Seite 1: System-Test 2017: MTB Dämpfer mit Luft gegen Stahlfeder

Duell: Cane Creek Stahlfeder gegen RockShox Luftdämpfer

  • Christian Artmann
 • Publiziert vor 3 Jahren

Stahlfederdämpfer? Das klingt so angestaubt wie Schreibmaschine. Mitten im Luftdämpferzeitalter reanimiert Cane Creek wieder das Stahlfederkonzept – und zwar für Touren-Bikes! Retro oder innovativ?


DIE THEORIE

Die hohe Defektanfälligkeit der ersten Luftdämpfer war früher das beste Argument, auf Stahlfedern zu setzen. Defekte Luftdämpfer sind heute zwar selten, aber eine Stahlfeder zu brechen, ist noch viel unwahrscheinlicher. Auch das ehemals zähe Ansprechverhalten ist heute passee. Spezielle Beschichtungen, reibungsarme Dichtungen und vergrößerte Negativfedern haben das Ansprechverhalten der Luftdämpfer stark verbessert und deren Kennlinien optimiert. Trotzdem gilt: Feinfühliger und linearer als mit einer Stahlfeder geht es auch heute nicht. Mit der DB Coil IL geht Cane Creek auch das große K.O.-Kriterium bisheriger Stahlfederdämpfer an: die Extrapfunde. Die kompakte Konstruktion ohne Ausgleichsbehälter und eine leichtere, weil aus hochwertigem Stahl gefertigte Spiralfeder machen es möglich. In puncto Vielseitigkeit bleibt der Luftdämpfer unangefochten. Mit einer Dämpferpumpe lässt er sich auf beinahe jedes Fahrergewicht einstellen. Bei Stahlfedern muss man weiterhin auf unterschiedliche Federhärten umbauen.

Aber wie sieht es mit der angeblich grundlegend anderen Federungscharakteristik aus – Luft mit seiner typischen Progression und Stahl stoisch linear? Sind die beiden Systeme überhaupt vergleichbar? Bei älteren Rahmen bis Jahrgang 2015 war der Wechsel auf Stahlfeder noch problematisch. Bei den modernen Kinematiken, die bereits auf großvolumige Luftfedern á la Rock Shox Debonair und Fox Evol ausgelegt sind, ist der Tausch aber meist unbedenklich. Eine Nachfrage beim Bike-Hersteller schafft Gewissheit, ob der Umtausch gelingt. Herausforderer des Cane Creek DB Coil IL ist in diesem Test der ebenfalls neue Rock-Shox-Super-Deluxe-Luftdämpfer mit Ausgleichsbehälter. Als Vergleichsplattform dient ein Ghost SL AMR X-All Mountain, der mit genau diesen Federelementen auch in Serie kommt. Für optimale Vergleichbarkeit haben wir die Dämpfung, soweit möglich, gleich eingestellt. Das Bike wurde, bei ansonsten unverändertem Setup, abwechselnd mit beiden Dämpfern gefahren – auf klassischen Trail-Touren bis hin zum Bikepark-Einsatz.

Die im Labor ermittelten Federkennlinien besitzen im Arbeitsbereich einen ähnlichen Verlauf. Der Stahldämpfer spricht jedoch minimal besser an und benötigt bis zu einem Federweg von 60 mm ebenfalls weniger Kraft. Weil er aber bereits bei 118 mm in die Progression geht, hat der Luftdämpfer mehr Reserven.


DIE PRAXIS 

Die primäre Aufgabe eines Dämpfers erfüllen beide Kontrahenten vorbildlich: Stöße werden, wie es sich für Federelemente der Premiumklasse gehört, effektiv abgefedert. Das fördert die Traktion und Kontrolle und schont den Fahrer. Dennoch gibt es kleine, aber feine Unterschiede darin, wie sie das bewerkstelligen. Während der Super Deluxe für einen Luftdämpfer bereits sehr sensibel auf kleinere Unebenheiten reagiert, arbeitet der DB Coil nochmals eine Spur feinfühliger. Gerade bei schnellen Schlagfolgen, wie Wurzelteppichen oder Bremswellen, liegt das Bike mit Stahlfederdämpfer minimal satter auf dem Trail und sorgt so für noch mehr Traktion und damit Sicherheit. Bei großen Schlägen hat der Luftdämpfer aber die Nase vorne, weil schlichtweg mehr Federweg zur Verfügung steht. Die Kennlinie zeigt, dass der Stahldämpfer bereits bei 118 Millimetern den eingebauten Gummianschlag komprimiert, woraufhin er stark progressiv wird. Bergauf macht die hohe Aktivität des reibungsarmen Stahlfederdämpfers den Griff zum Climb-Switch-Hebel auch dort notwendig, wo man den Super Deluxe noch offen fahren kann. Durch die Cane-Creek-typische gezähmte (Low-Speed) Zug- und Druckstufendämpfung beim Climb-Switch bleibt die Traktion aber auch im Klettermodus mustergültig. Die Befürchtung, dass man bereits bei einer Zusatzlast wie dem Tagesrucksack verschiedene harte Federn benötigt, blieb unbegründet. Es reicht, die Federvorspannung anzupassen.


FAZIT: Beide Dämpfer funktionieren top. Der Cane Creek reagiert einen Hauch feinfühliger, ist dafür aber schwerer und teurer. Ein klarer Sieger ist nach Performance-Gesichtspunkten nicht auszumachen.

Ludwig Döhl, unterwegs mit Rock Shox Super Deluxe RC3

Peter Nilges auf Testfahrt mit dem Cane Creek DB Coil Inline


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