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Pioniere der Mountainbike Geschichte USA Pioniere der Mountainbike Geschichte USA

Pioniere der Mountainbike-Szene

Zu Besuch bei echten Mountainbike-Pionieren

BIKE Magazin am 30.08.2005

Väter der Leidenschaft – Sie galten als Spinner und wurden Legenden in der MTB-Szene. Im Mill Valley weht noch der Geist der Pionierjahre. BIKE hat die kreativen Köpfe von damals besucht.

Die Zeitreise beginnt am anderen Ende der Golden Gate Bridge. Der Berg hinter seinem Häuschen hat für Joe Breeze einmal die Welt bedeutet. Jetzt sitzt er auf der Veranda, nippt an einem Glas Wasser und blickt seltsam skeptisch auf den Mt. Tamalpais. Der Gipfel über Fairfax wurde durch ihn zum heiligen Berg der Bikeszene. Der Koloss ist ihm fremd geworden. „Heute ist der Berg Teil eines Nationalparks. Biken kostet 500 Dollar Strafe“, sagt Joe mit Wehmut in der Stimme.

Fotostrecke: Pioniere der Mountainbike-Geschichte

Joe Breeze MTB-Pionier Legende

Vor dreißig Jahren war Biken am Mt. Tamalpais noch nicht verboten. Genau genommen war Biken damals noch gar nicht erfunden. Joes Erzählungen schweifen in die Vergangenheit. Für ihn sind es nur Jugenderlebnisse. In Wirklichkeit waren sie der Beginn eines neuen Sports, eines völlig neuen Lebensgefühls und eines globalen Milliarden-Business. Im Sommer 1973 schaute Joe wieder einmal bei seinem Lieblings-Radladen vorbei. Da stand er: ein rot überpinselter Cruiser – “B.F. Goodrich Balooner”, Baujahr 1941. Eine Schrottkarre für fünf Dollar, ideal, um damit endlich einen verrückten Wunsch wahr zu machen: einen Downhill vom Mt. Tamalpais bis runter ins Mill Valley. Joe frisierte die alte Mühle vorsichtshalber noch mit Motocross-Bremshebeln. Dann ging es los. “That was fun”, kichert Joe wie ein kleiner Junge. Ob damit er oder Gary Fisher den ersten Buchstaben ins Mountainbike-Geschichtsbuch kritzelte, wird seitdem hitzig diskutiert.

Joe Breeze Drehbank Stahlrahmen Werkstatt

Joe war es egal. Die Sonne am Mt. Tamalpais war ihm immer lieber als das Blitzlicht der Öffentlichkeit. Bald zierten genau diese Sonne und der Berg das Logo seiner neuen Bikeschmiede. Sein “Breezer Number One” erregte großes Aufsehen. Der Virus verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es dauerte nicht lange, bis auch die Presse von den Radfahrern am Mt.Tamalpais berichtete, der Durchbruch des Mountainbikes war geschafft. Der Rest ist Geschichte, wie auch Joes Mountainbike-Schmiede.

Erstes Mountainbike Joe Breeze Balooner

“Heute produziert doch jeder Mountainbikes”, erzählt Joe, “da werde ich nicht mehr wirklich gebraucht. Ich widme mich jetzt anderen Aufgaben in der Fahrrad-Branche, bei deren Verwirklichung ich wieder Pionierleistungen erbringen kann.” Die Niederlande sind das große Vorbild seiner “Marin Bike Coalition”. Das hohe Ziel: sichere Radwege für den Alltag. Dafür reist er quer durch die USA und wirbt für alternative Verkehrsmittel. Er fühlt sich stark genug, eine Radler-Lobby aufzubauen. Er stellte seine Firma komplett um und produziert jetzt “Breezer – Bikes for Transportation”, arbeitet als Stadtplaner und kämpft für mehr Radwege. Er sammelt Sponsorengelder und kämpft gegen die Mühlen der amerikanischen Öl-Lobby. Mr. Breeze hat in den vergangenen Jahren 13 Millionen Dollar für Radwege in seiner Heimat Marin County aufgetrieben. “Ich bin ein Kämpfertyp und verfolge meinen Traum von der Heimat, in der das Fahrrad in den Alltag eingebunden ist. Davon werde ich mich nicht abbringen lassen.” Er grinst zufrieden. Über seinem Kopf hängt das gelbe Tour de France- Trikot von Lance Armstrong mit Edding- Widmung an “L'équipe Breeze”. “Manchmal würde ich gerne noch einmal Liebhaber- Rahmen herstellen, wie in den ersten Tagen. Aber gerade habe ich Wichtigeres zu tun.”

 

MERT LAWWILL – MEISTER ALLER KLASSEN

Mert Lawwill erstes MTB-Fully

Ein paar Autominuten von Joe Breeze entfernt, wohnt eine andere Zweirad-Legende aus dem Mill Valley: Mert Lawwill, berühmtester Motorrad-Rennfahrer der 60er und 70er, Federungs-Guru, Erfinder, Visionär. Mert ist mal wieder fieberhaft mit der Umsetzung einer revolutionären Bike-Idee beschäftigt. Gerade gönnt er sich eine kurze Pause und lümmelt auf seiner weich gesteppten Ledercouch. In der riesigen Glotze flimmert der Film “On Any Sunday” von Kultregisseur Bruce Brown. Mert und sein Kumpel Steve McQueen wurden für die Dreharbeiten ein Jahr lang von einem Kamerateam begleitet. Ohne Zweifel, Mert ist ein Superstar. Ein vermögender dazu. Sein Haus ist so perfekt in einen Berg gebaut, dass die gesamte “San Francisco Bay” mit Golden Gate und Skyline vor dem Fenster wie eine kitschige Fototapete wirkt. Dieses Haus ist wohl auch die einzige Villa, von deren Wohnzimmer eine Tür direkt in die Werkstatt und die Garagen führt.

