• Mike Sinyard (56), Chef und Gründer der Firma Specialized, meint das ernst. So ernst, dass er Fitness zum Einstellungskriterium bei neuen Mitarbeitern macht. Das weiß auch Jan Talavasek. Der deutsche Ingenieur war für das Engineering bei Votec verantwortlich, als ihn Mike Sinyard persönlich anrief und zu einem Einstellungsgespräch ins Silicon Valley einlud. “Dass man gut auf dem Bike sitzt, ist ihm in der Tat wichtig. Das ist Teil seiner Firmenphilosophie.” Sinyard ging es immer ums Radfahren, schon immer hat er sein Leben dieser Leidenschaft untergeordnet. Nach dem Uni-Abschluss 1972 hatte er sich kreuz und quer durch Kalifornien gejobbt. “Eigentlich konnte ich mich nie gut verkaufen. Also musste ich schauen, dass ich mein eigenes Ding auf die Beine stellte.” Sinyard sammelte schrottreife Räder, machte sie wieder flott und verkaufte sie so gut es ging weiter. Radfahren war auch der Grund, dass er 1974 seinen alten VW-Bus verkaufte. Der war zwar alles, was er damals besaß, aber der Verkauf brachte ihm 1?500 Dollar. Und damit finanzierte sich der 23-Jährige einen Bike-Trip quer durch Europa. Dass diese 1?500 Dollar die Weichen für sein weiteres Leben und vielleicht auch für den gesamten Bike-Sport stellten, ahnte Sinyard damals natürlich noch nicht: “Das war für mich Adventure Capital, nicht Venture Capital”, sagt Sinyard.
  • Doch was als Abenteuer begann, nahm als Erfolgsstory seinen Lauf. Heute ist Specia­lized der international führende Montainbike-Hersteller im High-End-Bereich. Mit über 500 Angestellten weltweit und mehr als 200 Millionen Dollar Umsatz gehört die Firma zu den Schwergewichten der Fahrrad-Branche. Vom Tagelöhner zum Millionär Direkt hinter der Eingangspforte liegt das Specialized-Museum.
  • Hier findet man die Meilensteine der Firmengeschichte und einige Highlights aus 25 Jahren Bike-Geschichte: Die ersten handgeschriebenen Kataloge von Mike Sinyard, Prototypen der ersten Specialized-Reifen, sämtliche Jahrgänge des Kult­bikes “Stumpjumper”, das Dirtbike von Shaun Palmer, alte Racebikes von Ned Overend. Es ist die Dokumentation eines modernen Märchens: vom Tagelöhner zum Millionär. Als Mike Sinyard damals durch Europa radelte, wusste er, wo er am Ende seines Trips landen wollte: in Italien. Mit seiner reichen Fahrradkultur war Italien für ihn das Gelobte Land. Hier wollte er Kontakte knüpfen. Startkapital waren die 1?500 Dollar aus dem Verkauf des Bullis. Bepackt mit Satteltaschen, tingelte Sinyard per Reiserad von Norden nach Süden. Er schlief im Freien oder in Jugendherbergen. Und in einer dieser Jugendherbergen traf Sinyard eine junge Frau, die zufällig den Gott der Fahrradkomponenten persönlich kannte: Cino Cinelli. Es kam zu einem Treffen mit dem Meister und der junge Sinyard konnte den alten Cinelli überzeugen, seine Komponenten nach Amerika importieren zu dürfen. “Amerikanische Fahrradkomponenten waren in den frühen Siebzigern bloß ein Haufen Schrott”, erinnert sich Sinyard. “Alles Hochwertige, alles, was Klasse hatte, kam aus Italien. Nur, in den USA waren diese Teile damals kaum zu kriegen.” Am Ende seines Europa-Trips hatte Mike Sin­yard 1?200 Dollar übrig. “Kaum zu glauben, aber ich brauchte damals wirklich nicht mehr als 100 Dollar im Monat zum Leben”, erinnert sich Sinyard heute amüsiert. Mit den 1.200 Dollar kaufte er einen Sack voll Komponenten ein und flog damit nach Hause zurück. In Kalifornien rissen ihm die Rennradfahrer die Teile aus den Händen.
