SchaltungenKeep it simple: Shimano XTR Di2 gegen Sram Eagle XX1

Stephan Ottmar

 · 3/9/2017

Keep it simple: Shimano XTR Di2 gegen Sram Eagle XX1Foto: Stephan Ottmar

Ein Schalthebel reicht. Shimano XTR Di2 und Sram Eagle XX1 machen den linken Shifter überflüssig und heben die Schalt-Performance auf ein neues Niveau. Wir haben es ausprobiert.


(Test aus BIKE 8/2016) 50 spitze Zähne rotieren am riesigen Ritzel im Hinterrad unseres Test-Bikes, das kleinste Zahnrad der Sram XX1 Eagle kommt mit zehn aus. Diese Spreizung (500 % an der Kassette) ist ein echtes Novum. Die Entwickler erweitern die Kassette auf zwölf Gänge und wollen damit Mehrfach-Kettenblätter an der Kurbel überflüssig machen. Die Eagle verzichtet vollständig auf Shifter, Umwerfer und Schaltzug: 1x12 ist der Ansatz.

Das Kürzel Di2 gibt bei Shimano den Hinweis: Hier wird elektronisch geschaltet. Die Top-Gruppe XTR in elektrifizierter Version besitzt zwar immer noch zwei (bei Bedarf auch drei) Kettenblätter, der Platz für den Shifter an der linken Lenkerhälfte kann jedoch ebenfalls leer* bleiben. Die Schaltung ist clever: Über den Schalthebel auf der rechten Seite wählt der Fahrer, ob er nach oben oder nach unten schalten möchte. Ein Klick, und die Kette wandert ein Ritzel weiter, wird der Schräglauf der Kette zu groß, wechselt das System entsprechend auch das Kettenblatt, um die richtige Übersetzung einzustellen. Auch mehrere Gänge sind schaltbar. Werden kleine Gänge angefordert, führt der Umwerfer automatisch einen Gangwechsel durch, ein kurzes Piepen kündigt es an. Schaltzüge benötigen die Japaner in ihrem System keine, dafür Stromkabel und einen Akku. Die Bandbreite am getesteten System: 26 und 36 Zähne an der Kurbel und eine Elf-Gang-Kassette mit 11–40 Zähnen: also 2x11.

Die entscheidende Rolle beim Vergleich Einfach gegen Zweifach spielt die Abstufung der Gänge und die Bandbreite der Übersetzung. Die Frage lautet: Fühlen sich auch Amateursportler mit der Abstimmung beider Systeme wohl, oder bleiben sie Rennsportlern vorbehalten? Ergo: Stehen genügend Gänge für eine feine Abstufung zur Verfügung? Reicht der kleinste Gang für steile Rampen, und liefert gleichzeitig der größte genügend Speed?

  500 Prozent Gangspreizung packt Sram auf die neue 12er-Kassette der XX1 Eagle. An der Kurbel dreht sich nur ein Kettenblatt.Foto: Robert Niedring
500 Prozent Gangspreizung packt Sram auf die neue 12er-Kassette der XX1 Eagle. An der Kurbel dreht sich nur ein Kettenblatt.

Das Handling der XTR Di2 ist so simpel wie leichtgängig. Die Schaltklicks des Hebels sind klar definiert. Der untere, etwas längere Schalthebel wechselt auf die höheren Ritzel, der kleine obere Knopf wirft die Kette nach unten auf die schweren Gänge (eine umgekehrte Belegung ist programmierbar). Die elf Gänge an der Kassette mit 11 bis 40 Zähnen rasten zügig ein, es muss kaum Druck vom Pedal genommen werden. Der Wechsel des Kettenblatts unter Last ist gut möglich – allerdings etwas rauer als an der Kassette. Wie von den mechanischen Kettenschaltungen bekannt, beschleunigt eine kurze Entlastung den Wechsel des vorderen Blatts und verhindert Schaltungsknirschen. Ein kleines Display am Vorbau gibt Auskunft über den eingelegten Gang.

Gewohnt knackig rasten die Gänge an der XX1 Eagle ein. Nach oben (Richtung große Ritzel) sind bis zu sechs Gänge mit einem Druck auf den langen Hebel möglich. Auch unter Last schiebt der lange Schaltkäfig die Kette definiert und präzise über die Ritzel.

Der Wechsel nach unten benötigt für jedes Ritzel einen separaten Klick. Folgt einer Kuppe eine steile Abfahrt, muss man also schnell mehrfach schalten. Die Di2 kann mehrere Gänge schalten: Lässt man den Finger auf dem Hebel liegen, rattern Schaltwerk und Umwerfer alle Gänge bis zum Endanschlag durch.

Für Speed-Passagen liefern beide Schaltungen fast identische Werte: Bei einer Trittfrequenz von 80 Umdrehungen pro Minute erreicht man mit der Sram 34,0 und mit der Shimano 34,8 Kilometer pro Stunde – mit 27,5-Zoll-Laufrädern. Im leichtesten Gang beträgt die Reisegeschwindigkeit bei 80 Kurbelumdrehungen 6,8 (XX1) und 6,9 km/h (Di2). Diese Werte liegen auf dem Niveau von klassischen Übersetzungen mit Dreifach-Kettenblättern und sind auch für Hobby-Sportler vollkommen ausreichend.

