Nina Göhl Nina Göhl Nina Göhl

Nina Göhl

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 18 Jahren

Vor der WM 2002 kannte kaum einer Nina Göhl. Ihren Heimatort Göttlishofen schon gar niemand. Heute zählt Nina zu den deutschen Hoffnungen im olympischen Cross-Country-Rennen. Die Teams buhlen um die 19-jährige. Doch die zeigt die kalte Schulter, lernt und macht Musik.

In ihr erstes Trinkgelage geriet Nina Göhl (19) bei der Weltmeisterschaft 2002 in Kaprun. Vier Baccardi Cola zählte sie noch. Die folgenden Campari Orange nicht mehr. „Einen Rausch hatte ich aber komischerweise nicht“ erinnert sich die ansonsten abstinent lebende Sportlerin. Gegen die Macht der Glückshormone hatte an diesem Abend selbst der Alkohol keine Chance. Sie war überraschend Neunte geworden im Rennen der Elitedamen. Als 18-jährige Schülerin im ungleichen Kampf mit den Profis.

Göttlishofen bei Argenbühl im Allgäu: Wer den Ort sucht, übersieht ihn beim ersten Durchfahren leicht. Das BIKETeam war auf der Suche nach Göttlishofen schon zweimal durch die Siedlung gerauscht. Ohne die Lotsensignale sicher auch ein drittes Mal. Da steht sie also. Nina Göhl. Das Mädchen, das seit ihrem WM-Paukenschlag als Olympia- Hoffnung gehandelt wird. Badeschlappen, blau gestreiftes Polohemd, grüne Army-Shorts, weiße Formstreifen auf gebräunter Haut. Ein paar rosa vernarbte Sturzverletzungen gestatten einen flüchtigen Blick in ihre Bikerseele. Die blonde Mähne hat sie mit einem Haargummi gebändigt. Ihre grünen Augen leuchten. Perlweiße Zähne rahmen ein bezauberndes Lächeln ein. Sie hat allen Grund dazu. Gerade ist sie Deutsche Vize-Meisterin im Cross Country geworden. Das Abi hat sie in der Tasche – „Schnitt 1,5“, berichtet sie stolz.

„Nach der WM in Kaprun habe ich Anfragen von Teams wie Merida oder Ralph Denk bekommen. Auch für ein Frauenteam von T-Mobile war ich mal im Gespräch“, erzählt Nina. Doch die Schule war ihr wichtiger. Um das Geld für ihr erstes Bike zu verdienen, half Nina ihrem Vater beim Holzstapeln. Sie war vierzehn Jahre alt, das Wunschbike ladenneu und von Winora. Gleich die ersten Ausfahrten führten Nina auf die BMX-Bahn nach Isny. Zusammen mit Zwillingsbruder Philip versuchte sie sich an Sprüngen und Steilkurven. Ein Jahr später sogar an einem richtigen Cross-Country-Rennen. Weil nur drei Mädchen für die Hobby-Klasse gemeldet hatten, musste sie zusammen mit den gleichaltrigen Jungs auf die Strecke gehen. Nina kämpfte sich auf den sechsten Platz und durfte den Siegerpokal der Mädchenwertung mit nach Hause nehmen.

Ihr Sieg beim „Porsche Pro Open“ in München lenkte ihre Laufbahn schließlich in eine völlig neue Richtung. Die Radfirma Pakka stattete Nina mit Material aus, der Verein „Radunion Wangen“ mit Trikots und einer Lizenz. Der Start bei der Deutschen Meisterschaft im Cross Country 1999 war eigentlich nur als Training gedacht. Doch Nina wurde Meisterin der Junioren-Klasse – und damit Mitglied der Nationalmannschaft. Ritterschlag und Belastung zugleich. Selbst bei der Besichtigung ihres Zimmers wirkt Nina wie ein Rennwagen vor dem Start. Energie pur. Weil Schule und Rad fahren offenbar nicht reichen, um ein derartiges Gewitter zu entladen, macht Nina nebenbei Musik. „Irgendwann“, träumt sie, „würde ich gerne mal in einer Hip-Hop-Band spielen.“ Auf dem Nachtschrank ein CD-Radio.

Wie sie das alles schafft, Abi, Leistungssport und dann noch ein Hobby? Früh um sieben Uhr aufstehen. Dann in die Schule, anschließend bis abends trainieren. Lernen bis zehn, musizieren bis elf. Äußerlich scheint Nina ein ganz normales Mädchen. Innerlich aber ist sie ihrem Alter weit voraus. Sie denkt nicht dran, sich in wackelige Hoffnungen auf eine Profi-Karriere zu verstricken. Ausbildung und Familie haben für Nina Priorität Nummer eins. Priorität Nummer zwei folgt allerdings dicht auf und prangt auf den Türen ihres Opel Corsa: „Athen 2004“. Um die Nominierungs-Hürde für die Olympischen Spiele zu schaffen, will sich Nina jetzt ein Jahr lang nur auf den Sport konzentrieren.

„Egal ob es mit Olympia klappt oder nicht, nächstes Jahr im Herbst werde ich studieren.“ Irgendwas mit Ernährungswissenschaften. Das findet sie interessant. Vielleicht molekulare Biomedizin. Das hat sie mal in einer Zeitschrift gelesen, die kostenlos in der Apotheke auslag. Das Mädchen ist ein Phänomen. Abi mit „eins-fünf“, gleichzeitig zur Olympia-Hoffnung hochgestrampelt. Sie sieht gut aus, wirkt immer bestens gelaunt, hat ihre Ziele fest im Visier. Trinkt kaum Alkohol, feiert keine wilden Partys. Hat noch nie einen Freund gehabt – weil bis jetzt noch kein passender dabeigewesen ist. Nein, sie ist kein Wunderkind. Eher ein ganz normales Mädchen.

Vielleicht von Gott. Denn Nina ist genau wie der Rest ihrer Familie streng gläubig. Sie liest die Bibel und geht einmal pro Woche in die Kirche. Die Religion der „Freien Christen“ lehrt Brüderlichkeit und verbietet Sex vor der Ehe. „Ich sehe es als Geschenk Gottes an, dass ich Rad fahren kann." Für Nina ist das berühmte Glas Wasser immer ,halb voll’, nie ,halb leer’. Und wenn sie tatsächlich bei Olympia dabei ist, kann hinterher auch mal wieder Campari Orange drin sein. Auch egal.


Steckbrief:

Wohnort: Argenbühl-Göttlishofen (Baden-Württemberg)
Alter: 19 Jahre (Stand 2003)
Größe: 160 cm
Gewicht: 48 kg
Beruf: Radprofi
Mountainbiken seit: 1998
Team: Denkhaus-Castellani
Erfolge: Deutsche Junioren-Meisterin Cross Country 2000, 2 x 4. Platz Europa-Meisterschaft Cross Country 2000/2001, 9. Platz Weltmeisterschaft 2002, 2. Platz Deutsche Meisterschaft 2003
Hobbys: Musik
Lieblingsessen: Pizza
Lieblingsurlaubsland: Mexiko
Lieblingsfilm: Forest Gump
Lieblingsbuch: Die Bibel, Nächstes Jahr in Liverpool
Lieblingsmusik: Alles außer Volksmusik, Coldplay
Lieblingsmagazine: BIKE, Focus, Apotheken-Magazine
Kontakt: info@nina-goehl.de
Homepage: www.nina-goehl.de

Themen: Cross-CountryNina Göhl


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