Himalaja-Reise in die Mountainbike-Steinzeit Himalaja-Reise in die Mountainbike-Steinzeit Himalaja-Reise in die Mountainbike-Steinzeit

Nostalgie-MTB-Tour Himalaja

Himalaja-Reise in die Mountainbike-Steinzeit

  • Martin Platter
 • Publiziert vor 5 Jahren

Dünne Luft, Wetterkapriolen und Mountainbikes wie aus der Steinzeit: Bike-Reisepioniere wie Ruedi Christen waren echte Abenteurer. Er nimmt uns mit auf seinen ersten MTB-Trip 1991 ins Himalaja-Gebiet.

„Die stundenlange Abfahrt hatte meinen Händen brutal zugesetzt. Noch Tage später hatte ich kein Gefühl in den Fingerspitzen. Die schwergängigen Cantilever-Bremsen und die unaufhörlichen Schläge des rauen Wegs, die ungefiltert bis zum Körper durchdrangen, waren einfach zu viel.» Ruedi Christen lächelt über das verdutzte Gesicht des Schreibenden, der die Anfangszeit des Mountainbikens ebenfalls miterlebt hat, und ergänzt: «In der Höhenlage des Himalajas können sich auch kleine materialtechnische, wettermässige und konditionelle Unzulänglichkeiten zu echten Problemen entwickeln.“

Im Frühling 1986 war der Geschäftsgründer des heutigen Reiseorganisators mountainbikereisen.ch erstmals in den indischen Teil des Himalajas aufgebrochen. Auf Touren-Skis und zu Fuss erkundete er die Region und war derart fasziniert, dass er zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner Erich Spielman begann, unter dem Label «Himalaya-Trek» Reisen in die karge Berglandschaft zu organisieren. Der zu dieser Zeit aufkeimende Mountainbike-Boom beflügelte die Idee der ersten Himalaja-Durchquerung mit einem dieser neuartigen Bergvelos. Für Christen war das damals der ideale Ausgleich zu seinem langweiligen Alltag als Chemie-Laborant. Nach mehr als einem Jahr Planung war es im Juni 1991 so weit: Die wahrscheinlich erste Himalaja-Überquerung mit Mountainbikes startete mit sechs Kunden.

„Wir begannen unsere ersten Bike-Expeditionen über den Manali-Leh-Srinagar-Highway. Der führte uns nicht gleich über die höchsten Pässe der Region. Das ist wichtig, denn eine langsame Gewöhnung an die dünne Luft war und ist bis heute das A und O einer Himalaja-Tour.» Christen sagt, die ersten Himalaja-Bike-Reisen seien von der Organisation her durchaus vergleichbar gewesen mit den Reisegruppen von Bergsteigern am Himalaja. «Wir aber begannen bei Null, mussten zuerst herausfinden, was Mensch und Material aushalten.“

Ein aus heutiger Sicht archaisch anmutendes Unterfangen. Federung am Bike, präzise elektronische Navigation, Daunenschlafsack und Satelliten-Telefon waren zu jener Zeit noch nicht erfunden. Mit Starrgabeln, schlechtem Kartenmaterial und Sagex-Helmen brach die Gruppe zum unbekannten Abenteuer auf. Begleitet von einem lokalen Team vor Ort, das ebenfalls keine Erfahrung mit Mountainbike-Touren in grosser Höhe hatte. Welche Auswirkungen würden die dünne Luft, die schlechten Naturstrassen und das unberechenbare Wetter auf der 1000 Kilometer langen Strecke, die mitten durch das Sperrgebiet zwischen den beiden verfeindeten Ländern Indien und Pakistan führte, wohl zeitigen?

Ruedi Christen Stundenlange Schüttelpartie, bis die Plomben aus den Zähnen fallen und das Gefühl in den Fingern weg ist.

Ruedi Christen erinnert sich: „1990 sind wir probehalber erstmals von Leh losgefahren. Wir wollten mit den Bikes auf den Taglang La, mit einer Höhe von 5317 Metern der zweithöchste mit dem Auto befahrbare Pass der Welt. Bald merkten wir, wie schwierig das war. Wir waren ausserdem zu früh dran. Der Pass war im Mai noch eingeschneit, die Überquerung war erst im Juni möglich. Erste Kontakte mit der indischen Armee, die sich uns gegenüber stets sehr grosszügig verhalten hat, erwiesen sich als Wegbereiter. Das war Voraussetzung, denn es gab in dieser Zeit immer mal wieder Artilleriebeschuss von pakistanischer Seite her.“

Ruedi Christen Archaisch anmutende Strassenbautrupps, die mit einfachsten Werkzeugen die Wege in die entlegenen Täler erhalten.