An der XTR stehen nur theoretisch 22 Gangkombinationen zur Verfügung, durch das automatisierte Schalten (Synchro-Shift) sind es maximal noch 16, denn nach Erreichen des fünften Ritzels wechselt das System immer auf das große Kettenblatt. Zieht man noch die doppelten Gänge ab, die aufgrund der zwei Kettenblätter eine sehr ähnliche Übersetzung erzeugen, bleiben 13 gut abgestufte Gänge übrig. Die Eagle bietet zwölf.

Von den nackten Fakten liegen beide Antriebe also auf ähnlichem Niveau. Doch die Vorliebe der Tester nach dem Systemvergleich sprechen eine andere Sprache: die Einfachheit überzeugt. Wieso sich jede Menge Elektronik ans Bike montieren, wenn eine gute mechanische Gruppe ganz ähnliche Effekte liefert – und dabei mit deutlich weniger Komponenten auskommt?

Diese Ansicht teilt auch Timo Wölk, als Entwickler für unterschiedlichste Hersteller in der Bike-Branche tätig. Wölk sieht mit den Einfach-Gruppen rosige Zeiten auf die Bike-Designer zukommen. "Alles wird variabler, wenn der Umwerfer entfällt: Wir gewinnen viel Bauraum. Den können wir für mehr Reifenfreiheit, kürzere Hinterbauten, Festigkeits- oder Gewichtsoptimierung nutzen." Skeptiker der Einfach-Systeme bringen immer wieder die ungefederten Massen der Riesen-Kassetten ins Spiel. Das entpuppt sich bei genauem Hinsehen jedoch als Makulatur: Nur 30 Gramm liegen zwischen den beiden Hightech-Ritzelpaketen von Sram und Shimano.

Insgesamt verliert die Di2 beim Gewicht viel Boden: 1747 Gramm wiegt die Antriebseinheit. Das ist ein hervorragender Wert, wenn man davon ausgeht, dass darin auch ein Display, ein Akku mit Steuerungselektronik etc. enthalten ist. Im Vergleich spart man mit der XX1 Eagle trotzdem satte 266 Gramm, da diese mit wesentlich weniger Komponenten auskommt.

Die reduzierte Anzahl an Bauteilen bei der Sram Eagle bringt erwartungsgemäß auch einen Preisvorteil gegenüber Shimanos Di2 – teuer wird es dennoch bei beiden Gruppen: 1521 Euro muss man für die XX1 Eagle dem Radhändler des Vertrauens übergeben. Die Di2 schlägt mit 2749 zu Buche. Wer diese Zahlen liest, dem ist schnell klar: Für Normal-Biker sind die Systeme im Gegenwert vollwertiger Komplett-Bikes derzeit kaum eine Option. Dasselbe gilt für die Wartungskosten: Die Preise der Ketten liegen bei 92 Euro (XX1) und 65 Euro (XTR). Heftig wird es, wenn die Kassette verschlissen ist: 300 Euro sind für die 11fach-XTR-Ritzel fällig, die XX1-Eagle-Kassette kostet sogar 458 Euro!

...


AUF DIE ÜBERSETZUNG KOMMT ES AN

Reicht die geringe Anzahl an Gängen aus, um dem Fahrer die volle Bandbreite zu liefern. Das Diagramm zeigt: Beide Schaltungen sind extrem variabel.

  Übersetzungs-DiagrammFoto: BIKE Magazin
Übersetzungs-Diagramm


So liest sich das Diagramm:
Bei einem Wert von 100 % dreht sich das Hinterrad genauso schnell wie die Kurbel. Ein kleinerer Wert bedeutet, das Hinterrad dreht sich langsamer als die Kurbel. Diese Gänge braucht man, um bergauf zu fahren. Große Werte stehen für eine schnelle Übersetzung.


Spreizung und Abstufung:
Die Werte des kleinsten Ganges sind fast identisch 64 % liefert die XX1, 65 % die XTR. Damit erklimmen auch normal trainierte Biker steile Rampen. Zum Vergleich: Eine 3fach-Kurbel mit 22er-Kettenblatt und 36er-Ritzel liefert 61 %.
Die Gangabstufung beider Systeme liegt ebenfalls auf ähnlichem Niveau. Im höchsten Gang liegt die XTR 7 % über der XX1. Gegenüber einem 44er-Kettenblatt mit 11er-Ritzel (400 %) liegen in Highspeed-Passagen die größten Defizite.

  Vergleich Gewicht und PreisFoto: BIKE Magazin
Vergleich Gewicht und Preis


Gewicht und Preis:
Das Gewicht der beiden Systeme liegt auf hervorragendem Niveau. Die XTR benötigt deutlich mehr Komponenten. Dem geschuldet liegt ihr Gewicht 266 Gramm höher. Die Preispunkte bieten noch viel Luft nach unten. 2749 Euro muss man für die Di2 aus diesem Test auf den Tisch legen.

...


