SchaltungenWie gut funktioniert die Vyro AmEn1 Kurbel?

Christian Artmann

 · 20.04.2017

Wie gut funktioniert die Vyro AmEn1 Kurbel?Foto: Robert Niedring

1fach-, 2fach-, 3fach-Kettenblatt. 10, 11 oder 12 Ritzel. Ein Überangebot an Antrieben, aber es gibt Lücken für neue Konzepte. Vyro Components wagt den Schritt mit der wandelbaren Kurbel Vyro AmEn1.

Während Sram im Frühjahr den Umwerfer bereits zu Grabe getragen hat, zeigen unsere Umfragen, dass Mehrfach-Kurbeln auch weiterhin noch hoch in der Gunst der Leserschaft stehen. Genau darauf setzte die junge österreichische Komponentenschmiede Vyro, als sie per Crowdfunding die AmEn1-Kurbel aus der Taufe hob und im Direktvertrieb zum Kauf anbietet. Bisher war die Funktionsweise von Mehrfach-Kurbeln eindeutig: Die Kette wird mit Hilfe eines Umwerfers zwischen parallel laufenden Kettenblättern hin und her geführt. Weil sich die Kette dazu seitlich verschränken muss, ist es notwendig, für einen kurzen Moment Druck vom Pedal zu nehmen. Die segmentierte AmEn1-Kurbel von Vyro Components geht einen komplett anderen Weg. Hier klappen die einzelnen Segmente des großen Kettenblattes im richtigen Moment (also etwa in der unbelasteten Neun-Uhr-Stellung des Segments) in die Kettenlinie bzw. wieder heraus. Die Kette wird also nur auf das große Kettenblatt angehoben oder "fällt" auf das fixe, kleine Kettenblatt herunter – ohne seitliche Belastung.

In der Praxis soll der Vyro-Fahrer so selbst unter Maximallast vorne sicher schalten können. Die dafür notwendige Technik ist allerdings alles andere als trivial. So wird an der Kurbel jedes Segment des großen Kettenblattes über kleine Schieberplatten auf genau definierten Führungsbahnen (beide Bauteile sind aus faserverstärktem Kunststoff-Spritzguss) ein- oder ausgeklappt. Auf der Rahmenseite liegt hinter der Kurbel die Schalt- und Führungsplatte. Dort sitzt der kleine, bewegliche Exzenter (siehe unten), der je nach Position die Zapfen der Schieberplatten nach oben oder nach unten abdrängt – dadurch klappen die Kettenblattsegmente ein- bzw. aus. Geschaltet wird das Vyro-System mit einem normalen Zwei- oder Dreifach-Schalthebel von Shimano oder Sram. Ob die innovative Kurbel aus Österreich wirklich das Zeug dazu hat, den Vormarsch der Einfachantriebe á la Sram Eagle zu verlangsamen, und ob sie eine echte Alternative zu klassischen Kurbel-/Umwerfer-Systemen ist, durfte sie in unserem Praxistest zeigen.

  1. Auf der Innenseite erkennt man den Aufbau der Vyro Kurbel mit den einzelnen Kettenblattsegmenten und den vier Schieberplatten zur Steuerung.Foto: Robert Niedring
1. Auf der Innenseite erkennt man den Aufbau der Vyro Kurbel mit den einzelnen Kettenblattsegmenten und den vier Schieberplatten zur Steuerung.
  2. Die Schalt-/Führungsplatte. Nur der kleine Exzenter drückt je nach Position die Schieberplatten nach oben oder unten.Foto: Robert Niedring
2. Die Schalt-/Führungsplatte. Nur der kleine Exzenter drückt je nach Position die Schieberplatten nach oben oder unten.
  3. Über das Alu-Insert kann man die Pedale in zwei Positionen montieren – mit einer effektiven Kurbellänge von 175 oder 170 mm.Foto: Robert Niedring
3. Über das Alu-Insert kann man die Pedale in zwei Positionen montieren – mit einer effektiven Kurbellänge von 175 oder 170 mm.
  4. Hier sind die Segmente des großen 36er-Kettenblattes nach außen geklappt. Die Kette läuft auf dem kleinen 24-Zahn-Kettenblatt.Foto: Robert Niedring
4. Hier sind die Segmente des großen 36er-Kettenblattes nach außen geklappt. Die Kette läuft auf dem kleinen 24-Zahn-Kettenblatt.
  5. Beim Hochschalten klappt das erste Kettenblattsegment im richtigen Moment nach innen, schiebt sich in die Kettenlinie und hebt so die Kette an. Foto: Robert Niedring
5. Beim Hochschalten klappt das erste Kettenblattsegment im richtigen Moment nach innen, schiebt sich in die Kettenlinie und hebt so die Kette an. 
  6. Dreht sich die Kurbel weiter, klappen alle Segmente der Reihe nach nach innen – die Kette läuft auf dem großen Kettenblatt. Foto: Robert Niedring
6. Dreht sich die Kurbel weiter, klappen alle Segmente der Reihe nach nach innen – die Kette läuft auf dem großen Kettenblatt. 

