MTB Kultschmieden Titan Custom-Bikes MTB Kultschmieden Titan Custom-Bikes

MTB-Kultschmieden im Porträt

Herz ist Trumpf

Henri Lesewitz am 23.11.2016

Ob man sie zum Angeben besitzt, zum Liebhaben, oder tatsächlich zum Fahren. Handgebaute Rahmen von MTB-Kultschmieden bringen Biker-Herzen in Wallung. Ein Test mit Flirt-Faktor.

Man kann es natürlich versuchen, per Telefon, Mail, Fax, oder was das Kommunikationszeitalter sonst noch an Möglichkeiten bereithält. Mehr als eine automatische Antwort-Mail wird einem nicht ins virtuelle Postfach rauschen. "Ein Jahr Lieferzeit. Vorerst keine Auftragsannahme", so der Inhalt.

Florian Wiesmann hat keine Zeit zum Telefonieren. Er muss feilen, schweißen, polieren. Sein Job ist es, die Träume anderer Menschen anfassbar zu machen. Im Moment kommt er damit kaum hinterher. "Wenn ich einen Rahmen baue, dann ist da immer auch ein kunsthandwerklicher Anspruch dabei", sagt Wiesmann: "Einerseits ist ein Mountainbike etwas total Primitives. Andererseits ist es aber auch etwas extrem Technisches."

Seit fast zwei Jahrzehnten baut Wiesmann Fahrradrahmen nach Kundenwunsch. Er ist ein Maßschneider mit Zollstock und Schweißnadel. Einer, dem das Ergebnis wichtiger ist als der Aufwand. Zwischen zehn Tagen und drei Wochen dauert es, bis aus einem Stapel Rohren ein fertiger Rahmen wird. Wobei bei der Versessenheit nach Details nicht immer klar ist, was Handwerk ist und was Liebkosung. Um jede Fehlerquelle auszuschließen, verzichtet er auf Angestellte. Die Maßgabe ist: nichts weniger als Perfektion. Die Basis des Rahmens bildet immer der Kunde.
"Ein Fahrrad ist immer nur so gut, wie es mit seinem Fahrer harmoniert", sagt Wiesmann. Es klingt wie der Werbespruch einer Partnervermittlung. Und im Grunde genommen ist Rahmenbau ja auch nichts anderes. Es bringt zusammen, was zusammen gehört.

Seven Cycles Rob Vandermark

"Wenn ich über Custom-Bikes rede, dann meine ich keine spezielle Geometrie. Ich meine ein Gesamtsystem aus vielen Faktoren, das für den Fahrer entwickelt wird", sagt Schweißer-Legende Rob Vandermark.

Es geht um Gefühl. Um Objektsexualität. Um Liebe.

Das Handwerk boomt, auch wenn sich die Manufakturen inzwischen nur noch eine überschaubare Parzelle auf der saftigen Weide der Fahrrad-Industrie teilen. 150 Aussteller drängten sich vor wenigen Tagen in den Hallen der legendären North American Handmade Bicycle Show in Texas. Es ist wie eine Parallelwelt, die im Schatten der übermächtigen Massenindustrie prächtig gedeiht.
"Man kann sich ein Serienrad mit individuellen Teilen aufbauen, wirklich optimal wird es aber nie passen", sagt der Amerikaner Rob Vandermark, der in den späten Achtzigern der Titan-Schmiede Merlin zu Kultstatus verhalf und 1997 Seven Cycles gründete. Mehr als 2000 Rahmen werden dort inzwischen Jahr für Jahr in aufwändiger Handarbeit modelliert. Zu Preisen, die dem preisbewussten Durchschnittsradler heißkalte Schweißbäche den Rücken runterlaufen lassen. Eine Ausstülpung der Luxuslust, wie Rasierpinsel aus Dachshaar oder brillantenbesetzte Handys? Da muss der deutsche Importeur Mario Sillack lächeln.

"Die Wirtschaftskrise war unser bisher bestes Jahr. Viele Leute wollen nicht mehr tausende Euro für irgendein Carbon-Rad bezahlen, das dann nächstes Jahr schon wieder out ist, weil das Nachfolgemodell auf den Markt kommt." Anfang der Neunziger waren Handmade- Schmieden tonangebend bei Entwicklung und Rennerfolgen. Firmen wie Klein, Yeti oder Fat Chance fertigten nicht nur aus Leidenschaft. Sie waren die Geburtshelfer einer ganzen Sportart. Dann kamen die mächtigen Konzerne mit ihren Ingenieuren, Konstruktionsprogrammen, Fernost-Fabriken und globalen Vertriebsnetzen. Das Preis-Leistungsstreben ließ keinen Platz mehr für Individualität und Herzblut. Aber es schuf bezahlbare Massenware, die sich immer näher an das technisch Mögliche tastet. Rahmen unter 1000 Gramm zum Beispiel, die sagenhafte Steifigkeitswerte haben, aber gerade mal die Hälfte einer Maßanfertigung kosten.

Wiesmann Bikes Werkstatt

Florian Wiesmann bei der Arbeit in seiner Werkstatt.

Wie Rolex gegen billigen Digitalwecker

Kann ein handgebauter Rahmen also überhaupt besser sein, als der eines Hightech-Konzerns? Das ist nicht die Frage, um die es geht. Kann eine Rolex die Zeit besser anzeigen als ein billiger Digitalwecker? Malt ein Füllfederhalter von Davidoff bessere Buchstaben als einer aus dem Büromarkt? Es geht nicht um das "besser", das sich mit Apparaturen messen lässt. Es geht um das "besser", das man in sich spürt; das vom Bauch aus durch den Körper kribbelt, den Verstand vernebelt und einen nicht mehr schlafen lässt. Es geht um ein Gefühl. Man kann es Objektsexualität nennen. Oder Liebe.

Auf den angehängten Artikeln finden Sie ausgewählte Schmuckstücke aus den edelsten Manufakturen der Welt. Wir haben sie ohne Rücksicht auf ihre schönen Oberflächen durch den Matsch gescheucht. Da aber fast alle Räder nach Vorgabe gefertigt werden, verzichten wir auf einen strengen Vergleichstest mit Tabellen.

Übrigens: Wer einen Rahmen der US-Schmiede Vanilla Bicycles irgendwann sein Eigen nennen will, muss 1500 Dollar (nicht rückzahlbar!) auf das Firmenkonto einzahlen und sieben Jahre lang auf einer Warteliste verharren. Man sagt, dass manch einem ein Platz auf dieser Liste ausreicht für ein Gefühl himmlicher Glückseligkeit.

Henri Lesewitz am 23.11.2016
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