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Seite 1: Mountainbike Reifenformate im Lesertest 2016

29, 27,5 oder 27,5 Plus - was passt am besten zu Ihnen?

  • David Voll
 • Publiziert vor 5 Jahren

Welche Laufradgröße ist die beste für den Allround-Einsatz? Wir testeten mit zwei BIKE-Lesern und dem Scott Genius in drei Laufradvarianten: 27,5, 29 und 27,5 Plus.

Während die Reifendimensionen jahrelang wie zementiert waren, ist die Reifen- und Laufradindustrie nun aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Im Zeitraffer entwickelt sie neue Standards. Nachdem zunächst der Durchmesser um Twenty­niner und 27,5" erweitert wurde, steht aktuell die Reifenbreite im Fokus: nach dem Fatbike-Trend folgt jetzt das Plus-Format. Vergleicht man die Laufradgrößen mit Musiknoten, scheint der richtige Ton noch nicht gefunden. Doch mit jedem neuen Reifen- und Laufradstandard steigt auch die Unsicherheit der Biker-Kundschaft: Welches Reifenmaß ist für mich das beste?


Qual der Wahl beim Scott Genius

Um der Frage auf den Grund zu gehen, machten wir den Lesertest mit dem Scott Genius. Das steht dem Kunden in drei Laufradvarianten zur Wahl: 29 Zoll (Genius 900), 27,5 Zoll (Genius 700) und 27,5+ (Genius 700 Plus). Um eine bessere Vergleichbarkeit zu gewährleisten, rollten alle drei All-Mountain-Modelle in der jeweiligen Top-Ausstattung Premium (Genius 700) bzw. Tuned (900 und Plus) in die Redaktion. Alle waren auf Tubeless umgebaut. Kleine Unterschiede in der Ausstattung zeigen sich dennoch im Detail: So bildet der Carbon-Rahmen bei allen drei Modellen die Basis, lediglich das Plus-Modell muss sich mit einer Alu-Hinterbauschwinge begnügen. Bei der Schaltung montiert Scott an den Tuned-Modellen die 1x11-Schaltung von Sram, an der Premium-Version Shimanos XTR-2x11-Gruppe. Letztere bietet in der Praxis eine spürbar größere Übersetzungsbandbreite und gehört an All Mountains wie das Mundstück an eine Trompete. Ansonsten spielen alle drei im Einklang: Shimano-XTR-Trail-Bremsen, Fox-Fahrwerke mit steifen 34er-Gabeln und drei wählbaren Modi (Lockout, Traction Control, Descend) via Twinlock-Hebel. Standard sind in dieser Preisklasse auch Rock-Shox-Reverb-Teleskopstützen und 740 Millimeter breite Carbon-Lenker, deren Lenkimpulse dank 60 Millimeter kurzen Vorbauten direkt umgesetzt werden. Absolute Traum-Bikes sind alle drei schon auf dem Papier. Mit 130 bis 150 Millimetern Federweg fallen die getesteten Genius-Modelle in die Kategorie All Mountain – Bikes für den anspruchsvollen Geländeeinsatz.

Der Bikepark am Geißkopf bot das passende Testambiente: Statt mit dem Lift, ging es über lange Schotteranstiege und knackige Trail-Passagen hinauf zur Bergstation und von dort über flowige, wie auch verblockte Trails wieder hinab. Für unsere zwei Lesertester Dominik und Tobi, sonst eher als Hobby-Biker auf sportlichen Racefullys unterwegs, eine neue, aber auch unbefangene Erfahrung. Mit ihnen wollten wir die Frage klären: Welches Laufrad passt zu wem?


Der Luftdruck macht die Musik

Bereits beim "Einstimmen" des Bike-Setups am Plus zeigt sich Tobi verwundert: "Was, nur 0,8 bar? Ich fahre sonst mindestens zwei bar." Doch genau hier liegen die Vorteile der 2,8-Zoll-Halbfett-Reifen: weniger Luftdruck, dafür mehr Komfort, Traktion und Grip. Schon auf den ersten Metern im Uphill zur Bergstation ist Dominik vom harmonischen Rollverhalten der Plus-Reifen überrascht: "Das Dickerchen geht ja erstaunlich gut bergauf! Das hätte ich nicht gedacht, dass der Unterschied zu den anderen Laufradgrößen so gering ausfällt." Auch Tobi stellt keinen gravierenden Unterschied im Vergleich zu den anderen beiden Modellen fest. Im Gegenteil: Auf den letzten verblockten 500 Metern über nasse Wurzeln und glitschige Steine spielen die Plus-Reifen ganz klar die erste Geige. Während sich Dominik auf dem 27,5er die Ideallinie suchen muss, kurbelt Tobias mit dem Plus relativ easy hinauf. Die voluminösen Reifen verschmelzen dank der großen Kontaktfläche mit dem Untergrund wie einzelne Töne zur Melodie und weisen somit deutlich weniger Schlupf auf. Beim 27,5er macht sich der kleinere Durchmesser dagegen bemerkbar: "Ich werde vom Bike vielmehr gefordert, muss gegenlenken, korrigieren und weiter nach vorne rutschen, damit das Vorderrad nicht den Bodenkontakt verliert," beschreibt auch Tobi später das Handling bergauf. Auch Dominik kritisiert das forderndere Kletterverhalten – die kleineren Räder stoßen subjektiv stets gegen die Wurzeln und Kanten, statt wie beim 29er oder Plus geschmeidig drüberzurollen. In der Summe überzeugt jedoch das 29er am meisten in der Uphill-Wertung mit dem Mix aus gleichmäßigem und ruppigem Geläuf. Das liegt am ausgezeichneten Überrollverhalten, aber auch an den leichtesten Laufrädern.

