Gabelabsenkung: Vom "Drehrädle" zum Rockshox "U-Turn" Gabelabsenkung: Vom "Drehrädle" zum Rockshox "U-Turn" Gabelabsenkung: Vom "Drehrädle" zum Rockshox "U-Turn"

Wolfgang Ebersbach

Gabelabsenkung: Vom "Drehrädle" zum Rockshox "U-Turn"

  • Jörg Spaniol
 • Publiziert vor 13 Jahren

Als Wolfgang Ebersbach den Federweg seiner Downhill-Gabel zähmen wollte, erfand er ganz nebenbei die Federwegsverstellung. Ein Geistesblitz, der als „U-Turn“ noch immer seine Kasse klingeln lässt.

In den frühen Neunzigern, als mancher Downhiller noch auf die Federung verzichtete, war Wolfgang Ebersbach schon voll dabei: “Ich hatte die allererste Rockshox, Seriennummer 70, so ein schwarzes Teil mit rosa Aufklebern”, erinnert er sich. Das Problem: Schon nach knapp zwei Wochen lief das Öl raus. Erst 1995, als Downhill richtig abging, kam die erste brauchbare Gabel. Das war die Rockshox “Boxxer”. Das seltene Stück kostete 1 600 Mark, und Ebersbach war Student. Ein Umstand, der ihn in den Selbstbau trieb. Mit Teilen einer Mopedgabel, einer Handvoll maßgefertigter Frästeilen aus der Nachbarschaft und echtem Pioniergeist. Seine Gabel hatte schon 15 Zentimeter Federweg, als große Teile der Konkurrenz noch mit weniger als der Hälfte auskommen mussten.

Ein Vorsprung durch Technik, den er sich bereitwillig abkaufen ließ: “Als ich etwa 20 Bestellungen zusammenhatte, ließ ich die Gabeln bauen. Gefräst und gedreht haben andere, aber ich habe sie montiert. Sicherheitshalber.” So entwickelten sich die Gabelgeschäfte des Ingenieursstudenten Wolfgang Ebersbach stetig aufwärts, bis nach etwa 200 produzierten Gabeln ein Ende des Studiums absehbar war. Es hätte auch das Ende seiner Gabelmanufaktur sein sollen. Doch während andere vor den Diplom-Prüfungen zunehmend graugesichtig zwischen Kaffeeautomat und Kopierer pendelten, zog Wolfgang Ebersbach einen fetten Schlussstrich unter die studentische Lebensphase: Er baute die ultimative Downhill-Gabel, genannt “Eberminator”. Upside-down-Konstruktion, dreißig Zentimeter Federweg. Ein Monstrum mit ungeheurem Schluckvermögen, nur gebaut, um seinen Konstrukteur zu erfreuen.

Dennoch, tief im Inneren der wuchtigen Rohre dämmerte ein geniales Teil seiner Entdeckung entgegen. Als Ebersbach mit seinem Prototyp zur nahe gelegenen Werkstatt von Fahrwerkstüftler Peter Denk fuhr, verdichteten sich Idee und Weitblick augenblicklich zur kritischen Masse: “Der Eber kam bei uns rein mit seiner selbstgebauten Gabel”, erinnert sich Denk. “Er hatte da ein Detailproblem, mit der Dämpfung oder sowas. Ein Gabelholm hatte so ein Drehrädle oben drauf. Ich fragte ihn, was das denn sein sollte? Er sagte, die Gabel sei sonst bergauf zu lang – er wusste gar nicht, was er da für eine super Erfindung hatte!”

Doch davon hatte ihn Denk schnell überzeugt. Denn das “Drehrädle”, das Ebersbachs Monstergabel bergauf fahrbar machte, war die bis dahin beste Federwegsverstellung: Jede Drehung schraubte den Federanschlag mehr oder weniger tief in die Stahlfedern. Das Stellrad machte aus einem Chopper ein fahrbares Bike. Und es verkürzte die Gabel nicht nur, sondern ließ sie auch verkürzt noch genauso federn, wie es der jeweils eingestellten Bauhöhe entsprach. “Das war natürlich endlos verlockend für die Hersteller”, erinnert sich Wolfgang Ebersbach, “zumal es so einfach ist, dass es kein einziges Teil mehr braucht als einen Regler für die Federvorspannung.” Trotzdem dauerte es noch drei Jahre, bis aus dem badischen “Drehrädle” das US-amerikanische “U-Turn” wurde.

