Trailscout-Ausbildung

Bike-Guide

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 11 Jahren

Wer heute Bikeguide werden möchte, kommt kaum an einer Trailscout-Ausbildung vorbei. Wir schauten bei dem Seminar vorbei und fragten uns: Wer belegt so einen Kurs überhaupt und was bringt er?

Sein Schauspieldebüt verwässert gerade im fränkischen Bärenfels unter mausgrauem Himmel. Da hilft auch kein Stöhnen und Ächzen, der Regen überströmt Bernd Streckerts ambitionierte Darbietung. Dabei macht er alles richtig: Er kauert in der durchnässten Wiese und zwängt sich etwas Luft in die Lungen. Den linken Arm hält er schmerzverzerrt vor der Regenjacke und selbst seine Gesichtsfarbe schimmert pastellblass zwischen den grünen Halmen. Bernd ist der Herzinfarkt, so wollte das Mathias Marschner, Ausbilder des Trailscout-Seminars der DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike e.V.).

Bärenfels, mehrmals im Jahr wandelt sich dieses Dorf, dessen Highlight das jährliche Fest der freiwilligen Feuerwehr darstellt, zum Mittelpunkt der deutschen Trailscout-Ausbildung für Mountainbiker. Seit drei Tagen belagern fast dreißig Biker den Ort in der fränkischen Schweiz. Dazu gehört auch Bernd, der im echten Leben nicht schauspielert. Er arbeitet als Ingenieur und meldete sich für den Trailscout-Kurs der DIMB an, dem Einstiegskurs für angehende Touren-Guides. Seit vier Jahren bietet die Bike-Initiative das Seminar an, das sie in Kooperation mit dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) durchführt. Der viertägige Lehrgang richtet sich vorwiegend an Personen, die für Vereine, Radsportgeschäfte, Tourismusregionen oder Reiseveranstalter Bike-Touren planen und durchführen wollen.

Im Seminarraum röchelt das Notebook nach Kühlung. Der Beamer wirft Powerpoint-Folien an die Wand und auf einem Flipchart kritzeln die Kursleiter die Eigenschaften eines Guides auf das Papier. Der Ablauf des Kurses ist minutiös geplant. “Wir versuchen hier ein Einstiegsgerüst für Guide-interessierte Biker anzubieten, theoretisch wie praktisch”, erklärt Marschner, der einer der drei Übungsleiter des Kurses ist. Theoretisch und praktisch bedeutet dabei: morgens drei Stunden lang Unterrichtsstoff aufsaugen, den man am Nachmittag praktisch anwendet. Das schließt auch Bernds Herzanfall ein, der zur Einheit “Verhalten im Unglücksfall” gehört.


Wer heute als Touren-Guide bei einem Veranstalter anfangen möchte, hat kaum eine Chance ohne das Zertifikat

Bernds Rollenspiel endet mit der simulierten Herzmassage, ohne Beatmung – soweit wollten sie dann doch nicht gehen. Marschner, mit strammer Körperspannung und rotem MTB-Guide-Trikot, überwacht den Lern erfolg seiner Gruppe. “Wenn die Leute hier bezahlen, heißt das noch lange nicht, dass sie das Abschluss-Zertifikat erhalten”, erklärt der Übungsleiter, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Elite der Bike-Guides zu formen. Dabei hat das Zertifikat keinerlei rechtliche Grundlage. Jeder und alles kann sich Bike-Guide oder Trailscout nennen – mit oder ohne Zertifikat. Dennoch gilt der Kurs als Gütesiegel, besonders für Reiseveranstalter. “Wer heute als Touren-Guide bei einem Veranstalter anfangen möchte, hat kaum eine Chance ohne das Zertifikat.”

Bernd Streckerts bezahlte knappe 300 Euro, um am Kurs teilzunehmen. Der Biker aus Loiching belegte das Seminar, damit er ab und zu mal eine Tour für einen Freund führen kann. Anders sieht es bei Phillip Kraft aus, der noch vor einer Minute Bernd ins Leben zurückanimierte. Der Hamburger kurvte am Mittwochabend 600 Kilometer bis nach Bärenfels, um das Trailscout-Seminar zu belegen. “Das hier ist extrem wichtig für mich, sozusagen eine Grundlage meiner Existenz”, erklärt er und presst sich das Regenwasser aus den Handschuhen. Der 36-jährige Fahrradkurier orientiert sich gerade in seiner Elternzeit um. “Ich kann nicht ewig Kurier sein, besonders nicht mit einem Baby”, sagt der junge Vater. Für Phillip ist der Kurs ein Baustein für sein weiteres Berufsleben. “Ich möchte mich im Bereich Personaltraining und Touren-Guiding selbstständig machen.”

Zwei Motivationen von vielen, wie Marschner weiß: “Die Leute, die hier teilnehmen, kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu uns. Egal ob Rentner, die in ihrer Freizeit Touren anbieten oder Aussteiger, die etwas Neues machen möchten.” Dennoch erkennt er einen Trend bei den Teilnehmern: Immer mehr wollen sich professionell im Guiden versuchen. Besonders seit die Wirtschaftskrise wahllos in den Arbeitsmarkt einschlug. Das Interesse am Kurs stieg dieses Jahr unerwartet hoch. “Wir mussten Zusatzkurse anbieten. In diesem Jahr haben wir einige Teilnehmer, die ihren Job verloren haben und das als Chance auf einen besseren Beruf sehen”, sagt der Ausbilder. Den einzigen gemeinsamen Nenner, den Marschner bei den Bikern hier erkennt, ist die Begeisterung für den Sport.

