner übernahm von seinem Schwiegervater die Manufaktur für Uhrenarmbänder. Als ihm kurz darauf von einem Bekannten aus der Fahrradszene der Vertrieb der japanischen Marke Centurion angeboten wurde, griff er zu. Heute beschäftigt Renner um die 200 Mitarbeiter. Die Centurion-Palette umfasst knapp 100 Modelle, die von Merida noch einmal so viele. Seit einem Joint-Venture-Vertrag werden die Bikes des taiwanesischen Bike-Giganten nicht mehr nur von Magstadt aus vertrieben, sondern auch hier entwickelt. Die Firma wächst und wächst. Gerade hat Renner einen Mietvertrag für das riesige Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite unterschrieben.

"Da haben wir dann erst mal wieder ein paar Jahre Luft", sagt Renner.

  2016: Das 40-Jahre-Sondermodell besteht fast vollständig aus Carbon. Gewicht: 9,3 Kilo. Foto: Oliver Soulas
2016: Das 40-Jahre-Sondermodell besteht fast vollständig aus Carbon. Gewicht: 9,3 Kilo. 

Vierzig Jahre sind ein beeindruckendes Alter für eine Firma, deren Wurzeln im verhältnismäßig jungen Mountainbike-Sport liegen. Centurion hat viele Innovationen hervorgebracht. Doch nur zwei Modelle hat sich Renner aufgehoben. Das Eine ist ein rotes Thermoshape-Fully und hängt im Heizungskeller. Horrorkabinett, nennt Renner den Raum. Um sich gegen die wachsende Konkurrenz zu behaupten, setzte Centurion Ende der Neunziger voll auf das neue Thermoshape-Verfahren, bei dem die Rahmenteile aus einer Art Carbon-Guss gefertigt werden sollten. Am Tag vor der Transalp-Challenge bekam Renner einen Prototypen in den Startort Mittenwald geschickt. Schon nach den ersten Metern durchfuhr ihn nackte Panik. Der Rahmen war butterweich. Als er das Projekt wenig später stoppte, hatte er bereits sieben Millionen Mark investiert. Es hätte fast den Ruin von Centurion bedeutet, verrät Renner und guckt dabei mit einer Mischung aus Grusel und Erleichterung – wie ein Bergsteiger nach einem entgangenen Absturz. Dann lieber hin zu Exponat Nummer zwei. Das steht im Gang zwischen Lager und Bürogebäude. Der jägergrüne Metallic-Lack funkelt im Licht der Deckenstrahler: das Country, das Centurion Nummer eins. Renner zieht die klobigen Bremshebel, hebt das Bike an, um das Gewicht zu prüfen. Breites Grinsen.

"Grün. Damals waren alle Bikes grün. Komm, damit fahre ich jetzt ’ne Runde."

  Auf die harte Tour: Beschwingt von Jubiläumslaune hat sich Wolfgang Renner mal wieder auf das Centurion Nummer eins geschwungen. Als er nach zwei Stunden zurück in die Firma rollt, ist er gut durchgeschüttelt.Foto: Oliver Soulas
Auf die harte Tour: Beschwingt von Jubiläumslaune hat sich Wolfgang Renner mal wieder auf das Centurion Nummer eins geschwungen. Als er nach zwei Stunden zurück in die Firma rollt, ist er gut durchgeschüttelt.

Wenig später biegt Renner in die Cross-Strecke des RV Pfeil Magstadt. Der Tritt ist rund. Die Wadenmuskeln drücken Kanten ins Lycra. Renner ist top in Form. Kein Gramm Fett. Vor ein paar Wochen ist er im Himalaja ein Etappenrennen gefahren. "Bisschen holprig ohne Federgabel", ruft Renner, die Atemstöße kondensieren in der kalten Luft. Zackige Kurvenkombination, kurzer Anstieg, Wurzelschikane.

"Schon erstaunlich, wie quirlig die Geome­trie damals schon war. Da hat sich gar nicht so viel verändert", staunt Renner.

Die Messe in Long Beach in der Nähe von Los Angeles war in den Siebzigern und Achtzigern das, was heute die Eurobike-Messe ist: die Leistungsschau der Fahrradindustrie. 1980 erspähte Renner dort das erste Mal Mountainbikes. Er war fasziniert. Im Jahr zuvor hatte er sich mit dem Cross-Rad ins Karwendel-Gebirge gewagt. Die Plattfüße konnte er am Ende gar nicht zählen. Diese Bikes schienen die Lösung. Leider machten sie noch keinen besonders ausgereiften Eindruck.