Ruedi Christen Mit Wetterkapriolen muss man auf grosser Höhe immer rechnen. Schneefall kann auch im Sommer jederzeit einsetzen.

Auf der stundenlangen Abfahrt vom Taglang La hinunter ins Indus-Tal ist es zur eingangs beschriebenen Ermüdung gekommen. „Die Abfahrt auf schlaglochübersäten Wegen, bei der wir rund 2000 Höhenmeter vernichteten, hatte es in sich. Das wirklich Verrückte aber war, dass uns das Begleitfahrzeug immer folgen oder vorausfahren musste. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, in irgendeinem Tal zu landen – ohne Verpflegung und Zelte, wie das bei anderen Reisegruppen später vorgekommen ist.“

Es lauerten noch andere Gefahren. Christen erzählt: „Immer wieder trafen wir auf Strassenbautrupps, denn die Verkehrswege durch die höchsten Berge der Erde waren auch selbst ständig in Bewegung. Diese Strassenarbeiter wurden aus den ärmsten Regionen Indiens rekrutiert. Deren Arbeitsbedingungen unter primitivsten Verhältnissen grenzten an Sklaverei. Eines Tages kam es zu einem Übergriff. Beim Rückmarsch in ihr Camp versuchten einige Arbeiter, unser Begleitfahrzeug aufzuhalten, um mitzufahren. Als sich der Chauffeur weigerte, weil er sich ums wertvolle Material und das Ersatz-Bike sorgte, begannen die Arbeiter, Steine nach dem Fahrzeug zu werfen. Ein Stein durchschlug die Frontscheibe und verletzte den Chauffeur am Kopf. Dieser geriet in Panik und raste durch die aufgebrachte Meute. Als wir wenig später radelnd zur Gruppe stiessen, war die Stimmung sehr seltsam. Sonst wurden wir immer freudig begrüsst, diesmal aber nur feindselig beäugt. Glücklicherweise liessen die Arbeiter uns aber in Ruhe. So gab es jeden Tag ein neues Erlebnis.“

Ruedi Christen Helme und Federgabeln hatten 1991 noch Seltenheitswert. Die radtouristische Erschliessung exotischer Reisedestinationen war erst am Aufkommen.

Wie testet man eigentlich, ob eine Person den Strapazen einer Himalaja-Tour gewachsen ist? „Das ist bis heute die wohl schwierigste Entscheidung. Ich führte jeweils im Vorfeld der Reise eintägige Bike-Touren durch. Dabei lernte man sich in der Gruppe gegenseitig kennen, und als Guide sah man den Formstand und die fahrtechnischen Fähigkeiten der Teilnehmer. Die ersten Eindrücke erwiesen sich jedoch oft als wenig aussagekräftig. Ob eine Gruppe funktioniert und ob jemand den Strapazen tatsächlich gewachsen ist, stellt sich erst unterwegs heraus“, musste Christen immer wieder feststellen. „Bei der ersten Reise hatten wir dann tatsächlich jemanden dabei, der die Höhe überhaupt nicht vertrug. Er musste oft ins Begleitfahrzeug einsteigen. Damals gab es noch keine wirkungsvollen Medikamente wie das heute gebräuchliche Diamox, die präventiv sehr gut bei der Akklimatisation wirken oder wenn sich Symptome von Höhenkrankheit wie Kopfweh und Schlaflosigkeit einstellen.“ Mit der Zeit habe man es den Leuten angesehen, wie sie die Höhe vertrugen.

„Blaue Lippen und aufgeschwollene Augen morgens nach dem Aufstehen waren zuverlässige Anzeichen von Problemen. Dennoch war es nicht immer einfach. Es gab Teilnehmer, die schon beim kleinsten Bobochen zu jammern begannen. Während andere klaglos fuhren, bis sie vom Bike kippten.“

Vor allem die jüngeren und fitten Teilnehmer hätten seine Ratschläge nicht immer so ernst genommen, berichtet Christen. Die erlebten dann teilweise buchstäblich ihr blaues Wunder: „Altersunterschiede haben sich oft nach ein paar Tagen ausgeglichen. Gerade diejenigen, die im Vorfeld nicht so viel trainiert hatten, haben sich während der Tour gesteigert. Während die Fitten mit der Zeit abbauten“, hat Christen festgestellt. „Dabei konnten die Älteren oft besser einteilen.

Ruedi Christen Unendliche Weiten gibt’s auch im Himalaja-Gebiet. Die Straßen waren vor 25 Jahren allerdings nur selten so schön – inzwischen sind viele geteert.

