Pinion-Getriebe P1.18 im Test Pinion-Getriebe P1.18 im Test Pinion-Getriebe P1.18 im Test

Innovations-Check: Pinion P1.18 im Test

Pinion-Getriebe P1.18 im Test

  • Christian Schleker
 • Publiziert vor 6 Jahren

Getriebeschaltungen sind die Stehaufmännchen der Bike-Industrie. Diverse Modelle wurden entwickelt, um die Kettenschaltung zu beerben. Nun wagt Pinion mit dem P1.18 den vielleicht letzten Angriff.

Pinion P1.18: Die Fakten zum Getriebe


System: zweistufiges Stirnradgetriebe
Anzahl der Gänge: 18
Gesamtübersetzungsverhältnis: 636 %
Gangabstufung: 11,5 %
Gewicht Getriebe inkl. Kettenrad 24 Zähne: 2700 Gramm
Gewicht Kurbel li./re.: 420 Gramm (CNC)
Drehgriff: 96 Gramm
Ritzel hinten 21 Zähne: 34 Gramm

Wenige Neuheiten haben in letzter Zeit so viel Wirbel verursacht, wie dieser kleine Alu-Kasten. Ein Getriebe fürs Bike. 18 Gänge. Made in Germany. "Na und?", fragen die, die die Vorzüge der Kettenschaltung schätzen. "Na endlich!", jubeln die, die die Nachteile des freiliegenden Gliederstranges bemängeln. Beide Lager haben stichhaltige Argumente. Pro Kettenschaltung: Sie besitzt einen hohen Wirkungsgrad, schaltet einwandfrei unter Last und ist leicht. Selbst sehr günstige Varianten funktionieren einwandfrei. Contra: Bei starker Verschmutzung leidet sowohl der Wirkungsgrad als auch die Funktion. Die Kettenschaltung ist verschleißanfällig, wartungsintensiv, und das Schaltwerk hängt an ungünstig exponierter Stelle. Als langjähriger Testfahrer habe ich Shimano- und SRAM-Komponenten unterschiedlichster Qualität und in allen Stadien der Zersetzung erlebt und kann sagen: Beide Seiten haben Recht. Und trotzdem fahre ich mit Schaltwerk durch die Gegend und fluche leise, wenn sie hakelt oder rasselt. Aber was soll ich machen? Nur absolut überzeugte Kettenschaltungshasser stopfen sich die bleischwere Rohloff-Nabe in den Hinterbau. Das mit großem Tamtam eingeführte 7-Gang-Getriebe von SR Suntour habe ich als Ersttester vor ein paar Jahren gleich mehrfach in seine Einzelteile zerlegt. Und die Hammerschmidt-Getriebekurbel verbindet die Nachteile beider Schaltsysteme leider ziemlich perfekt: schwer und reibungsfreudig wie ein Getriebe, und nur in Kombination mit dem fragilen Schaltapparat am Hinterrad nutzbar. Und dann lag da vor zwei Jahren auf der Eurobike dieser kleine Alu-Kasten von Pinion. Die Hoffnung keimte noch mal auf. Aber eins stand für mich fest: Wenn es diesmal nicht klappt, dann war’s das. Dann mögen die theoretischen Vorteile eines gekapselten Getriebes noch so plausibel klingen, aber dann passen Wunsch und Wirklichkeit beim Geländefahrrad einfach nicht zusammen. Es ist die letzte Chance. Dessen war sich wohl auch Pinion bewusst. Die kleine Schmiede hat sich Zeit gelassen. Letztes Jahr galt das P1.18 eigentlich als serienreif, kam aber dann doch noch nicht auf den Markt. Zulieferer konnten die hohen Qualitätsstandards nicht halten. Die Zuverlässigkeit des zweistufigen Stirnradgetriebes war in Gefahr. Erst im Herbst 2012 kamen die ersten echten Seriengetriebe zum Endkunden – und damit auch zu uns in die BIKE-Redaktion. Da ich als lebender Dauerprüfstand des Schwestermagazins FREERIDE die Fähigkeit zur Schnellalterung von Bauteilen perfektioniert habe, wurde mir das Alutech Fanes Enduro Pinion anvertraut.

Georg Grieshaber Umstrittener Drehgriff: Ergonomisch ist er top. Dazu leicht und robust, weil simpel aufgebaut. Nach einer kurzen Hochphase in den Neunzigern sind Gripshifter heute bei den Kettenschaltungen trotzdem fast ausgestorben. Der geteilte Griff stört viele Biker. Beim Pinion-Getriebe ist er aber ein konstruktives Muss.

1450 € Aufpreis zahlt der Kunde im Vergleich zur Alternativ-Version mit Shimano-XT-Schaltung und ansonsten identischer Ausstattung. Der Geldbeutel wird also deutlich leichter, dafür ist das Getriebe-Bike um einiges schwerer: 3120 Gramm wiegt die Box inklusive Kurbeln. Das Display der Waage zeigt ein Gesamtgewicht von 16,55 Kilo inklusive Pedale. Das sind 1,5 Kilo mehr als beim XT-Bike. Allerdings sind diese Pfunde komplett im Tretlagerbereich angesiedelt. Das Hinterrad ist ein halbes Kilo leichter, weil Schaltwerk, Ritzelpaket und einige Kettenglieder wegfallen. Vorne leicht, hinten leicht, in der Mitte massig. Wie fühlt sich das an?

