• Sandra weiß noch nichts von ihrem Geschenk. Doch den 18. Juli hat auch sie noch bestens in Erinnerung. Zwei Tage zuvor hatte sie Peggy im Team-Auto versteckt, damit ihr die Betreuer beim Anblick der mineralarm schauenden Schwester keine Vorhaltungen machten. Es war die erste von acht Etappen und das erste gemeinsame Rennen, das die beiden bestritten. Sandra, die Nationalfahrerin. Und Peggy, die Feierabend-Sportlerin. Dabei gilt die BIKE Transalp als härtester Mountainbike-Marathon der Welt. Das Familienprojekt schien zu scheitern. Bis sich das Asphaltband schließlich am dritten Tag steil in Richtung der Felbertauern aufbäumte. Peggy litt zwar wie zuvor. ”Doch plötzlich wurden wir von einem Frauen-Team überholt, dessen Führende die Partnerin mit einer Leine zog”, erinnert sich Sandra. Sofort sei sie vom Rad gesprungen, habe mit den Zähnen einen Ersatzschlauch aufgebissen und Peggy daran bis zum Geröllpfad geschleppt. ”Dort haben wir uns Turnschuhe angezogen und sind voll Anschlag über die Geröllfelder gerannt. Peggy war rabenschwarz, aber ein paar Stunden später standen wir auf dem Podium. Wir haben beide geheult vor Freude”, sagt Sandra. In der Endabrechnung sprang sogar noch Platz zwei heraus. Im Jahr darauf trugen sie die Führungstrikots bis ins Ziel. Das Zwillingsmotto wurde zum Markenzeichen. Inzwischen ist ein neunköpfiges Team daraus geworden. Viel wichtiger aber: ”Wenn man als Geschwister einmal solche Qualen durchlebt hat, dann kommt gegen diese Kraft nichts mehr an”, philosophiert Peggy, tupft mit dem Pinsel ein Schneefeld neben die Sankt Pöltner Hütte und wischt ihre farbverschmierten Hände an der Jeans ab. Gleich muss sie die Räder in den Van laden, wenn sie pünktlich um 15 Uhr bei Sandra zum Training in Stephanskirchen sein will. Der Ort ist eine Autostunde entfernt. Zwei bis dreimal in jeder Woche trainieren die Schwestern zusammen. Peggy selbst wohnt mit ihren Freund im Münchner Umland in einer Art Gutshaus, dessen genaue Zimmeranzahl sie nicht auswendig weiß.
  • Seit die Kloses die gleichen Trikots tragen, wirken sie synchron bis zum Geht-nicht-mehr. Die Haare sind identisch gestuft und leuchten im selben Saharablond. Die Strähnchen liegen richtungsgleich geföhnt. Die Ohrstecker stammen aus der gleichen Kollektion, Pulsuhren und Funktionskleidung sowieso. Letztens, berichtet Peggy amüsiert, habe ihr eigener Freund Sandra für sie gehalten und “Hallo, Schatzi” zur Schwester gerufen. Das passiere öfter. Selbst beruflich unterscheiden sich die Zwillinge nur durch die Postleitzahlen: Seit sich die Kloses als Team “Zwillingscraft” zusammengetan haben, teilt die Vertriebsbeauftragte Peggy ihr Gebiet schwesterlich mit Sandra. Beide verkaufen Orthopädietechnik in Krankenhäusern. Stützmanschetten mit Vorderfußentlastung, Vakuumbereichen und sogenannten Gangbildnern. Weil Peggy bei beruflichen Dingen und Sandra bei sportlichen das Sagen hat, nennen sie sich gerne “Schlaumaus” und “Feldwebel”. Das Pärchen selbst jedoch hält sich für völlig unterschiedlich. Schließlich habe Sandra rechts zwei Löcher mehr im Ohrläppchen und eine etwas längere Nase, während Peggy angeblich zum Hohlkreuz neige. Sandra hat einen schwarzen Schmuseteddy, Peggy einen weißen. Also! Obwohl die beiden durch den Sport bekannt geworden sind, war gerade das Radfahren lange Zeit der größte Unterschied zwischen den beiden. Als Familie Klose kurz nach dem Mauerfall aus dem ostdeutschen Görlitz ins bayerische Rosenheim umsiedelte, fanden die 14-jährigen Schwestern zunächst nur schwer Anschluss. “Wegen des Dialekts wurden wir unterschwellig diskriminiert. Außerdem hatten sich in den Klassen schon längst feste Cliquen gebildet, in die man als Außenstehender einfach nicht reinkam”, blickt Sandra zurück. Und so radelten sie nach der Schule eben durch das Rosenheimer Hinterland, statt die Zeit wie die meisten ihrer Alterskollegen mit Zigaretten totzuqualmen. Von Papa Peter, einem enthusiastischen Straßenrennfahrer, bekamen sie die Rennräder.