„Mit zunehmendem Alter wächst die Erfahrung, was man seinem Körper zumuten kann. In grosser Höhe zahlt es sich aus, körperliche Anstrengung gemächlich anzugehen. Fährt man zu lange im roten Bereich, kann sich der Körper fast nicht mehr erholen.» Der allgegenwärtige Buddhismus habe perfekt zu den Himalaja-Touren gepasst. Da werde man schon demütig, wenn man die religiösen Insignien sehe, sagt Christen lachend. «Auch der Kulturschock haben nicht alle leicht weggesteckt. Es hat Teilnehmerinnen gegeben, die reisten vorzeitig wieder nach Hause, als sie die Armut in Indien gesehen haben.“

Aufgeben sei für ihn nie in Frage gekommen. Einmal sei man eine Woche lang in einem verlassenen Tal eingeschneit gewesen. „Die Lage ist mit jedem Tag prekärer geworden, weil die Lebensmittel und der Treibstoff am Ausgehen waren.“ Doch dann sei die Strasse endlich wieder geöffnet worden. Die Reise konnte weitergehen.

In großer Höhe zahlt es sich aus, Anstrengungen gemächlich anzugehen.

„Das hat mich gelehrt, bei herannahender Schlechtwetterfront sofort weiterzufahren und den nächsten Pass nötigenfalls mit dem Begleitauto zu überqueren, anstatt das Risiko des Eingeschneitwerdens auf mich zu nehmen.» Mit dieser Flexibilität, dass zu jeder Zeit alles passieren könne, damit kämen nicht alle Reiseteilnehmer gleich gut klar. «Der technische Fortschritt macht es für den Guide nicht immer einfacher. Man wird heute mehr hinterfragt. Die Leute kommen, um zu konsumieren. Äussere Umstände stossen auf weniger Toleranz“, hat Ruedi Christen festgestellt.

Ruedi Christen Mittagsrast unter freiem Himmel. Im Hintergrund Begleitfahrzeuge, die oft dieselben Wege wie die Biker fahren mussten.

Er zieht deshalb grössere Reisegruppen kleineren vor, denn die absorbierten Sonderlinge, Drauf- und Einzelgänger besser. „In der Gruppe muss man sich zurücknehmen können, auch bezüglich Risikobereitschaft, sonst kann’s sehr gefährlich werden“, sagt Christen aus eigener Erfahrung. Bei einem Unfall könne es Stunden dauern, bis medizinische Hilfe verfügbar sei. „Glücklicherweise habe ich es nur einmal erlebt, dass ein Kunde wegen Selbstüberschätzung schwer stürzte und sich dabei erheblich verletzte.“ Aber auch dieser Unfall sei letztlich gut ausgegangen. Ganz klar: Ruedi Christen möchte es nicht missen, die fantastischen Landschaften, das einfache Leben der Einheimischen, die märchenhaften buddhistischen Klöster und der zunehmende Höhenrausch.

Ein Erlebnis auf der ersten Reise wird er nie vergessen: Am Zwischenhalt in Leh herrschte helle Aufregung. Die Gruppe wurde vom Ladhakischen Prinzen zum Tee in den Königspalast eingeladen. Auf dem Thron sass niemand geringerer als der bescheidene Mitfahrer «Tschiggi». Seine Hoheit war auf der ersten Himalaja-Überquerung Tag für Tag inkognito als Begleiter im Bus dabei gewesen.

Martin Platter Ruedi Christen im März 2016: mit seinem Fatbike beim Trainieren in Silvaplana.

Unzählige Abenteuer sollen gefeiert sein

Das Team um Christian und Nadja Keller, das mountainbikereisen.ch 2010 von Ruedi Christen übernommen hat, hat in den 30 Jahren seines Bestehens viel mit seinen Kunden erlebt. Im Himalaja, später in Europa und auf der ganzen Welt. 30 Jahre Bike-Abenteuer wollen gebührend gefeiert werden. Der Höhepunkt des Jubeljahres findet am 10./11. September 2016 im Engadin statt. Gemeinsam mit Kunden und Team-Mitgliedern wird zurückgegangen zur Geburtsstätte von mountainbikereisen.ch. «Hier lassen wir die Korken knallen», frohlockt Nadja Keller. Auf dem Programm stehen Gratis-Touren, eine Dia-Show aus alten Zeiten, Interviews mit Promis, eine kulinarische Weltreise, ein grosser Wettbewerb und eine Retro-Party…

Alle Jubiläumsaktivitäten finden sich auf www.mountainbikereisen.ch

Themen: HimalajaPassReiseRetrobikeTourVeranstalter


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