Die Wolken hängen immer noch graumeliert über Bärenfels. Lausige zwölf Grad kriechen in die letzten Ritzen der Funktionskleidung. Die fünf Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit der letzten Stunden tragen ihr Übriges dazu bei. Wer denkt, bei dem Kurs zum Biken zu kommen, sollte vorsorglich seinen Tacho abschrauben und Abends 1000 Kniebeugen machen – der körperlichen Auslastung wegen. Gefahren wird bei der Ausbildung wenig, besonders in den letzten zwei Tagen des Seminars, die Notfall-Management und Orientierung beinhalten.

Phillip zittert mit aufgestützten Armen über der Wanderkarte des Landkreises. Mit durchnässten Schuhen steht er im Matsch und versucht sich an der Übungseinheit: Orientierung im Gelände. Doch in Zeiten von GPS-sorglos-Systemen scheint die Kunst des Kartenlesens in Vergessenheit geraten. Auf einer unscheinbaren Kreuzung beugt sich der Hamburger über die Karte. Links grün, Rechts grün, geradeaus grün – Phillip kann den Weg nicht ausmachen. Seine Biker-Gruppe steht hilflos im Wald. Eine Kreuzung weiter biegt der Bärenfelser Bibelkreis zielbewusst zum Sonntagsspaziergang ab. Im Hintergrund rauschen die Autos auf der Landstraße. Phillip schaut frustriert auf die aufgeweichte Karte – mitten in der virtuellen Wildnis. Einzig Nicki Burger schafft es, sich im Wust auf Blattgrün und Kartenstrichlein zu orientieren. Für die 36-jährige Krankenschwester kein Problem. Sie brennt für den Beruf des Bike-Guides und paukte schon im Vorfeld. Genau wie Phillip möchte auch sie ihren Beruf ändern – auch wenn das schon zu einigen Wortgefechten innerhalb der Familie geführt hat. Vater und Mutter tun ihren Wunsch als Spinnerei ab. Freunde und Bekannte schütteln teilweise den Kopf. Ihr ist das egal.

Das Hirschragout steht dampfend auf den Tischen. Nach fünf Stunden frieren im Wald genau das Richtige, sollte man meinen. Aber die Trailscout-Anwärter stochern apathisch im Essen. Heute ist Abschlusstag, mit Endbesprechung im Einzelzimmer. Hier entscheidet sich, wer das Zertifikat bekommt und wer nicht. Bernd wird aufgerufen und verschwindet graugesichtig hinter der Eichenholztür. Nach 15 Minuten öffnet sich die Tür. Bernd kommt erleichtert heraus, der Herzinfarkt hat sich gelohnt und das Zertifikat steckt in der Tasche.


INFO


Ausbildung im Überblick:

Der “Trailscout” bildet den Einstieg in das Guiden. Dieser viertägige Lehrgang richtet sich vorwiegend an Personen, die in ihnen vertrauten Revieren Touren anbieten wollen. Seit 2009 ist der MTB-Trailscout auch Teilnahmevoraussetzung für die Ausbildung zum lizenzierten MTB-Guide.


Teilnahmevoraussetzungen:

• Mehrjährige Bike-Erfahrung

• Fortgeschrittene Bike-Beherrschung

• Ausreichende Kondition für Touren von ca. 60 km/1200 hm

• Mitgliedschaft in einem Sportbund/organisierten Sportverein

• Mitgliedschaft in der DIMB

• Erste-Hilfe-Schein


Inhalte:

• Vorbereitung und Durchführung von Touren

• Führungstechniken

• Kartenkunde und Orientierung im Gelände

• Gruppendynamik und Deeskalationstechniken

• Notfall-Management

• Betretungs- und Haftungsrecht

• Vermitteln von Fahrtechnikgrundlagen

• Karten- und Wetterkunde

• Bike-Technik und Pannenhilfe

• Organisation von Bike-Events

• Grundzüge der Trainingslehre

• Vermittlungskonzepte, um sein Wissen effektiv weiterzugeben


Kosten und weitere Informationen:

300-365 Euro, abhängig vom Ort der Veranstaltung


Web: www.dimb.de


Den gesamten Artikel finden Sie unten auch als PDF-Download. 

Lagebesprechung: Nach jedem „Ernstfall“ folgt die Analyse der Situation.

Lerninhalt „Unfall-Management“: Herzanfall als Lernmethode.

Geteiltes Leben: geschlafen wird im Doppelzimmer...

...Gelernt wird im Ballsaal.

Ernstfall im Unterholz: Ausbilder Mathias Marschner mimt den Gestürzten.

Bizarres auf dem Stoppelfeld: Hubschrauber-Notruf an einem verregneten Sonntag.

Ausbildungsleiter: Flo Weishäupl, Mathias Marschner und Harald Phillip. (v. l. n. r.).

Schlagwörter: Guide

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