Porträt Jürgen Beneke

Jürgen Benekes letzter Versuch

Henri Lesewitz am 16.07.2008

Er war der Mountainbike-Superstar der Neunziger. Nun will sich Jürgen Beneke seinen letzten großen Sportlertraum erfüllen – den Deutschen Meistertitel im Downhill.

Die bestrumpften Füße hat er vorsichtig auf die scharfkantigen Pedale gestellt, die Hände suchen auf dem Lenker nach der idealen Position. Seit Minuten schon steht er so da, die Schulter an die Wohnzimmerwand gelehnt, das linke Pedal in Antrittsposition vorne, in sich gekehrt, als warte er auf das Startkommando. Sieben Stockwerke weiter unten, wo die 23th Straße die 2nd Avenue schneidet, hupt sich der zähflüssige Endlosstrom aus Taxis und bizarr langen Limousinen durch die Betonschlucht. Von hier oben sieht der Verkehr aus wie ein stählerner Tausendfüßler. Der Lärm dringt durch jede Fensterritze, übertönt die Fernsehnachrichten. Doch Jürgen Beneke (35) hört nichts. Nicht in diesem Moment, den er so lange herbeigesehnt hat. Der seine Gedanken wieder und wieder ausgefüllt hat in den letzten Jahren, der nun Realität geworden ist. Beneke richtet den Oberkörper auf, inhaliert den Augenblick. Er sitzt auf dem Bike eines Sponsors, zum ersten Mal wieder seit neun Jahren. Gestern ist es mit der Post eingetroffen, gold lackiert und mit dicken, schweren Reifen. Im August will er damit ins Trikot des Deutschen Downhill-Meisters rasen. “Das ist mein Traum”, sagt Beneke.

Der Traum klingt verrückt. Beinahe ein Jahrzehnt ist das Karriere-Ende des größten deutschen Downhill-Stars inzwischen her. Nun will er weitermachen. Einfach so. Von null auf hundert. Er, der in den Neunzigerjahren den Downhill-Worldcup gewann und 1999 frustriert von den Rahmenbedingungen das Handtuch warf. Der kaum Zeit fürs Training hat, weil er sich mit diversen Baustellen-Jobs durchschlagen muss.

Zur Person: Jürgen Benecke

Wenn Jürgen Beneke am 17. August in Tabarz um die Downhill-Krone kämpft, werden viele Erinnerungen an die "goldenen Jahre" des Bike-Sports wach. Lange Zeit hatte Beneke die Downhill-Szene dominiert und 1993 in seinem ersten Profi-Jahr sogar den Gesamt-Worldcup gewonnen. Während Konkurrent Marcus Klausmann seit Mitte der Neunziger einen Deutschen Meistertitel nach dem anderen einfährt, blieb es bei Beneke bei einem einzigen Meistertrikot, da er nach seiner Hochzeit mit Downhillerin Stacy Lee Miller 1996 in die USA zog. Eben diesen Titel aber errang er vor zwölf Jahren in Tabarz, seinem letzten Rennen in Deutschland. So schließt sich der Kreis. Beneke gegen Klausmann. Obwohl Beneke in der Presse inzwischen "Downhill-Rentner" genannt wird, stehen die Chancen auf den Titel mehr als gut. Beim Worldcup in Mont Sainte Anne, den Beneke letztes Jahr aus Spaß mitfuhr, kam er ohne Training unter die Top-20.

Das Porträt von Jürgen Beneke aus BIKE 4/2008 finden Sie im gratis PDF-Download.

Henri Lesewitz am 16.07.2008
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