Georg Grieshaber Einer der Hauptvorteile des Getriebes: das aufgeräumte Heck. Ohne 10fach-Ritzel und langes Schaltwerk hängt gut ein halbes Kilo weniger Masse am Hinterbau.

Harte Test-Bedingungen im Bikepark, auf Tour und im Schnee

Um in der relativ kurzen Testzeit möglichst aussagekräftige Erfahrungen sammeln zu können, war zeitweiser Missbrauch nötig. Statt nur brav Touren abzukurbeln, sammelte ich auch Haltbarkeitseindrücke im Bikepark, fünf Meter-Drops inklusive. Hier wie da hat das Pinion beeindruckende Arbeit geleistet. Übergewicht hin, Drehgriff her – die ideale Gewichtsverteilung und der extrem niedrige Schwerpunkt sind DIE Innovation, wenn es um Spaß bergab geht. In Schnee, Sulz und Eis der letzten Winterwochen war ich täglich unterwegs und habe dabei geflissentlich sämtliche bekannten Pflegerichtlinien für Mountainbikes ignoriert. Und das P1.18? Läuft. Ja, es wiegt schwer und ja, es schaltet nicht unter Last. Aber es schaltet zuverlässig. Es funktioniert. Und das ist eine Sensation. Eine kleine, schwarze Sensation. Wenn die Box den Dauertest ohne weitere Pflege und ohne Defekte absolviert, dann – ja, dann war’s das. Dann hat es Pinion geschafft!

Die Vor- und Nachteile des Pinion P1.18 im Überblick


+ Massekonzentration beeinflusst Abfahrtsverhalten positiv
+ Sehr feine/gleichmäßige Abstufung der Gänge
+ Geräusch- und verschleißarm
+ Keine empfindlichen Teile, die abstehen/hohe Bodenfreiheit
+ Subjektiv hoher Wirkungsgrad
+/– Drehgriffschaltung
Passt nur an spezielle Rahmen
Hohes Systemgewicht
Kein Runterschalten unter Last
Preis

Georg Grieshaber Im Alutech Fanes hat Tester Christian Schleker das Pinion P1.18-Getriebe getestet.

Fahrbericht: Das Pinion P1.18 überzeugt auf Enduro-Touren

Klar, beim Aus-dem-Keller-hieven kriegt man erst mal einen Schock. Damit in die Berge? Na danke. Aber der Schock weicht schnell der Faszination: Das Pinion-Getriebe arbeitet völlig geräuschlos. Nur in den Gängen 7 und 13 klickert es leise wie in einem Uhrwerk, ansonsten herrscht Ruhe. Man mag kaum glauben, dass in der kleinen, schwarzen Box 18 Gänge stecken. Und die sind dazu noch extrem fein abgestuft. In der Ebene überzeugt das System sofort. Im Antritt aus dem Stand spürt man zwar den größeren Leerweg des Systems, doch anders als bei einer Hammerschmidt-Kurbel oder einer Rohloff-Nabe hat man nicht das Gefühl, dass durch innere Reibung Leistung verloren geht. Die Kraftübertragung ist direkt und einer Kettenschaltung sehr ähnlich. Unter Last am Berg schaltet das Getriebe aber nur in schwerere Gänge. Ansonsten bedarf es einer aktiven Entlastung, sonst ist der Drehgriff quasi blockiert. Daran gewöhnt man sich zwar, den Schaltkomfort einer modernen Kettenschaltung vermisst man dennoch. Die Gangspreizung ist theoretisch größer als bei einer 3x10-Schaltung, doch das höhere Systemgewicht lässt einen im Serien-Set-up ordentlich schwitzen. Ein etwas größeres Ritzel hinten ist sinnvoll (und bald möglich). Bergab fährt das Pinion-Fanes eine Klasse laufruhiger als sein Zwilling mit herkömmlicher Schaltung. Der positive Effekt der im Tretlager zentrierten Masse ist wirklich enorm. Mehr Laufruhe, tolles Handling und minimale Geräuschkulisse – das Getriebe-Bike ist im Gefälle besser und schneller. I like it!

Lars Scharl 16,5 Kilo sind bei einem Enduro eigentlich kein Grund zur Freude. Trotzdem bestellte BIKE-Tester Christian Schleker nach diesem Innovations-Check das Alutech Fanes Pinion als Dauertest-Bike für die Saison 2013. Denn abgesehen vom erzwungenen Trainingseffekt bergauf, besitzt das Bike – dank idealer Masseverteilung – ein enormes Spaßpotenzial bergab.

Fazit Christian Schleker (BIKE-Tester) zum Pinion P1.18

„Ein Hightech-Produkt wie das Pinion-P1.18-Getriebe finde ich schon mal per se faszinierend. Obwohl ich (zu) schwere Bikes nicht mag, wollte ich dem Getriebe von Pinion unbedingt eine Chance geben. Und auch wenn es wirklich noch recht schwer ist und beim Schaltkomfort einer modernen Kettenschaltung nicht das Wasser reichen kann, hat mich das Potenzial dieser Blackbox überzeugt. Das P1.18 macht an einem Enduro definitiv Sinn!“

Themen: GetriebeInnovations CheckPinionTest


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