Test-Fazit von Christian Artmann, BIKE-Autor

  Christian Artmann, BIKE-AutorFoto: Georg Grieshaber
Christian Artmann, BIKE-Autor

Wenn die Vyro-Kurbel funktioniert, dann funktioniert sie genial – das bringt selbst eingefleischte Einfach-Fahrer wieder auf den Geschmack. Leider hatten die Muster in unserem Test alle recht früh Funktionsprobleme. Auf einiges hat Vyro bereits reagiert und Details überarbeitet, aber das Testergebnis zeigt trotzdem, dass das System noch nicht ausgereift ist.

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PRAXISTEST

Ein findiges Konzept, aber der komplexe Aufbau und die vielen Variablen machen der Vyro AmEn1 das Leben schwer.

Vyro beschreitet mit der AmEn1 neue Wege – Wege mit so manchen Stolpersteinen. Einer davon: die Rahmen-Kompatibilität. So ist die Alu-Kurbel nur an Rahmen mit BSA-Tretlager, mit und ohne ISCG-Aufnahme, problemlos montierbar. Rahmen mit Pressfit-Tretlager brauchen eine ISCG-Aufnahme, hier passt die Schaltplatte aber oft nicht. Auch Boost-Rahmen sind derzeit nicht kompatibel. Eine passende Version soll aber noch im Herbst folgen. Die Montage selbst ist mit etwas Sorgfalt und den Online-Tutorials des Herstellers nicht sehr schwierig. Auf dem Trail kommt dann doch Begeisterung auf. Ein Druck am Schalthebel, und wie von Geisterhand schwenken die vier Kettenblattsegmente mit deutlichen Klack-Geräuschen ein oder aus. Schalten unter Volllast gelingt wie versprochen einfach und schnell.

  Der abgerissene Schaltstutzen an der Schieberplatte der Vyro EmEn1 ist einer der Defekte, die wir im Praxistest hatten. Ärgerlich, aber zumindest auch schnell ausgetauscht.Foto: Georg Grieshaber
Der abgerissene Schaltstutzen an der Schieberplatte der Vyro EmEn1 ist einer der Defekte, die wir im Praxistest hatten. Ärgerlich, aber zumindest auch schnell ausgetauscht.

Der große Wermutstropfen des Systems lag während unseres Praxistests aber in der Zuverlässigkeit. Trotz mehrfachen Austauschs hat kein Testmuster lange durchgehalten. Weil bei einem MTB-Antrieb viele Komponenten zusammenarbeiten müssen, ist es zwar nicht sicher, dass die Probleme allein von der Kurbel stammen, die wiederholten Defekte zeigen aber, dass die Vyro AmEn1 noch unter ernstzunehmenden Schwächen leidet.


FAKTEN


Name Vyro AmEn1


Infos www.vyro.com
Preis 395 Euro


Gewicht 722 g (Kurbel) / 125 g (Schalt-/Führungsplatte )
Kettenblätter 24/36 (weitere Abstufungen in Vorbereitung)
Tretlagerachse 24 mm, Alu (als FrEn1 in Stahl)
Lieferumfang Alu-Kurbel, Schaltplatte (mit Bashguard), Kleinteile und BSA-Tretlager
Besonderheiten Customizing durch farbige Kunststoffteile

  Praxistest: MTB Kurbel Vyro AmEn1Foto: Georg Grieshaber
Praxistest: MTB Kurbel Vyro AmEn1


VIDEO Das Funktionsvideo zur Vyro AmEn1 gibt es hier.

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INTERVIEW


Gregor Schuster, der Kopf hinter Vyro, ist leidenschaftlicher Biker und Erfinder: „Die Vyro Amen1 ist die nächste Evolutionsstufe der 2-fach-Kurbel.“


Woher stammt die Idee der segmentierten Kurbel?
Eigentlich noch aus den 90er-Jahren. Damals musste man als aggressiver Fahrer entweder mit ständigem Chainsuck leben oder eine schwergängige Getriebekurbel fahren. Seither gab es viele Entwicklungsstufen bis zur heutigen Serienreife.


Wie traut man sich als Erfinder an ein derart komplexes System?
Das geht nur mit viel Idealismus, der festen Überzeugung, wirklich eine gute Idee zu haben und viel, viel Durchhaltevermögen. Aber wie Euer Test zeigt, ist der Weg noch nicht zu Ende.


In unserem Praxistest gab es ja wiederholt technische Probleme – was sagst Du dazu?
Viele der Defekte sind noch nie vorher bei Kunden aufgetreten und zeigen, wie intensiv die BIKE testet. Rückblickend war jeder Defekt ein Indiz für Defizite in der Konstruktion, die mittlerweile alle schon behoben sind oder noch werden.


War die AmEn1 Dein großer Coup, oder können wir noch mehr erwarten?
Ich arbeite noch an vielen spannenden Ideen, aber darüber kann ich hier noch nichts sagen.

  Gregor Schuster, Vyro ErfinderFoto: Hersteller
Gregor Schuster, Vyro Erfinder

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