Lars Scharl An hohen Stufen fühlt man sich mit 29 Zoll am wohlsten. Unangenehme Überschlagsgefühle gibt es hier nicht.

Oben angekommen, geht es gleich wieder hinab. Hierbei profitieren alle drei Bikes deutlich von der absenkbaren Stütze und der damit gewonnenen Fahrsicherheit. Im ersten Teil der Abfahrt, dem Flow-Country-Trail, zeigen sich dennoch sofort erste Unterschiede zwischen den Modellen. In den schnellen Anliegerkurven fahren sich 29er und Plus "wie auf Schienen", sie bieten "viel Laufruhe, Grip und Traktion" – so die Tester unisono. Beim Genius 700 musste vor allem Tobias dagegen schon mehr Feingefühl aufbringen, damit das Bike nicht unruhig wurde. Die Geometrie vom Plus-Bike, wie auch die des 27,5er, wirkt zwar etwas wendiger als die des 29ers, aufgrund der schwereren Laufräder passieren schnelle Richtungswechsel jedoch eher in Zeitlupe, also recht träge. Beim Wechsel vom Flow-Trail auf die Downhill-Piste bringt es Tobi auf den Punkt: "In der verblockten Abfahrt fällt es mir mit dem Plus-Bike deutlich schwerer, präzise zu fahren und eine definierte Linie zu halten. Das macht aber eigentlich nichts, denn das Bike vermittelt trotzdem ultimative Sicherheit!" Während das Plus den ruhigen Bass in der dreiköpfigen Genius-Band spielt, ist das 27,5er eindeutig die aufgeregt kreischende E-Gitarre: agil, wendig, mit vielen Reserven (mehr Federweg) und einer deutlich höheren Lenkpräzision als die größeren Laufradkollegen im Test. "Das Fahrverhalten des Genius’ 700 fühlt sich einfach viel ,satter‘ an", sind sich beide Lesertester einig. Beim 29er sind Tobias und Dominik allerdings geteilter Meinung: Während Tobias gut durch die Gesteinsbrocken und über die Stufen navigiert, kritisiert Dominik die geringere Lenkpräzision, die "wohl den großen Laufrädern geschuldet ist". Zudem bietet das 29er den geringsten Pannenschutz, der sich während der Testläufe gleich zweimal mit einem Plattfuß am Hinterrad offenbarte. Unabhängig davon sind leichte Pneus, wie die am 29er und 27,5er hinten montierten Schwalbe Rocket Ron, für den All-Mountain-Einsatz ungeeignet. Beim Plus-Bike stellt sich dagegen ein "Marshmallow-Gefühl" ein, wie es Dominik beschreibt, "das in fahrtechnischer Gleichgültigkeit mündet". Fehler toleriert das Plus daher subjektiv mehr. Wie viel die Federelemente am Plus tatsächlich leisten, lässt sich subjektiv nur erahnen. Denn die Rückmeldung vom Untergrund verschwimmt mit den dicken Reifen, die zusätzlich enorm federn.


Fahrspaß-Sieger: Das Plus-Format

Beim "Grand Finale" im Bikepark, den letzten Abfahrtsmetern auf der Dual-Slalom-Piste, zeigt sich das Lenkverhalten des Halbfett-Bikes träge, und es muss aktiver in die Kurven gedrückt werden. Auch beim Überspringen der Tables erfordert es mehr Kraft im Vergleich zum 29er und vor allem 27,5er, das mit seinem verspielten Charakter Tobias gar zum Whip verführt. Dennoch: Der reine Fahrspaß mit dem Plus ist gefühlt am höchsten. Das klingt einsteigertauglich. Aber: Um die Plus-Vorteile zu nutzen, braucht es gewisse Erfahrung, man muss den Luftdruck penibel kontrollieren und, um Gewicht zu sparen, die Laufräder möglichst tubeless aufbauen. Dazu kommt, dass Plus-Bikes mehr wiegen. Je preisgünstiger die Modelle, desto negativer wirkt sich das aus. Wer sich für das Genius Plus entscheidet, kauft theoretisch zwei Bikes in einem. Mit passenden 29er-Laufrädern (Boost-Standard) kann man den Charakter in Richtung sportlich verändern. Als 29er auf die Langstrecke, mit Plus-Reifen ins schwere Gelände. Schwalbe-Plus-Reifen kosten pro Stück sieben Euro mehr als "normale". In puncto Pannensicherheit zeigen sie obendrein Schwächen. Scharfkantigen Felsen hält die dünne, auf leicht getrimmte Karkasse nicht Stand.



Fazit David Voll, BIKE-Testautor

Am Ende ist es bei den drei Genius-Modellen wie mit der Musik: Die Geschmäcker sind verschieden. Es lässt sich nicht eindeutig sagen, welche Laufradgröße die bessere ist. Vielmehr spielen Konstitution (nicht jede Körpergröße passt auf ein 29er), das fahrtechnische Können (hier fordert vor allem das 27,5er dem Fahrer deutlich mehr ab), die persönliche Schmerzgrenze (wenn es dynamisch bergauf gehen soll) und nicht zuletzt der Einsatzbereich eine Rolle. Zwar gehören alle Genius zur All-Mountain-Kategorie, dennoch entscheidet gerade beim 29er die Reifenwahl über den Einsatzbereich. Bestückt mit leichten Pellen lässt sich auch mal ein Marathon fahren. Unsere beiden Lesertester haben jedoch am Ende klar ihren Favoriten gefunden: Während sich das wendig-verspielte Genius 700 als Dominiks Rockstar herauskristallisierte, überzeugte bei Tobias das poppige Genius 900 mit seiner Vielseitigkeit und Laufruhe. Das Plus-Bike eignet sich laut Testern für Leute, die schon alles haben.

Lars Scharl David Voll, BIKE-Testautor

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