• Da sitzt sie also. Sari Jörgensen. Das Mädchen, das Downhill-Göttin Missy Giove einst zu ihrer großen Nachfolgerin ausgerufen hatte. Hübsch ist sie. Braune Rehaugen, wie ein Kunstwerk gerahmt von dezenter Schminke. Grübchen, die sich beim Lachen noch inniger um die Mundwinkel schmiegen. Weiße Zähne, auf denen ein Glitzersteinchen funkelt. Schwarze Haare, die unter einer schwarzen Wollmütze vorlugen. Das japanische Tattoo auf dem linken Arm ist neu. Aus dem Mädchen ist eine Frau geworden. Ansonsten sieht sie aus wie auf den Fotos von damals. Auch die Aura ist noch da.
  • Es geht ihr gut. Sie albert herum. Serviert Kaffee. Führt durch ihr neues Heim, in dem sie sich selbst kaum auskennt. Bis gestern war sie auf Wohnungssuche. Nun hat der WG-Rat im Haus ihres Freundes getagt. Ab heute darf sie hier wohnen, in der Sportler-WG im Schweizer Thun. Fünf weitere Leute wohnen hier – BMXer, Snowborder und Skateboarder. Der Hof ist zugestellt mit BMX-Rampen, der Keller vollgestopft mit Bikes. Gleich neben dem Eingang das winzige Zimmer, in dem Sari nun wohnt. Ein Bett, ein Schrank, an der Wand eine riesige “Motörhead”-Flagge, in der Klamottenecke Chaos. Eine Treppe höher der Wohnbereich: Lümmelecke, Fernseher, ein Boxsack. Daneben das Esszimmer. Marken-Aufkleber, wohin das Auge schaut – an Wänden, Türen, Scheiben. Ein alternativer Planet Punk inmitten kitschiger Schweizer Postkarten-Idylle. Dass nun die Presse vor der Tür steht, ist für Sari inzwischen etwas ungewohnt. “Ich dachte, die Leute haben mich längst vergessen”, sagt Cinderella, die ihr Geld jetzt als Klamotten-Verkäuferin verdient. Der Dialekt erinnert an den Ricola-Mann aus der Fernsehwerbung. Man versteht nur die Hälfte. “Bern-Dütsch”, klärt Sari amüsiert auf.
  • Sie ist zurück. Auf dem Bike. Auf der Rennstrecke. Im Rampenlicht. Ein kleines Wunder, wie Sari findet. Als sie im Herbst 2000 mit der Motocross-Maschine in den Sprunghügel krachte, schien alles noch im grünen Bereich. Die Schulter war gebrochen. Aber das gehörte ja irgendwie zum Job. Als im Frühjahr darauf die andere Schulter auf einer Dirt-Strecke zerschmetterte, machte sie sich schon mehr Sorgen. Die Ärzte mussten beide Schultern mit sechszehn Schrauben und viel Titan fixieren. Die Saison war gelaufen. Dennoch meldete Sari trotz Schmerzen für den Worldcup in Kaprun. Sie brauchte Ergebnisse, wenn sie im nächsten Jahr wieder einen Sponsorenvertrag bekommen wollte. Der Versuch endete mit drei gerissenen Schulterbändern. Die OP missglückte. Die Reha brachte keinen Erfolg. Dann wurden die Schultern wieder aufgeschnitten. Das Märchen von Cinderella löste sich in endlosen Physio-Therapien auf. Drei Jahre ist das jetzt her. Die BMX-Strecke Blumenstein sieht aus, wie von Gott in die Alpenlandschaft modelliert. Die Wellenbahn ist umgeben von gepuderten Bergriesen. Von den grünen Wiesen klappern Kuhglocken herüber. Ein Bach rauscht. Vögel zwischern. Man möchte die Szenerie einpacken und daheim in den Setzkasten stellen. Sari steht auf dem Starthügel und pumpt die Lungen voll Sauerstoff. Fokussiert den Double auf der Gegengeraden. Tritt an. Sprintet durch den Anlieger. Und segelt elegant über das Hindernis. So, wie sie es einst bei ihrem Ziehvater John Tomac gelernt hat. So, wie sie letztes Jahr aus dem Nichts Schweizer Meisterin wurde. Und kurz darauf Vierte bei der WM. Eigentlich wollte sie ja nur noch aus Spaß Radfahren. Ohne Stress. Ohne Druck. ”Dann habe ich letztes Jahr bei einem Rennen zugeschaut und war wieder voll angefixt. Einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer. Es ist wie eine Krankheit”, sagt Sari. Letztes Jahr musste sie ihr Bike noch im Laden kaufen. Jetzt klopfen wieder die Sponsoren an. Nächstes Jahr, so plant Sari, will sie wieder vom Sport leben können. Dafür schwitzt sie täglich – auf dem Rennrad, in der Muckibude, auf der BMX-Bahn. Den Job als Verkäuferin kann sich Sari ohnehin kaum auf Dauer vorstellen. ”Ich brauche meine Freiheit”, ruft sie und lässt ihr Pferdeschwänzchen schon wieder im Fahrtwind flattern.
