Tune

  • Alessa Krempel
 • Publiziert vor 15 Jahren

Die Leichtbau-Parts der Kultfirma Tune lassen bei Bikes die Pfunde purzeln. Tuning-Papst Uli Fahl fand sein Geheimrezept zur Gewichtsoptimierung in der Natur.

Alles begann mit einem Strichmännchen auf einem Mountainbike. Ausgestattet mit Schrauben und Schnellspannern aus Alu, rollte der eindimensionale Biker scheinbar mühelos den Berg hinauf. Die winzige Anzeige in einer Ausgabe des BIKE-Magazins von 1988 gab den Startschuss für eine der kultigsten Teile-Schmieden der Branche: Tune Alpin & Rennsport Technik.

Das krakelige Werbemännchen stammt aus der Feder von Tüftler und Tune-Gründer Uli Fahl. Der heute 52-Jährige arbeitet damals als Chemiker und wohnt mit seiner Frau Gisela im Münchner Stadtteil Schwabing. Seine Freizeit verbringt er am liebsten in den Bergen beim Biken oder Klettern. Festgekrallt an steilen Felswänden, grübelt der Outdoor-Freak über Möglichkeiten des Gewichts-Tunings. „Beim Klettern stört jedes überflüssige Gramm,“ erklärt Fahl. Auch im Sattel seines grünen Kettler-Mountainbikes träumt er davon, leicht wie eine Feder über die Trails zu schweben. Also setzt er sein Bike auf Null-Diät. Seine Sattelrohr-Schnellspanner müssen zuerst dran glauben. Sie sind nicht nur schwer, sondern funktionieren auch nicht zuverlässig. Das geht besser, denkt sich Fahl und geht zum Tüfteln in den Keller. Einige Wochen später sind neue, leichtere Schnellspanner konzipiert. Die Firma Tune wird geboren. Auf jene selbst gekritzelte Anzeige hin melden sich die ersten Interessenten. Fahl und seine Frau verschicken die Parts nach Feierabend vom Wohnzimmer aus.

Doch seit 1991 sind die Tage der Handarbeit gezählt. Beim ersten Messeauftritt auf der Eurobike reißen sich die Besucher um Schnellspanner, Schrauben und Tuning-Kits. Fahl wird klar: Leichtbau hat Potenzial. Er kündigt seinen Job als Chemiker, zieht zurück in den Schwarzwald und stürzt sich auf die Entwicklung neuer Parts. Mit Erfolg. Anfang der 90er infiziert der Leichtbau-Virus die Bike-Branche. Tune surft auf dieser Welle ganz oben. Ob Carbon-Lenker, Alu-Laufräder oder Titan-Kettenblätter – Tune sorgt für Rekordtiefs auf der Waage. Probleme mit der Haltbarkeit, wie bei so vielen Konkurrenzprodukten, scheint es indes nicht zu geben. So überlebt die kleine deutsche Firma den Einbruch des Leichtbau-Booms Ende der 90er. Dabei scheint Fahls Geheimrezept simpel. „Die Natur hat uns alles vorgemacht“, verrät der Gewichts-Guru. „Wir müssen nichts neu erfinden, sondern von ihr abschauen.“ Diese Philosophie macht Bäume zu Lehrmeistern. Deren stabile aber zugleich flexible Struktur dient Fahl als Vorlage für die Konstruktion seiner Kurbeln. Streng nach dem Motto: Was natürlich ist, ist gut.

Dieser Wahlspruch findet im Laufe der Zeit prominente Anhänger. Rad-Profis wie Jan Ullrich, Sabine Spitz oder die Fumic-Brüder sind mit Tune-Parts schnell und vor allem leicht unterwegs. Nicht nur im Racer-Lager sorgt Gewichts-Tuning für Zeit rekorde. Allen Leichtbau-Kritikern zum Trotz jagt Downhill-Profi Markus Klausmann mit Tune-Naben, -Kurbeln und -Sattelstütze zum Sieg. Und macht somit der Mär den Garaus, Leichtbau sei nichts für harte Jungs. Immerhin ist Klausmann zehnfacher Deutscher Downhill-Meister.

Auch Uli Fahl hat sich über die Jahre einen Titel erobert: den des Tuning-Papstes. Darauf ist er ein klein wenig stolz. Schließlich stecken in Tune literweise Hirnschmalz und Herzblut. Auch wenn er die Päckchen heute nicht mehr eigenhändig packen muss: In Rente will Uli Fahl noch lange nicht gehen. Denn an Ideen mangelt es dem „kopflastigen“ Tüftler nicht. Und dann ist vielleicht wieder ein Strichmännchen der kleine Anfang für eine große Tuning-Idee.

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.


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