  • Doch während sich Peggys Sporteifer bei gemütlichen Gelegenheitseinheiten einpegelte, wurde Radfahren für Sandra zum Lebensinhalt. Beim Kriterium ”Rund um den Eggenfelder Industriepark” gelang ihr 1990 der erste Sprung aufs Podest. Vier Jahre später trug sie bereits das Trikot der Nationalmannschaft. Später tingelte sie von Mountainbike-Marathon zu Mountainbike-Marathon, um die Siegprämien einzusammeln. ”Der Radsport war irgendwo auch eine Trotzreaktion unserem Vater gegenüber. Der hatte immer gestichelt, dass dieser Sport nichts für Frauen sei”, erklärt Sandra, die ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit alten Tour-de-France-Fotos dekoriert hat und ihren Kater ”Pantani” nannte. 2004 dann die bittere Enttäuschung: Obwohl Sandra alle Kriterien für eine Olympia-Nominierung erfüllt hatte, wollte sie der Radsportverband nicht nach Athen schicken. Wahrscheinlich wegen einer persönlichen Antipathie des Auswal-Trainers, vermutet Sandra, während die Werte auf ihrem Pulsmesser bedrohlich ansteigen. Lange habe sie gebraucht, um diese Geschichte zu verdauen, sagt sie. Erst der Transalp-Sieg mit Peggy habe ihr darüber hinweggeholfen.
  • Warum sie sich überhaupt entschlossen haben, bei dem Rennen als Zwillingspaar zu starten, wissen beide nicht mehr genau. War einfach eine spontane Idee. ”Ich bin eigentlich gar kein Renntyp: Ich habe Schiss vor dem Startschuss, vor dem Losfahren, dem Rumgedrängel. Alles ist nur Stress”, wundert sich Peggy über ihre neue Leidenschaft. Stephanskirchen ist erreicht. Peggy parkt ihren Van vor einem Mehrfamilienhaus und zieht ”Gämse” aus dem Kofferraum. ”Gämse” ist ihr Bike. Alle Bikes haben Namen bei den Kloses. So wie viele andere Dinge des täglichen Gebrauchs. Das erleichtere die Zuordnung, lacht Peggy und begrüßt Sandra mit einer innigen Umarmung, die vor dem Hauseingang gerade die Bremsleitungen ihres Bikes kürzt. Im Juni werden sie bei der Erstauflage der Craft BIKE Trans Germany an den Start gehen. Acht Etappen von St. Wendel im Saarland nach Schöneck im Erzgebirge. Die ganze Saison haben sie darauf ausgerichtet. Doch Sandra ist unzufrieden. Der Ruhepuls geht seit dem letzten Marathon nicht mehr tiefer als 55 Schläge pro Minute. Sandra achtet pingelig auf solche Details, weshalb sie auch fast nie wirklichen Ruhepuls hat. Ständig grübelt sie, wie Abläufe, Material und Form weiter zu optimieren sind. Welche Reifen sie wann aufzieht und wie sie die Abfahrten noch zügiger runterkommen könnte. Sogar einen Motorradfahrer hat Sandra mit der Begutachtung der Trans-Germany-Strecke beauftragt, um für jede Etappe das richtige Reifenprofil bereitzuhaben. Peggy sind derartige Details ziemlich egal. Sie will bis zum Start noch drei Kilo abnehmen. ”Und dann sehen wir mal.” Diese Disbalance in Sachen Temperament hat Sandra schon oft zur Verzweiflung gebracht. Einmal habe sie kilometerlang im Wind gearbeitet, um zusammen mit einer schnellen Männergruppe in die Abfahrt gehen zu können, wo Peggy dann gebremst hatte, weil ein Schild vor Murmeltieren warnte. ”Bremsen! Für Murmeltiere! Bei einem Rennen!”, schüttelt sich Sandra vor Lachen. Sie würde eher einem Bullen die Hörner abheißen, als wegen übertriebener Tierliebe eine Gruppe ziehen zu lassen. Weihnachten durfte sich Peggy über fünf Murmeltiere aus Plüsch sowie ein passend bedrucktes T-Shirt freuen. Die Bremsleitung ist gekürzt. Peggy und Sandra rollen in ihren hellblauen Zwillings-Outfits los. Am 9. Juni wollen sie es der Welt wieder zeigen, wobei sich Peggy die Landschaft diesmal wohl etwas genauer anschauen wird – falls sie das Erlebte später als Gemälde verarbeiten will. Vom Aufstieg zur Sankt Pöltner Hütte jedenfalls hatte sie bis vor Kurzen kaum eine Erinnerung. Deshalb ist sie noch mal hochgewandert. Wenn sich Schlaumaus bei Feldwebel bedankt, sollte jeder Felsen an der richtigen Stelle sitzen.