Selle Italia Flite

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 13 Jahren

Vor 17 Jahren nahm der „Flite“ Platz auf den Sattelstützen dieser Welt. Aber auch ein Klassiker wird mal altersschwach.

Die Eurobike läutete das Ende ein. 17 Jahre lang schien dem „Flite“ kein Rennen zu hart, kein Weg zu lang und keine Hose zu verschwitzt. Doch dieses Jahr musste er auf der Messe in Friedrichshafen abdanken. Die Revolution frisst ihre Kinder: genau so, wie der „Flite“ damals den „Turbo“ verdrängte, muss er jetzt einem jüngeren, weiterentwickelten Modell weichen.

Vor 17 Jahren bot der Flite das erste Mal seinen Platz an – auf der IFMA 1990. Mausgrau, breit und glänzend präsentierte er sich. Diese 235 Gramm Sattel bedeuteten eine Revolution für die Hinterteile der Rad-Welt. Wer vorher sein Bike über der Trail peitschte, der nahm vornehmlich Platz auf einem „Turbo“ oder „Rolls“-Sattel: Rund, schwer und – besonders auf filigranen Stahlrahmen – schlicht hässlich. Fast so, als sitze auf der Torte statt der Kirsche ein Apfel. Mit dem „Flite“ wurde alles anders. Der Ur-Vater des „Flite“, Giuseppe Bigolin, Präsident von Selle Italia, arbeitete schon seit Mitte der Achtziger an der Sitzrevolution – inspiriert von der Form der Concorde und wunden Hintern. „Leggerezza“, „design“, „titano“, „frizione pedalata“ – Leichtigkeit, Design, Titan und die Reibung beim Treten waren seine Schlagworte. Die Designrevolution sollte also auch besonders leicht werden. Dem standen jedoch die zwei Stahlschienen unter der Plastikschale entgegen. Kurzerhand klirrten die Schienen im Mülleimer. Mit Titanstreben wollte der Italiener den Sattel auf Diät setzten. Die technische Umsetzung war kläglich: Mal sackte das Gestell zusammen, mal verformte sich die Plastikschale zu einer Banane. Das leichte Metall verformte sich zu schnell. Erst nach vielen knackenden Schienen, brechenden Schalen und noch mehr Wutausbrüchen dampfte der erste Serien-„Flite“ aus der Presse.

1991 lag der „Flite“ im Schaufenster und mauserte sich zur Sänfte der Rad-Elite. Weltmeister schwitzten sich auf ihm zum Sieg, Alpenpässe wurden bezwungen, oder er wurde durch den Stadtverkehr gescheucht. Drei Millionen Mal hat sich die Sitz-Concorde bis jetzt verkauft. Zudem entstanden unzählige „Flite“-Unterarten: Mal farbig, mit Carbon und Kevlar gespickt oder mit Sitzschlitz. Heute liegen zehn verschiedene „Flites“ in den Shops. Der Mythos lebte – bis jetzt: 17 Jahre lang pressten die Maschinen den „Flite“ fast unverändert zusammen. Keine anderes Radteil kann das von sich behaupten: Die „Mag 21“ tröpfelte nur wenige Jahre aus den Dichtungen, Tomac peitsche sein „Yeti“ nur im vergangenen Jahrhundert zum Sieg. Der „Flite“ dagegen fährt und fährt und fährt.

Vielleicht wird eine wahre Jagd auf den Ur-„Flite“ ausbrechen, das alte Modell mit weißem Schriftzug. Vielleicht überschlagen sich die Gebote bei Ebay, wenn der Kultsattel auf dem Bildschirm runtergezählt wird. Kaum noch findet sich ein gut erhaltener Sattel. Den meisten „Flites“ wurde im Zuge des Leicht-Wahns das Fell abgezogen und mit der Bohrmaschine der Plastikkörper durchlöchert. Das brachte sicher 15 Gramm Gewichts ersparnis – und eine schnell zerschlissene Hose.


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