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Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes

Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes

MTB Gabeln aufmotzen statt neu kaufen. Was bringt's?

Christian Schleker am 10.07.2019

Gabel-Tuning (100 Euro) statt -Neukauf (1000 Euro) – geht die Rechnung auf? Wir haben zwei Tuning-Pakete für die 2017er-Pike ausprobiert – im Duell gegen das 2018er-Modell. Pimp or buy?

Das Bessere ist des Guten Feind. Nach diesem Prinzip veralten unsere Federelemente im Jahresrhythmus. Die Hersteller packen ihre Innovationen gezielt in kleinen Häppchen in die Produkte – als Geschäftsmodell mag das sinnvoll sein, schließlich sind Fortschritt und bessere Performance Hauptgrund für Neuanschaffungen. Beim Kunden führen die kurzen Modellzyklen allerdings oft zu Frustration – wenn der frisch erworbene Testsieger kurze Zeit später schon vom eigenen Nachfolger überholt wird.

Die Rockshox Pike ist ein Klassiker. 2017 hätte man meinen können, die Gabel sei ausgereift: ziemlich leicht, ziemlich robust. Gutes Ansprechverhalten, lineare Kennlinie, sehr effektive Charger-Druckstufenkartusche. Etwas sportlich straff vielleicht, aber im Großen und Ganzen zu Recht ein Dauerbrenner und immer wieder Testsieger. Was will man mehr? Die Pike 2018 vielleicht? Was kann an ihr noch besser sein als am Vorgängermodell? Die Antwort gab der BIKE-Test in Heft 06/2018. Das neue Casting ist leichter, steifer und bietet eine größere DebonAir-Negativ-Luftkammer für noch sensibleres Ansprechen. Die Druckstufenkartusche Charger 2 macht die Gabel schluckfreudiger UND dynamischer bei hohem Tempo. Zu Recht ist sie in unserem Test der Testsieger – und eben doch spürbar besser als der Vorgänger. Aber sie kostet in der Top-Version halt auch über 1000 Euro (UVP). Also Geldbeutel raus und rein in den Shop? Spätestens dort wird man feststellen, dass es neben der teuren Neuanschaffung auch kostengünstige Tuning-Alternativen für das 2017er-Modell gibt: 130 Euro soll das AWK-System von Chickadeehill kosten, 89,95 Euro die Vorsprung-Suspension-Luftkappe inklusive Einbauwerkzeug. Der Geldbeutel fleht: Kauf’ das Tuning-Teil, der technische Verstand ist skeptisch: Bringt die Luftkammeralternative wirklich einen spürbaren Vorteil in der Feder-Performance? Und ist der so groß, dass die ältere Pike mit dem aktuellen Modell mithalten kann?


DICKE LUFT

Zwei Hersteller, zwei technische Ansätze, aber die gleiche Idee: Bei Vorsprung soll eine größere Negativ-Luftkammer, die sich dazu individuell anpassen lässt, die "alte" Pike leistungsfähiger machen. AWK setzt auf zwei hintereinandergesetzte Positiv-Kammern mit schwimmendem Trennkolben. Besseres Ansprechen und eine linearere Kennlinie versprechen Vorsprung Luftkappe (1) und AWK (2) aber in gleicher Form. Deutlich günstiger als eine Neuanschaffung sind sie beide. Wobei die günstigere Luftkappe (89,95 Euro inkl. Spezial-Tool) ein hohes Maß an Schrauberfähigkeiten verlangt. Die AWK ist ein simples Tuning-Teil für jedermann und mit 130 Euro auch noch im grünen Bereich. 

Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes

Luftkappe 1 (hinten) und AWK 2 (vorne)


Der Testablauf

Zwei Pikes RCT3 Jahrgang 2017 werden mit AWK-Kit und Luftkappen-Tuning gepimpt. Die Abstimmung erfolgt im ersten Schritt auf Basis der Herstellerangaben und wird dann im Laufe des Tests angepasst. Im Trail-Einsatz und bei mehreren Vergleichsfahrten im Bikepark treten sie gegen das aktuelle Top-Modell Pike RCT3 Jahrgang 2018 an. Verbaut werden die Gabeln für die Testfahrten in Einheits-Bikes (Trek Remedy) mit identischem Aufbau. Der erste Schritt, das eigentliche Gabel-Tuning, geht beim AWK-Kit in wenigen Minuten. Alten Deckel abschrauben, neue Luftkammereinheit reinstecken, festziehen, fertig. Das schafft jeder minimal begabte Freizeitschrauber ohne Vorkenntnisse alleine mit einer passenden Stecknuss. Einzig das Aufpumpen ist etwas komplizierter als bei der Serienversion, weil man zwei Kammern in der richtigen Reihenfolge mit unterschiedlichem Druck befüllen muss. Das dauert etwas, ist aber kein Pro­blem. Problematisch ist für viele da schon eher das Tuning via Vorsprung Luftkappe. Um das komplette Zerlegen der Gabel kommt man dafür nicht herum. Wer das selbst machen will, sollte also keine Hemmungen haben, Sprengringe zu lösen, Öle einzufüllen und generell eine Gabel, die aus vielen Teilen besteht, auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen – sonst ist die Luftkappe das falsche Produkt. Immerhin gibt’s hier nur ein Ventil, aber auch die Luftkappe verlangt eine "Taktik" beim Aufpumpen: Der Luftkammeraustausch muss in einzelnen Schritten manuell durchgeführt werden – doch die Anleitung auf der Homepage des Importeurs ist klar und für jeden nachvollziehbar.

Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes

Profi oder Amateur? Beim Tuning via Vorsprung Luftkappe sollte man über eine gut ausgestattete Heimwerkstatt und Schraubererfahrung verfügen. 

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Der Einbau verlangt eine komplette Zerlegung der Gabel, das Hantieren mit Ölen und vielen Kleinteilen. 

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Geradezu simpel läuft es bei der AWK-Einheit: Einfach den Seriendeckel am linken Holm raus (vorher Luft ablassen!) und die neue AWK-Kartusche rein. Noch aufpumpen nach Anleitung – fertig!


Spannung vor der ersten Abfahrt

Die ersten Meter sind speziell bei der Vorsprung-Gabel vielversprechend: Sie arbeitet spürbar feinfühliger als die Serienversion aus 2017. Ein geringeres Losbrechmoment bestätigt später auch der Prüfstandtest. Auch die AWK wirkt etwas dynamischer, allerdings erst, nachdem wir den empfohlenen Luftdruck in den beiden Positiv-Luftkammern um 10 psi gegenüber der Empfehlung gesenkt hatten. Doch die erste Begeisterung weicht schnell der Ernüchterung im ruppigen und steilen Teil der Teststrecke. Bei hohem Tempo bleibt die 2018er-Pike eine ganze Klasse besser als beide getunten Herausforderer. Sehr schnell wird klar, dass ein Luftkammer-Tuning allein nur bei gemütlichem Tempo Vorteile bringen kann. Sobald die Druckstufe gefordert ist, wirkt die alte Pike straffer und verlangt vom Fahrer mehr. Die Arme ermüden früher. Ganz anders performt die Charger-2-Druckstufenkartusche in der neuen Pike. Sie rückt die Gabel schon fast auf Lyrik-Niveau, also in den Schluckbereich einer Enduro-Gabel. Das Management des Öldurchflusses ist so gut gelungen, dass kaum Lastspitzen an die Hände durchgereicht werden. Die gute Nachricht daher: Das Luftkammer-Tuning macht die alte Pike ein Stück besser. Die schlechte: Auch die aktuelle Pike ist in 2–3 Jahren schon nicht mehr das Maß der Dinge. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.


Fazit von Christian Schleker, Tester

Den Herstellern gelingt es nach wie vor, spürbare Leistungsverbesserungen auf den Markt zu bringen, die die Vorgängerprodukte buchstäblich "alt" aussehen lassen. Und allein durch das Luftkammer-Tuning wird aus einer 2017er-Pike leider keine Konkurrenz für die aktuelle 2018er-Version. Das Ansprechverhalten lässt sich zwar verbessern, bei schnellen Schlägen macht aber allein die Druckstufendämpfung den Unterschied. Sie schluckt Hindernisse effektiv und hält die Gabel hoch im Hub – oder eben nicht. Die Charger-2-Kartusche ist da schlicht und einfach besser.

Christian Schleker

Chris Schleker, BIKE-Testfahrer


Setup: Pumpen, Drehen, Drücken

Test: Gabel-Tuning für Mountainbikes

Pike ’17 + AWK: AWK verlangt etwas mehr Aufwand beim Pumpen wegen zweier Ventile. Mit 85 zu 45 psi (Positiv-Kammer 1 und 2) und fünf Klicks Zugstufe arbeitete sie in den Punkten Ansprechen und Progression fast identisch zur 2018er-Pike. 

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PIKE ’17+ Luftkappe: Die Vorsprung Luftkappe passte mit 60 psi zum Fahrergewicht. Der Luftkammerausgleich muss für korrekte Funktion beachtet werden. Effektiv über Tokens in der Progression einstellbar – ohne Tokens sehr komfortabel mit viel Hub (170 mm).

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Pike RCT3 ’18:  Die ideale Abstimmung der Serienkartusche für den Tester mit 69 Kilo Gewicht: 60 psi, ein Token und vier Klicks Zugstufe (von ganz offen). Dazu 3–5 Klicks Lowspeed-Druckstufe je nach Gefälle (mehr, wenn es steiler wird).

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Die Federkennlinien

Auf dem Prüfstand sieht vor allem die Vorsprung Luftkappe gut aus: Mehr Hub, geringeres Losbrechmoment (auf 2018er-Niveau) und linearer Kurvenverlauf über den gesamten Federweg sind bei langsamer Fahrt spürbar. Allerdings zeigen die Laborwerte nicht das Verhalten bei schnellen Schlägen, wenn die Druckstufe gefordert ist. Hier fällt die Performance beider Tuning-Gabeln gegenüber der neuen ’18er-Pike deutlich ab. Sportlichen Fahrern reicht ein Luftkammer-Tuning also nicht für einen effektiven Leistungsgewinn.


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Christian Schleker am 10.07.2019