SRAM Hammerschmidt-Getriebeschaltung

Hammerschmidt-Getriebe im ersten Test

  • Markus Greber
 • Publiziert vor 13 Jahren

Das ominöse „Hammerschmidt“-Getriebe ist das bestgehütete Geheimnis der Branche. Bei einem konspirativen Treffen im Rahmen des Sea-Otter-Festivals konnten wir die Wunderkurbel erstmals ausprobieren.

Amerikaner haben ein Faible für theatralische Inszenierungen und Geheimniskrämereien. So spannend war es jedoch selten. “Fühlen statt sehen” war das Motto der etwas anderen Präsentation der revolutionären “Hammerschmidt”-Getriebeschaltung (siehe BIKE 2/08). Nur wenige ausgesuchte Journalisten wurden einzeln und mit verbundenen Augen in eine streng bewachte, stockdunkle Suite des Hotels “Embassy Suites” geführt (Bild oben). Sphärische Klänge hallten durch den Raum (ob diese wohl unschöne Geräusche der Schaltung überdecken sollten?). Dann der entscheidende Moment: aufsitzen auf ein Bike, das auf einem Rollentrainer montiert war.

Rückblick: Im Januar hatten wir erfahren, dass SRAM an einem Antriebskonzept namens “Hammerschmidt” arbeitet. Wir fanden heraus, dass es sich um ein zweistufiges, sogenanntes “Planetengetriebe” handelt, das die drei Kettenblätter samt Umwerfer ersetzt.

Kurbeln mit der Hammerschmidt im Blindtest

Die folgenden Aussagen basieren auf Fahreindrücken mit besagtem Testbike auf der Rolle und auf logischen Schlussfolgerungen. Denn SRAM beantwortete keine Fragen.


1. Die Schaltung ist nicht viel größer als ein kleines (24er-) Kettenblatt. Das war mit dem Fuß zu fühlen. Das bedeutet, auf dem kleinen Kettenblatt ist das System eins zu eins, also verlustfrei, übersetzt. Weiteres Indiz hierfür: Ich glaubte, im höheren Gang ein leichtes “Mahlen” – ähnlich einer Rohloff- Nabe in einem ungünstigen Gang – zu spüren. Das bedeutet: Im kleinen Bergauf-Gang müsste der Wirkungsgrad des “Hammerschmidt”-Getriebes mindes tens so gut sein wie bei einer Kettenschaltung. Und: Während die kleineren hinteren Ritzel bei einer Kettenschaltung tabu sind, lassen sich diese mit dem “Hammer schmidt”-Getriebe problemlos schalten.


2. Weiterer Vorteil der geringen Größe: Die enorme Bodenfreiheit, Aufsetzen mit dem Kettenblatt dürfte Vergangenheit sein.


3. Geschaltet wurde auf dem Rollentrainer mit normalen “Trigger”-Schalthebeln. Der Gangwechsel funktioniert extrem weich, unabhängig davon, ob man in die Pedale tritt oder nicht. Selbst unter Volllast funktioniert der Schaltvorgang ohne Haken. Schalten ohne zu treten – das eröffnet völlig neue Möglichkeiten in schwerem Gelände.


4. Die Übersetzungskombinationen sind vermutlich problemlos austauschbar. In Kombination mit der voll nutzbaren Bandbreite hinten könnte das bedeuten: Auch mit nur zwei Gängen ist die Entfaltung nicht viel schlechter als mit drei Kettenblättern.

DAS PRINZIP: Mit unserer Funktionsgrafik in BIKE 2/2008 lagen wir gar nicht so falsch. Die Kraft wird über die Kurbel auf die Achsen der drei „Planetenräder“ (gelb) übertragen. Das „Sonnenrad“ (rot) steht fest. Das Innenlager hat keine Kraftübertragungs-Funktion, sondern hält nur noch die Kurbeln zusammen.


5. Chainsuck und herunterfallende Kette, rasselnde Umwerfer und unpräzise Schaltvorgänge vorne kann man mit dem “Hammerschmidt”-Getriebe vergessen. Auch der Kettenverschleiß dürfte deutlich besser werden.


6. Mit drei Kettenblättern vorne ist die Hinterbau- Kinematik immer nur ein Kompromiss. Auch bei effizienten und ausgeklügelten Systemen kann die Drehpunktlage des Hinterbaus nur auf ein Kettenblatt optimiert werden. Mit dem “Hammerschmidt”-Getriebe können die Hersteller ihren Bikes die optimale Kinematik verpassen. Da das System aber einen Rahmen mit Spezialaufnahmen verlangt, wird eine neue Rahmengeneration kommen, die speziell auf das Getriebe ausgelegt ist.


7. Das System ist vermutlich voll gekapselt und damit nahezu wartungsfrei.


8. Das “Hammerschmidt”-Getriebe wird höchstwahrscheinlich ein Produkt der SRAM-Tochter Truvativ. Erstens ist Truvativ zuständig für Antriebskomponenten. Zweitens passt der Name ins restliche Produktportfolio mit “Hussefelt”, “Holzfeller” und Co. Da diese Namensgebung typisch für Truvativs Enduro- und Freeride-Komponenten ist, liegt die Vermutung nahe, dass das “Hammerschmidt”-Getriebe zunächst bei dieser Zielgruppe positioniert wird.

Unser Fazit zur Hammerschmidt-Getriebeschaltung:

Wenn “Hammerschmidt” bei Tageslicht genauso gut funktioniert wie in der dunklen Suite, könnte das Getriebe die nächste große Evolutionsstufe einleiten – zumindest im All-Mountain- und Endurobereich. Kritische Faktoren für Marathon-Bikes könnten noch das Gewicht und der Wirkungsgrad sein. Aber auch das lässt sich in Zukunft sicher in den Griff bekommen.

Themen: GetriebeHammerschmidtSchaltungSRAM


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