DETAILS

Elektronische Steuerung oder reine Mechanik. Die Schaltungen sind teure Hightech-Kunstwerke.

  Kassetten: 11–40 gegen 10–50: Der Durchmesser unterscheidet sich um 30 Millimeter. Die kleinere XTR-Kassette ist rund 30 Gramm leichter. Die Preise sind hoch: 300 Euro (XTR), 458 Euro (XX1).Foto: Robert Niedring
Kassetten: 11–40 gegen 10–50: Der Durchmesser unterscheidet sich um 30 Millimeter. Die kleinere XTR-Kassette ist rund 30 Gramm leichter. Die Preise sind hoch: 300 Euro (XTR), 458 Euro (XX1).
  Ganganzeige: Über eine eigene Software lassen sich an der XTR viele Einstellungen konfigurieren. Der Shifter hat zwei Raststufen, das Display zeigt die gewählte Abstimmung und den Gang an. Foto: Robert Niedring
Ganganzeige: Über eine eigene Software lassen sich an der XTR viele Einstellungen konfigurieren. Der Shifter hat zwei Raststufen, das Display zeigt die gewählte Abstimmung und den Gang an. 
  Schaltwerk:  Das XX1-Schaltwerk besitzt einen langen Käfg, damit die Kette immer mit genügend Spannung läuft. Es verwaltet zwölf Gänge.Foto: Robert Niedring
Schaltwerk:  Das XX1-Schaltwerk besitzt einen langen Käfg, damit die Kette immer mit genügend Spannung läuft. Es verwaltet zwölf Gänge.


SO GEHT ES WEITER:


SRAM X01 Eagle: Kaum wurde der Technologieträger XX1 Eagle vorgestellt, folgt auch schon die zweite Gruppe mit der neuen Technologie. Die X01 Eagle verwaltet ebenfalls ein 10–50er-Ritzelpacket und kostet in vergleichbarer Ausstattung 1301 Euro.


Shimano XT Di2: Die elektronische XT-Schaltung besitzt die gleiche Ausstattung wie die große

Schwester. Einzige Einschränkung: Der Schalthebel lässt nur einen Klick zu, bei der XTR sind es zwei. Der Preis liegt bei 1564 Euro.


FAZIT Dipl.-Ing. Stephan Ottmar, BIKE-Tester:

Leicht, einfach und funktional: Aufgrund der Vielzahl an Vorteilen prophezeien wir den Einfach-Antrieben eine große Zukunft am Mountainbike. Noch sind die Produkte teuer, vor allem die exorbitanten Ersatzteilpreise sind abschreckend. Doch das Potenzial, die Technologie auf die günstigeren Antriebsgruppen zu übertragen, ist vorhanden. Die neu vorgestellte X01 Eagle ist mit 1301 Euro bereits 220 Euro günstiger als die XX1. Auch wenn Shimano mit der XT Di2 ebenfalls die nächst günstigere Gruppe elektrifiziert, füllen diese Antriebe wohl auch in Zukunft eher eine Nische. Der Gewinn an Performance ist zu klein, um den teuren Preis, die aufwändige Montage und das Mehrgewicht zu rechtfertigen.


MEINUNGEN:

  Stephan Ottmar, Bike-Tester: "In direkten Vergleich gebe ich der Eagle den Vorzug. Die Sram-Schaltung funktioniert bestens, ist einfacher aufgebaut und damit sehr montage-freundlich. Außerdem ist sie leichter und deutlich günstiger."Foto: Robert Niedring
Stephan Ottmar, Bike-Tester: "In direkten Vergleich gebe ich der Eagle den Vorzug. Die Sram-Schaltung funktioniert bestens, ist einfacher aufgebaut und damit sehr montage-freundlich. Außerdem ist sie leichter und deutlich günstiger."
  Stefan Antoni, Hobby-Fahrer: "Für normal trainierte Biker passt die Übersetzung beider Schaltungen auf jeden Fall. Im Rennen dürfte der schnellste Gang etwas kurz sein. XX1 oder XTR? Auf jeden Fall XX1, das System ist viel einfacher und funktioniert bestens."Foto: Robert Niedring
Stefan Antoni, Hobby-Fahrer: "Für normal trainierte Biker passt die Übersetzung beider Schaltungen auf jeden Fall. Im Rennen dürfte der schnellste Gang etwas kurz sein. XX1 oder XTR? Auf jeden Fall XX1, das System ist viel einfacher und funktioniert bestens."
  Jörg Grams, Hobby-Fahrer: "Bei der Funktion liegen beide Schaltungen auf hohem Niveau. Aber ich finde den Gedanken toll, auf den Umwerfer komplett zu verzichten. Da habe ich bei der Einstellung immer mal Probleme. Ich finde die Eagle außerdem optisch top."Foto: Robert Niedring
Jörg Grams, Hobby-Fahrer: "Bei der Funktion liegen beide Schaltungen auf hohem Niveau. Aber ich finde den Gedanken toll, auf den Umwerfer komplett zu verzichten. Da habe ich bei der Einstellung immer mal Probleme. Ich finde die Eagle außerdem optisch top."

...

Meistgelesene Artikel