Ned Overend

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 15 Jahren

Er hatte gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert, da lieferte sich Ned Overend im Herbst 2005 noch mal ein Rennen mit den Worldcup-Stars, nur so zum Spaß. Der Weltmeister von 1990 wird einfach nicht müde.

Die anderen haben wieder Staub gefressen – wie üblich. Für Ned Overend ist das trotz stolzer Fünfzig scheinbar die normalste Sache der Welt. Mit einem 18. Platz beim Worldcup 2005 in New Mexico zeigte der Alterspräsident mal wieder Zähne – und die sind scheinbar noch lange nicht stumpf. Wie immer war er austrainiert bis in die letzte Faser und fuhr einem Großteil der Weltelite davon. Die meisten seiner Gegner hätten seine Söhne sein können. „Deadly Nedly“ musste wieder mitmischen und das jetzt schon seit über 20 Jahren. Der alte Duracell-Hase kann es eben nicht sein lassen.

Die Geschichte von „Old Neverend“ ist ein Bike-Märchen. Er wuchs als Diplomatensohn in Äthiopien und im Iran auf, bis er als Halbstarker in den USA landete. Dort mischte er bei Triathlons und Radrennen die Konkurrenz auf. 1980 begann Ned als Automechaniker, bis er sich entschloss, sein Leben zu ändern. Fortan schraubte er in Durango in einem Radladen, um seinen Traum zu verwirklichen: Straßen- oder Triathlon-Profi. Es kam aber anders. Ned entdeckte im Shop das Bike. Schnell wurde ihm klar, dass Stollenreifen besser zu ihm passen würden als 18 Millimeter dünne „Dackeltrennscheiben“. 1985 wurde er Profi bei Schwinn, aber das Geld reichte hinten und vorne nicht. Nach dem Training schob er Pizzas bei Pizza Hut in den Ofen. Aber seitdem war er der Mann, den es zu schlagen galt. Mit Oberlippenbart und riesigem Leberfleck als Markenzeichen sammelte er Siege wie andere Briefmarken.

Der wirkliche Kult begann, als Ned drei Jahre später bei Specialized einstieg. Hier wuchs er zur „S-Ikone“ heran. Mit rotem „S“ auf dem Rücken wurde er 1990 der erste offizielle Weltmeister im Biken. Auf seinem Heimatkurs in Durango stampfte er die Konkurrenz in den Boden. Sein legendäres „S-Works Ultimate“ half ihm dabei: eine Rennfeile mit Carbon-Rohren und Merlin-Titan-Teilen. 1200 Gramm brachte der Rahmen auf die Waage – heute noch ein erstaunliches Gewicht. Damit wurde er der erste offizielle Mountainbike-Weltmeister in einem Alter, in dem die meisten schon in der Midlifecrisis stecken.

Er überließ nichts dem Zufall. Sein Training war hart. Getreu dem Motto: Schmerzen gehören dazu. Overend suchte sich seine Höhepunkte immer genau aus: Besser einmal top sein, als die ganze Saison durchschnittlich über den Kurs zu gurken. Das ist bis heute so. Auf den Rennstrecken war er die Angst im Nacken. „Old Neverend“ war der Diesel unter den Bikern. Wenn die Konkurrenz mit Blitzstart an ihm vorbeischoss, rollte Ned gemächlich von hinten das Feld auf – mit Vorliebe an steilen Anstiegen. Selbst die jungen Wilden wie Frischknecht und Tomac sahen da manchmal alt aus.

Als er 1996 dem Bike den Rücken kehrte war das nur ein Startschuss zu einer neuen Karriere als Cross-Triathlon-Profi. Mit 43 Jahren gewann er den XTERRA World Championship 1998. Nebenbei entwickelt „Deadly Nedly“ nach wie vor Rennmaschinen für Specialized.

Aber auch an der Specialized-Ikone ging der Zahn der Zeit nicht spurlos vorbei. Der Wolfgang-Petri-Stil wurde dem Perfektionisten zu viel. Vielleicht aus aerodynamischen oder aus Gewichtsgründen, zumindest verschwand im neuen Jahrtausend der Oberlippenbart. Eines bleibt aber: Overend lebt den Bike-Traum, den sich alle wünschen. Und ausgeträumt hat er noch lange nicht.

Schlagwörter: Hall Ned Overend


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