  • Vielleicht bekommt das Märchen doch noch sein Happy End. Schließlich hat es so traumhaft begonnen: Beim ersten Rennen mit dreizehn Jahren schneller als die Juniorinnen, mit vierzehn der erste Sponsor, mit sechzehn Profi in Amerika, mit siebzehn von Bike-Legende John Tomac verpflichtet, ein Jahr später zwei Worldcup-Siege und die Goldmedaillie bei der Downhill-WM. Die Geschichte von Sari Jörgensen ist einzigartig. Trotzdem redet sie ungern über die wichtigste Zeit in ihrem Leben. Denn es lief nicht alles glatt. Vielleicht kam der Ruhm etwas zu früh. Sie spachtelte sich das neue Leben als Star rein, bis es ihr auf den Magen schlug: Reisen, Partys, oberflächliche Freundschaften. Man trichterte ihr perfekte Fahrtechnik ein. Schulte sie im Aushandeln von Verträgen. Das Leben aber, das erklärte dem Teeny keiner. Drüben in Amerika, fern der Heimat. Sie eckte an, fühlte sich unverstanden, verlor ihr Heimatgefühl. Dann trieb auch noch der Neid der Konkurrenz skurrile Blüten. “Irgendwann rief mich ein Journalist aus England an: Er habe gehört, ich habe ein Verhältnis mit John Tomac. Ich war schockiert. Ich meine, Tomac ist verheiratet und hat zwei Kinder. Wie kommen die auf sowas?” Sie habe, so sagt sie, in den letzten Jahren viel über das Leben nachgedacht. “1998 habe ich an einem einzigen Wochenende den Dual- und den Downhill- Worldcup gewonnen. Vor meiner Verletzung dachte ich, das war der geilste Moment meines Lebens. Lächerlich. Geil ist es, mit den Kumpels zu biken und hinterher ein Bier zu trinken.” Man muss nicht Cinderella heißen um seinen Traum zu leben. Irgendwie, sagt Sari, ist es schon gut, wie alles gekommen ist. Dann schiebt sie ihren Helm zurecht und lässt ihr Pferdeschwänzchen wieder im Fahrtwind tanzen. Wahrscheinlich war der Traum noch nie so real wie jetzt.
  • STECKBRIEF Sari Jörgensen, Fourcross- und Downhill-Fahrerin ALTER: 24 Jahre (Stand 2005) SPONSOREN: Oakley, Santa Cruz, Fox WOHNORT: Thun/Schweiz BERUF: Verkäuferin ERFOLGE: 1. Platz Dual-WC 1998, 1. Platz DH-WC 1998, Weltmeisterin Junioren 1998, Vize-Europameister Downhill Junioren 1998, zahlreiche Worldcup-Platzierungen, Gewinnerin Nea Award, Schweizer Meisterin Fourcross und Downhill 2004, 4. Weltmeisterschaft Fourcross 2004 HOBBYS: Chillen, Surfen (würde ich aber gerne besser können) LIEBLINGSESSEN: Salat mit Putenschnitzel LETZTER KINOFILM: “Meet the Fockers” mit Robert de Niro LIEBLINGSMUSIK: Metallica, Rancid, Incubus LETZTER URLAUB: letztes Jahr durch Nicaragua und Costa Rica SPORTLICHES ZIEL: vom Sport leben können, Spaß haben INTERNET: www.sarijoergensen.ch (Text: Henri Lesewitz, Fotos: Yorick Carroux)