Nicolas Siegenthaler Nicolas Siegenthaler

Portrait Nicolas Siegenthaler

Der erfolgreichste Bike-Trainer der Welt

Björn Kafka am 10.12.2017

Nicolas Siegenthaler führt Nino Schurter, Andri Frischknecht, Daniel Federspiel und andere regelmäßig zu Spitzenplatzierungen. Aber was macht der Schweizer Grundschullehrer anders als die anderen?

Der Himmel hat sich verfinstert, eine schwere Regenfront schiebt sich das Ostufer des Bielersees entlang. Mittendrin ein glänzendes Vorderradlicht, das sich durch den Regenteppich schneidet. Auf dem Rad hockt Nicolas Siegenthaler, er flucht sich durch die Wasserwand. Er kneift die Augen zusammen und pustet sich die Wassertropfen von der Nase. Sein Magen knurrt, Finger und Füße sind aufgequollen wie nach einem zu langen Tag im Freibad. Der 59-Jährige ist platt. Platt vom Regen und der Kälte, vom Coachen, von seinen Ehen und dem Matheunterricht.

Keine 20 Minuten später lümmelt sich der Schweizer auf seinem Wohnzimmerteppich. Auf dem Fernsehschirm flimmert ein Downhill-Worldcup. Siegenthaler mampft aus einer großen Tupperschüssel Müsli mit Himbeeren – viel anderes findet sich nicht in seinem Kühlschrank: Beeren, Gemüse, Eier, Milch und ein Bier. Draußen hämmert der Regen weiter ans Veluxfenster. "Merde" flucht Siegenthaler und dreht den Fernseher lauter. Dann stoppt er das Bild – die Siegerehrung von Podestplatz drei. Siegenthaler schaufelt nach und murmelt zu sich selbst: " Neun Jahre im Worldcup und das erste Mal auf dem Podium – meine Tochter Emilie."

Nicolas Siegenthaler

Siegenthaler freut sich über den Erfolg seiner Tochter Emilie beim Downhill-Worldcup.
 

Nicolas Siegenthaler – ein Name den man immer mit einem zweiten in Verbindung bringt: Nino Schurter. Siegenthaler trainiert den Schweizer Nationalhelden seit fast 15 Jahren, 15 Jahre voller Erfolge: Welt­meistertitel, Worldcup-Siege und die große Krönung 2016: die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio. Aber wie kommt es, dass ein Grundschullehrer die gesamte Sportwissenschaft eines Besseren belehrte und zu einem der erfolgreichsten Radtrainer überhaupt wurde? Wer die Geschichte verstehen will, muss auf die Rückspultaste drücken. 1988 ließ sich Siegenthaler in einem Schweizer Krankenhaus das Knie richten. Zu viele Stürze beim Skifahren hatten das Gelenk rampo­niert. Mit dem Skifahren war es aus, dafür brachte ihn die Reha auf dem Rad auf den Geschmack. Zwei Jahre später und zehn Kilo leichter stand der Lehrer als Sieger auf dem Podest beim Grand Raid Cristalp. "Man muss den Sport verstehen, dann wird man erfolgreich. Ich habe mir nach meiner Skizeit genau angeschaut, was beim Biken entscheidend ist, und ich habe es aufgeschlüsselt."

Siegenthalers Leben an sich scheint aufgeschlüsselt, geordnet: Neben der Toilette stapeln sich nach Ausgaben-Nummern sortierte Mountainbike-Magazine. Seine selbstgemalten Bilder: bunte Vierecke, Portraits mit flächigen Farben, klaren Grenzen. In seinem Atelier stehen acht paar Langlaufski – jedes einzelne beschriftet nach dem jeweiligen Einsatzzweck. In Boxen sortiert lagern Radschuhe. Siegenthaler blüht im Detail auf, ein Typ der Smarties nach Farben sortiert, dann nach Größe und später von den hellen zu den dunklen Farben.

In seinem Arbeitszimmer stehen ein Sofa, Tisch, Computer und ein übergroßer Monitor. Vor dem Fenster wiegt sich eine Kastanie im Wind, darunter parkt ein Trecker und sein SUV. Siegenthaler lebt auf einem Bauern­hof. Er mag das, es erinnert ihn an seine Kindheit.

Ein Vogel fliegt durch die Luft. "Ein Milan", sagt der Trainer, "ein schöner Raubvogel. Toll, diese Bewegung – das ist wie Tanzen."

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Dann blickt er auf den Bildschirm und startet Excel. Siegenthaler tippt an einer Präsen­tation für einen Vortrag. Es geht um das psychologische Profil von erfolgreichen Profisportlern. "Nennen Sie mir einen deutschen Fahrer", fordert er mich plötzlich auf. Ich überlege, dann schlage ich "Markus Schulte-Lünzum" vor. Siegenthaler tippt den Namen ein, es erscheinen die Ergebnisse des Deutschen und Siegenthalers nüchterne Erkenntnis: Statistisch gesehen würde er nie ein großes Rennen gewinnen. "Schön wäre es, wenn ein Sportler einmal aus dieser Statistik ausbrechen würde… das ist aber in 15 Jahren noch nie geschehen."