 

Mert ist ein Technik-Freak. Einer, der sich mit einer perfekt ausgearbeiteten Erfindung in die Mountainbike-Welt einblendet, einige Zeit im Ruhm badet, um dann ebenso schnell wieder von der Bildfläche zu verschwinden.

Mert Lawwill Mountainbike Legende Erfinder

Meist genau dann, wenn die Motorradsaison wieder beginnt und sich Mert als größter Motorradrennfahrer der 60er und 70er Jahre feiern lässt. Die Bike-Welt dagegen feierte Mert für das erste Fully-Patent. “Die Zeichnung hatte ich in 20 Minuten fertig. Bis die Bike-Industrie die Hinterrad- Federung annahm, dauerte es zehn Jahre”, amüsiert sich Mert. Gary Fisher kaufte damals die Lizenzen. Das Bike wurde ein Verkaufsrenner. Mert könnte sich ausruhen auf unendlich vielen Lorbeeren, doch das wäre ihm zu langweilig. Gerade tüftelt er wieder Nacht für Nacht in seiner Werkstatt an einem ausgeklügelten Bikerahmen samt Dämpfer: Blattfedern als Kettenstreben ohne Lager hinter dem Tretlager, kombiniert mit einer ähnlich konstruierten Federgabel. Für den neuen Rahmen soll irgendein geheimes Verbundmaterial zum Einsatz kommen.

Mert Lawwill vollgefedertes Mountainbike

In ein paar Monaten werden Sohn Joe Lawwill (Downhill Champion 2002) und sein Mitbewohner Brian Lopes (Downhill und Dual Superstar) die Prototypen den Berg hinter dem Haus hinunterprügeln. Die beiden werden die Messlatte wie gewohnt hoch hängen und die Testfahrten nicht zimperlich ausfallen lassen – Ehrensache.

WTB Mountainbike Rahmen

WTB – KREATIV-SCHMIEDE MIT FAMILIEN-CHARAKTER Neben einem Burrito-Imbiss und hinter Blümchen- Rabatten liegt die Zentrale einer der ältesten Ideen-Schmieden der Bike-Geschichte – Wilderness-Trail-Bikes, kurz WTB. Die Geburtsstunde der Kultfirma liegt über zwanzig Jahre zurück. Damals wurde noch lange gefeiert und noch länger gefrühstückt. Am liebsten aber zogen die WTB-Macher mit ihren Bikes los und verwandelten die Wanderwege des Mt. Tamalpais in Downhill-Pisten.

WTB Firmengründer Charlie Cunningham Steve Potts Marc Slate

Die Rennrad-Teile kamen schnell an ihre Grenzen, richtige Mountainbike-Parts gab es noch nicht. Also schlossen sich ein paar enthusiastische Tüftler in einer Garage ein und bauten stabile Bremsen, Steuersätze und Reifen. Die Freaks stürzten sich auf alles, was man an Fahrräder mit Stollenreifen schrauben konnte. Ein Jahr später wurde die Garage von Charlie Cunningham, Steve Potts, Patrick Seidler und Marc Slate “WTB” getauft. Marc Slate kommt ins Schwärmen, wenn er an die Gründerzeit zurückdenkt.

Marc Slate WTB

“Die Pionierzeit war die beste Zeit in meinem Leben!” Die Firma funktioniert noch heute wie eine Familie. Jeder der 14 Mitarbeiter kommt morgens mit dem Rad zur Arbeit. Nach Feierabend geht es auf die Trails. Mittags wird der Basketball-Korb neben dem Haupteingang unter Beschuss genommen. Stehen geblieben ist die Zeit auf dem “Planeten WTB” aber keineswegs. Der Basketball-Korb wird immer öfter von Paletten aus Taiwan zugestellt. Asien-Massen-Produktion in einer Kultschmiede? Auf die Frage hat Marc gewartet. Nach einer kurzen Verlegenheitspause beginnt er zu plaudern: Die Taiwan-Produktion sei nötig, leider, aus Kostengründen. Anfangs hätten ihn die Anzug-Typen in den Fernost-Fabriken zur Weißglut gebracht, die noch nie auf einem Bike saßen. Doch nachdem er den Asiaten monatelang die WTB-Philosophie eingetrichtert hatte, wurden die gnadenlosen Qualitäts-Ansprüche auch tatsächlich erfüllt. Die Biker würden die Produktions-Verlagerung nicht spüren. Wenn überhaupt, dann nur im Geldbeutel. “Wer zu teuer anbietet, ist raus. Da muss man mitziehen”, erklärt Marc und füttert das Faxgerät mit einem neuen Reifendesign. “Schließlich wollen wir auch in Zukunft noch Produkte mit dem gleichen Herzblut wie früher entwickeln. Denn der Spirit ist hier im Mill Valley immer noch derselbe wie damals in den Siebzigern.”

BIKE Magazin am 30.08.2005

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