• Montag, 11. Oktober, 11 Uhr, Elk Avenue 331. Eine alte Tankstelle, geschmackvoll renoviert. “Crested Butte Mountain Heritage Museum, Mountain Bike Hall of Fame”, steht auf dem übergroßen Schaufenster. Drinnen eine Mischung aus Krämer- und Souvenirladen. “Mountain Bike Hall of Fame, bin ich hier richtig?” Der Typ hinterm Tresen grinst mich an. “Klar Mann”. Betretene Stille. “Ist Don hier?”. Der Typ schaut mich an wie einen Idioten “Wer ist Don? Ach, Don Cook. Mann, hast du mal rausgeschaut?”, fragt er und sieht mich mitleidig an. “Bei schönem Wetter ist Don nie hier. Da sitzt er auf seinem Bike.” “Ja, aber wir waren hier um 11 Uhr verabredet”. Der Museumswärter grinst noch breiter: “Am besten, du holst dir erst mal einen Kaffee und wirfst einen Blick ins Museum.” Das Museum, ein großer Raum im Rückgebäude der Tankstelle, ist vollgestopft mit Relikten aus der Gründerzeit des Ortes: Ein alter Herd mit allem möglichen Küchenzubehör, Holzski, ein paar geschnürte Skischuhe, verstaubte Bilder, Goldgräber-Krempel.
  • Die “Mountain Bike Hall of Fame” entpuppt sich als eine etwa zehn Quadratmeter große Ecke des Museums: In einer Vitrine liegen, auf Samt gebettet, alte Schalt- und Bremskomponenten von Suntour. Auf dem Fensterbrett stauben eine Rock Shox “RS1” und Doug Bradburys “Manitou 1” vor sich hin. Vier alte Schätze hat Don aus Platznot an der Decke aufgehängt. Unter anderem das 54. Serien-Stumpjumper von Specialized, ein 78er-Breezer und ein Ibis Custom, Anno 84. Als Raumteiler zwei Paravents mit vergilbten Fotos und alten Zeitungsauschnitten. Dazwischen das Herzstück der “Hall of Fame”: Die Galerie mit Portraits und Biographien der 92 Mitglieder. Neben Größen wie Mike Sinyard, Gary Fisher und Keith Bontrager finde ich in der Galerie allerdings nur Namen, die bei uns kein Mensch kennt. Fast – immerhin vier Europäer haben es hier zu Ruhm und Ehren gebracht: Paola Pezzo, Hans Rey, Regina Stiefl und Thomas Frischknecht.
  • Am späten Nachmittag erscheint Don, ziemlich gestresst. “Kaum Zeit” habe er. Und: Ich solle ihm genau sagen, was ich für die Reportage brauche, denn er hätte noch “viel zu erledigen” – obwohl mir nicht ganz klar wird, was er in diesem verschlafenen Nest Dringendes erledigen könnte. Ach, und ich solle bitte zum Fotografieren keines der Exponate berühren, denn es sei zu viel Arbeit, sie wieder richtig zu befestigen. Mit dem Satz “Lass uns heute Abend beim Mexikaner gegenüber essen, dann können wir reden”, macht sich Don aus dem Staub.
  • 20 Uhr beim Mexikaner. Nach dem dritten ”Fat Tire Ale” wird Don gesprächig. Der 45-Jährige erzählt die Geschichte von Crested Butte. Der Ort entstand im Goldrausch des 19. Jahrhunderts. Jahrzehntelang wurden auf der Suche nach dem Edelmetall tiefe Stollen in die Berge getrieben. Doch der Goldsegen hielt sich in Grenzen. Statt dessen fand man Kohle. Als die Kohlepreise Anfang der 50er-Jahre drastisch sanken, verschwand die Stadt von der Bildfläche. In den 60ern brachte der Skiboom wieder etwas Leben in die Minenstadt. Die Abgeschiedenheit des Ortes lockte aber auch viele Hippies an, die sich hier vor ihrem Wehrdienst in Vietnam versteckten. Im Winter ließ es sich vom Skitourismus gut leben, doch die Sommer blieben mager. Die Stadt hatte kein Geld, nicht einmal für asphaltierte Straßen. Und weil die Straßen so rau waren und die Einwohner ohnehin genug Zeit hatten, bauten sie die ersten ”Klunker” mit stabilen Rahmen und dicken Reifen. Die Idee funktionierte und die ersten Verwegenen begannen, mit ihren ”Klunkern” die alten Minenwege rund um Crested Butte auszuprobieren. Bald bauten sie bessere Bremsen, Lenker und Schaltungen – das Mountainbike war geboren. AM ANFANG GING ES NUR BERGAB
  • 1977 zog der heute 45-jährige Don nach Crested Butte. Zum Skifahren im Winter und zum Biken im Sommer. Don war der erste, der konsequent Komponenten verbesserte: Pedale für besseren Halt, Griffe, die sich nicht drehten, Laufräder mit konifizierten Speichen und Alu-Nippeln. ”Zuerst sind wir eigentlich nur bergab gefahren. Wir haben die ,Klunker‘ in die Trucks geworfen und sind hochgeshuttelt, um die Minenwege möglichst schnell runterzuheizen. Dann gab es Schaltungen und wir bauten die Bikes leichter. Plötzlich war es möglich, auch bergauf zu fahren.” Während Pionier-Kollegen wie Fisher, Cunningham und Breeze später in der Industrie richtig große Nummern wurden, blieb Don unbekannt. ”Karriere war mir schon immer egal. So habe ich nur dafür gesorgt, dass ich Essen in meinen Mund und Dope in meine Pfeife bekommen habe.” Nur einmal startete Don den Versuch, in der Industrie Fuß zu fassen: ”1980, auf der Tradeshow in Rhino, bin ich mit meinem ,Klunker‘ reingerollt und zu den Ständen von Colnago, Masi und De Vinci marschiert. Aber die haben mir nur einen Arschtritt gegeben. Auch Gary Klein hat mich damals am Genick gepackt und vom Stand geworfen. Niemand hat damals die Idee des Mountainbikes verstanden.”
  • 1988 startete Don mit der “Hall of Fame”. “Mountainbiken war auf dem Weg, einen weltweiten Boom auszulösen. Auch die Europäer machten Ernst und wir waren besorgt, die Wurzeln des Sports könnten verloren gehen.” Seither werden jedes Jahr zur Interbike-Show in Las Vegas vier neue Mitglieder von einer Jury in die “Hall of Fame” aufgenommen. Da die Jury aber ausschließlich aus Amerikanern besteht, findet die Entwicklung in Europa hier so gut wie nicht statt. Und so wird das Bild von Transalp-Pionier Uli Stanciu auch im nächsten Jahr wieder in der Schublade verschwinden. Der wird zwar ob seiner großen Verdienste jedes Jahr fleißig nominiert, ist aber in den USA unbekannt wie Matt Hebberd, Pat Follett, Tom Spiegel, Kurt Loheit und Paul Thomasberg bei uns. (Text und Fotos: Markus Greber)