Drei Jahre, in denen Ebersbach und Denk Klinken putzten, bis die Bike-Welt einsah, dass die immer längeren Federwege irgendwie gebändigt werden mussten. Drei Jahre, in denen Denk und Ebersbach sich für etwa 200.000 Euro international wasserdichte Patente sicherten. Als die drei Jahre um waren, hatten sie sich mit Rockshox über die Lizenz geeinigt. 2001 kamen die ersten “Psylo”-Gabeln mit “Eberminator”-Genen auf den Markt. Sie waren die ersten von vielen, vielen tausend höhenverstellbaren Stahlfeder-Gabeln. Und jedesmal, wenn fortan irgendwo auf der Welt eine U-Turn-Gabel die Kasse füllte, sickerte auch ein wenig Geld bis in den Freiburger Raum.

Doch genaue Stückzahlen oder gar Beträge sind keinem der Beteiligten zu entlocken. Reicht die Lizenzgebühr jährlich für ein neues Bike, ein Auto oder gar ein Haus? Kein Kommentar – bis auf diesen: “Wir arbeiten alle noch”, sagt Wolfgang Ebersbach. Vom Bike-Business ist der 37-Jährige allerdings weg. Als angestellter Elektro-Ingenieur testet er elektronische Bauteile. Seine Mountainbikes sind wieder das, was sie schon zu Studentenzeiten waren: intensiv genutzte Sport- und Spaßgeräte.

Unbekannt,BIKE Magazin

Themen: FederabelHall of Fame


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
Anzeige
  • Yeti-Kult: unveröffentlichte Fotos entdeckt
    BIKE bei Yeti 1993: „Im Lager bekam man riesige Augen.“

    15.09.2016Als Ende der 80er der MTB-Boom losbrach, waren Yeti-Bikes bereits Kult. Dirk Belling, einst Fotoreporter bei BIKE, hat in seinem Archiv gestöbert und rare, zum Teil ...

  • Neue MTB Hall of Fame-Mitglieder
    Hall of Fame: sechs neue Mitglieder

    30.11.2008Sechs neue Mitglieder wurden im Jahr 2008 in die Mountain Bike Hall of Fame in Crested Butte, Amerika, aufgenommen.

  • MTB Hall of Fame: Yeti A.R.C.
    Legende Yeti A.R.C.: Die Geburtsstunde des Kults

    13.03.2007Das Yeti "A.R.C." hätte es eigentlich nie geben dürfen. Ein Streit unter Freunden war die Geburtsstunde des wohl berühmtesten Alurahmens der Mountainbike-Geschichte.

  • MTB-Legende Hans Rey im Portrait
    Indiana Jones des Mountainbikens: Hans Rey

    20.12.2003Vielleicht ist Hans Rey der bekannteste Mountainbiker der Welt. Ganz sicher half er der Freeride-Bewegung auf die Beine und zeigte, dass Mountainbiken mehr ist als bergauf hetzen.

  • Neuheiten 2016: SR Suntour Auron Megavalanche
    SR Suntour: Auron mit Durolux-Kartusche

    22.06.2016Die Auron-Federgabel von SR Suntour war lange nicht die erste Wahl im All-Mountain-Segment. Jetzt übernimmt sie die Kartusche aus der aktuellen Durolux. Der Durchbruch für die ...

  • Spenden-Kampagne für Charlie Cunningham
    Spenden für MTB-Legende Cunningham

    14.10.2015Nach einem Fahrradunfall belasten MTB-Legende Charlie Cunningham Behandlungskosten in Höhe von 100.000 Euro. Nun sammelt eine Freundin Spenden für die Reha des Hall of ...

  • Spenden für Charlie Cunningham
    Benefiz-Auktion: Cunningham Hommage-Bike

    21.03.2019Charlie Cunningham, einer der Urväter des Mountainbikens, kämpft nach wie vor gegen die Folgen eines schweren Sturzes. Zum Spendensammeln wurde jetzt ein exklusives Retro-Bike auf ...

  • Über 25 Jahre Sram: Greg "HB" Herbold geht in Rente
    Ein Mountainbike-Held setzt sich zur Ruhe

    01.08.2016Seit über 25 Jahren ist er der erste Downhill-Weltmeister der Mountainbike-Geschichte. Nun geht Greg Herbold in den Ruhestand. Obwohl: Das geht bei einem Helden ja gar nicht.

  • Der erste Fahrradcomputer mit Herzfrequenz-Messung
    Polar Pulsmesser: Revolution im MTB-Sport

    30.09.2008Endlich frei – das mobile, kabellose Herzfrequenz-Messgerät wurde am Polarkreis erfunden und revolutionierte 1982 die Trainingswelt: die erste Pulsuhr der Firma Polar Electro Oy.