Siegenthaler ist eine Datenkrake, und er war es schon, weit bevor Google sich im Netz verästelte. Der Lehrer sammelt alles, was verwertbar erscheint. Und das geht weit über Rundenzeiten von Rennen, Watt- oder Herzfrequenzwerten hinaus. Siegen­thaler hat Profile eines jeden relevanten Mountainbikers. Er hat Laktatwerte und Wetterdaten, kennt die Rollwiderstände der unterschiedlichsten Reifenmodelle. "Jedes Detail zählt im Cross Country", sagt Siegenthaler. Deswegen hat er Ninos Training in jedem Einzelaspekt perfektioniert: Ausdauer, Technik, Koordination, Psyche und Material. "Es gibt Sportler, die haben größere Motoren, aber dann fehlt es ihnen an anderer Stelle. Nino kann zu jeder Zeit im Rennen die richtige Karte spielen. Er kann alles, er ist ein Mozart auf dem Bike. Das, was ihn einzigartig macht, ist, dass er neben seinem Talent auch noch Ehrgeiz hat – in allen Belangen. Nino Schurter ist nie krank, nie verletzt, immer pünktlich: Er ist der Traum eines jeden Trainers", schwärmt der Schweizer und geht in die Küche.

Als er vor 16 Jahren mit Nino Schurter anfing, lachten sie über seinen Trainerehrgeiz, seine Ideen. Siegenthaler wollte mit seinen Sportlern Diagnostiken am nationalen Sportzentrum von Magglingen machen – in etwa das Pendant zur Sporthochschule in Köln (die Kaderschmiede des Landes). Doch dort sagte man ihm, er solle nicht mit Kindern kommen. Siegenthalers Training wirkte auf die etablierten Sportwissenschaftler wie eine Zirkusdarbietung: Es wurde auf Pezzibällen balanciert, mit Bällen jongliert oder auf Pedalos durch die Halle gefahren. Wenige Jahre später lieferte er Medaillengaranten wie Nino Schurter oder Daniel Federspiel. 2016 kürten die Schweizer den 59-Jährigen zum besten Trainer des Landes.

Nicolas Siegenthaler

Im Studio korrigiert er Nino Schurter in der Bewegung.

Ab 1990 hatte Siegenthaler das Training von Scott Allianz Michelin geleitet – bis 2005 war er dort Teamchef. Hier lernte er auch Nino Schurter kennen. Und schon damals hatte er einen Plan: Siegenthaler wollte jeden Aspekt des Bike-Sports in seine Einzelteile filetieren. "Das machte ich mit allen Fertigkeiten, die man zum Biken benötigt: Kraft, Ausdauer, Koordination, Fahrtechnik, Psyche und so weiter. Aber erst musste ich die Fähigkeiten erkennen, dann selektieren und später zusammenfügen. So funktioniert Lernen", erklärt der Grundschullehrer.

Siegenthaler drückt sich aus dem Bürostuhl hoch und läuft etwas staksig in die Küche. Seine Beine seien noch etwas schwer vom Wochenende: fünf Stunden Rennradtour durch die Berge. Deshalb jetzt einen Espresso.

Auf der Arbeitsfläche glänzt eine silber-goldene Espresso­maschine, die er von seinem Meisterschüler nach den Olympischen Spielen geschenkt bekam. Die Maschine brummt, aus dem Siebträger tropft dicke Crema in die Tasse. Der 59-Jährige nimmt das Tässchen und starrt aus dem Fenster. Draußen zerreißt der Sturm die Wolken. Blätter wirbeln durch die Luft. "Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Jeder hat seine Leiche im Keller", sagt Siegenthaler plötzlich und schaut auf die Maschine. "Seit vier Monaten bin ich in dieser Wohnung – alleine. Vor drei Jahren habe ich mich von meiner Frau getrennt, weil ich mich einfach neu verliebt hatte. Ich konnte dagegen nichts tun. Ich habe neu geheiratet, aber das war es auch nicht. Sie ist zu jung, wir beide sind zu verschieden. Zu meiner Ehefrau habe ich derzeit keinen Kontakt, mit meiner Exfrau arbeite ich zusammen in der Schule. Ich bin hin- und hergerissen." Der Regen prasselt gegen die Scheibe. Siegenthaler nimmt einen großen Schluck. "So ist das Leben. Die Frage ist nur, wie gut gehen wir damit um? Die erfolgreichsten Sportler sind die, die unter Druck – bei Misserfolgen oder familiären Tragödien – immer noch Rückhalt in sich selbst finden", sagt Siegenthaler und schaut, wie die Regentropfen die Scheibe hinunterlaufen.

Siegenthaler sitzt vor dem Fernseher. Er will noch mal den Worldcup seiner Tochter anschauen. "Neun Jahre Worldcup, und der eigene Vater als Trainer. Dass das noch mal gutgehen würde." Siegenthaler lächelt und streckt die müden Beine aus. Das letzte Donnergrollen verhallt irgendwo weit hinter den nahen Bergen. Die Sonne blinzelt in die Fenster hinein. Morgen wird er trocken zur Schule kommen.


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Björn Kafka am 10.12.2017