"Das lag am guten Wetter in Kalifornien. Typen wie Gary Fisher arbeiteten ja immer nur ein bisschen, weil sie ständig biken waren", grinst Renner, dem eher schwäbisches Perfektionsstreben innewohnt:

"Die Ami-Bikes fuhren sich grausam. Da habe ich eben selbst eine Geometrie gezeichnet. Einfach auf ein Blatt Papier. Ich wollte was für’s Karwendel."

Im Frühjahr 1982 ging das Country mit 300 Stück in Serie. Es gilt als erstes deutsches Mountainbike. Renner wurde vom Großhändler zum Hersteller. Später investierte er sein gesamtes Vermögen, um sich die Rechte am Namen Centurion zu sichern.

Es ist später Nachmittag. Renner sitzt wieder im Büro. Auf seinem chromgläsernen Designer-Schreibtisch, den er sich vor zehn Jahren aus Anlass des dreißigsten Markenjubiläums gegönnt hat, stehen zwei Pumpkannen mit Tee und ein Teller mit belegten Semmeln. Die Radklamotten hat er noch an. Zum Umziehen war noch keine Zeit. Renner ist in Plauderlaune. Es geht um Abenteuer, um Rennen, um Begegnungen. Es trieft aus jedem Satz heraus: Im Herzen ist Renner immer Biker geblieben. Man möchte sich am liebsten an einem knisternden Kaminfeuer in einem Ohrensessel niederlassen, um den Geschichten zu lauschen.

  Im Bann des Schotters: Das erste Centurion konstruierte Wolfgang Renner, weil er endlich mal ohne Platten durch das Karwendel-Gebirge fahren wollte. Seine Abenteuer fotografiert Renner gerne in 3D für Dia-Shows.Foto: Oliver Soulas
Im Bann des Schotters: Das erste Centurion konstruierte Wolfgang Renner, weil er endlich mal ohne Platten durch das Karwendel-Gebirge fahren wollte. Seine Abenteuer fotografiert Renner gerne in 3D für Dia-Shows.

"Das mit der ersten Deutschen Meisterschaft weiß zum Beispiel heute auch kein Mensch mehr." Renner hatte 1990 einfach Titelkämpfe organisiert, nachdem der Bund Deutscher Radfahrer, damals äußerst skeptisch gegenüber dieser neuartigen, wilden Randdisziplin, die Ausrichtung verweigert hatte. Ein Kumpel von Renner hatte die Ausschreibung Minuten vor Andruck in die Verbandszeitung geschmuggelt. Der Platz war mit einem konspirativen Schachzug extra freigehalten worden. 1500 Fahrer kamen nach Münsingen zur ersten Deutschen MTB-Meisterschaft. Mike Kluge gewann.

"Der BDR hat hohlgedreht", freut sich Renner heute noch: "Da war der Teufel los. Ich fand das obergeil."

Unlängst hat Renner alles aufgeschrieben, eine Biografie. 150 Exemplare, nur für Freunde. Das Buch zu veröffentlichen, würde ihm nie einfallen. Das wäre ja so, wie sich eine gelbe Krawatte umzubinden.

Draußen ist es dunkel geworden. Marketing-Mann Thorsten ist Alu-Folie holen gegangen, um die übrig gebliebenen Semmeln einzupacken. Renner wird jetzt Feierabend machen. Auch so ein Geschenk, das er sich zum 40. Jubiläum gemacht hat. Mehr Zeit für sich. Auf dem Schreibtisch steht noch das Mikrofon, mit dem er am Computer Englisch für die Pilotenprüfung geübt hat. Seit ein paar Tagen hat er die Fluglizenz für ein- und zweimotorige Maschinen in der Tasche. Ein lang gehegter Traum. Für ihn, der jahrzehntelang täglich zwölf Stunden gearbeitet hat, ist das zarte Loslassen ein großer Schritt. Renner ist so alt wie "Lemmy" Kilmister, der Heavy-Metal-Gott, der mit seiner Band Motörhead gerade die "40 Jahre Motörhead"-Tournee absolviert. Ständig müssen Konzerte abgebrochen werden. Der mürbe Lemmy kann kaum noch stehen. Um Centurion-Frontmann Renner muss man sich da keine Sorgen machen. Bis zu seinem 75. Geburtstag will er mindestens noch weitermachen.

Es wäre der ultimative Einstieg in den Ruhestand: eine Himalaja-Tour mit dem Sondermodell "50 Jahre Centurion" – im Rucksack die 3D-Kamera.


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