  • Die heiligen Hallen von Morgan Hill Die schwarz-gelb lackierte Tür zum Hochsicherheitstrakt ist dick wie die eines Safes. Die Hydraulik des Tors öffnet sich nur für Mitarbeiter, die die korrekte Zahlenkombination kennen. Lautlos schwenkt das Tor auf, eine rote Lampe blinkt. Dahinter verstecken sich die Abteilungen Marketing, Produktmanagement und Engineering, als ginge es um die Entwicklung neuer Kampfstoffe. Fast 60 Angestellte tüfteln hier an Produkten, Werbe- und Vertriebsstrategien. Die Arbeitsplätze sind mit Paravents in Parzellen eingeteilt – das typisch amerikanische Großraumbüro. Auch Mike Sinyard’s Reich befindet sich hier, zwischen seinen Mitarbeitern. Dort lässt er sich nach seinem Lunch Ride im verschwitzten Bike-Trikot in seinen Ledersessel fallen. Dieser und der Platz am Fenster sind die einzigen Chef-Privilegien, die Sinyard für sich beansprucht. Seine Mitarbeiter sind Biker, und er ist einer von ihnen. “Wir gehen jeden Mittag zusammen fahren”, sagt Sinyard, dem der Schweiß noch auf der Stirn steht. “Rennrad, weil die Mountainbike-Trails für eine kurze Runde zu weit weg sind.” Als Mike Sinyard aus Europa zurückkam, gründete er seine Firma. Zu Anfang bestand sie aus einem Fahrrad-Anhänger und einem Namen. “Wie gesagt: Die guten italienischen Komponenten gab es in den Siebzigern nirgends zu kaufen. Die wenigen Glücklichen, die sie sich über irgendwelche Kanäle besorgt hatten, nannten ihre getunten Bikes damals ‚specialized bikes‘.” Mit seinem Fahrrad-Anhänger fuhr Sinyard von Shop zu Shop und verkaufte die Teile, die er aus Italien mitgebracht hatte. So machte er im ersten Jahr 60?000 Dollar Umsatz und finanzierte damit seinen ersten festen Firmensitz in Champel, Kalifornien. Ein Jahr später wurde er vom Vertreiber zum Hersteller. “Ich ärgerte mich, dass sämtliche Reifen nach kurzer Zeit auf den Felgen herumeierten. Also kreierte ich mein eigenes Profil, zeichnete Schnittpläne und schickte sie zu einem japanischen Reifenhersteller.” Die Japaner lieferten schnell und die Reifen waren besser als alle anderen. “Wir verkauften sie wie geschnittenes Brot. Doch irgendwann kamen die Japaner zu Besuch, sahen das Chaos, in dem ich arbeitete und kündigten die Zusammenarbeit”, erinnert sich Sinyard mit einem Grinsen.
  • Design oder nicht sein Würden diese Herren heute zu Besuch kommen, würden sie Mike Sinyard wohl einen roten Teppich bis nach Tokio legen. Die Tür hinter dem Großhirn des Unternehmens führt zu einem weiteren Teil der Unternehmenskultur: Robert Egger’s Designstudio ist eine riesige, lichtdurchflutete Halle. Überall stehen fertige und halbfertige Kreationen auf zwei Rädern: mit Fell bezogene Lowrider, Bikes im Chopper-Stil, Miniatur-Bikes, Holz-Bikes im Fred-Feuerstein-Look. Dazwischen ausladende Tische mit neuen Designs für Radbrillen, Prototypen von Bike-Schuhen und Helmen. Chefdesigner Egger ist seit Jahren verantwortlich für Optik und Styling aller Specia­lized-Produkte. Jedes Produkt, das mit einem Specialized-Logo auf den Markt kommen will, muss seinen kritischen Blicken und ästhetischen Ansprüchen standhalten.
  • Eine Feuerwehrrutsche führt ein Stockwerk tiefer. Hier arbeitet Jim Merz, einer der langgedientesten Mitarbeiter bei Specialized. Merz baut alle Prototypen. In seinem unterirdischen Reich kreischen Fräs- und Drehmaschinen, wird gehämmert, geschweißt und gefeilt. Die Maschinen sind mit dem hausinternen CAD-System gekoppelt. Was die Ingenieure eine Etage weiter oben in ihren Köpfen und Computern ausdenken und errechnen, nimmt hier Gestalt an. Merz war schon an Mike Sinyards Seite, als dieser erstmals vom Mountainbike-Virus befallen wurde. “Ende der siebziger Jahre kaufte ich ein Bike von Tom Ritchey und war sofort begeistert”, erzählt Sinyard. Der erste Stumpjumper entstand und “Jim schweißte damals die Rohre zusammen. Wir verbauten Sachs und Mafag, das waren die besten Teile, die wir kriegen konnten.” Zu dieser Zeit hatte Specialized bereits acht feste Mitarbeiter. “Die Händler erklärten uns für verrückt, die glaubten, das seien viel zu große BMX-Bikes.” Und so war Sinyard auf den Messen im Jahr 1981 als einziger Mountainbike-Hersteller vertreten. Trotzdem hatte er den Nerv der Zeit getroffen: 500 Stumpjumper wurden 1982 verkauft. Und auf der nächsten Messe hatte jeder große Fahrradhersteller ein Mountainbike im Programm. Heute wie damals ist es Sinyards Anspruch, Erster zu sein. Doch Ideen und Mut allein reichen nicht mehr, um im Konzert der Marken die erste Geige zu spielen. Das Rennen um Innovationen wird immer enger, der Anspruch des Kunden immer höher und die Anforderungen in der Praxis immer extremer. “Qualitätssicherung ist heute wichtiger denn je”, sagt Sinyard. “Deswegen sind Labortests gar nicht mehr wegzudenken. Gerade Freerider bringen das Material an seine Grenzen.” Um diese Grenzen auszuloten und die Belastungen simulieren zu können, betreibt Specia­lized einen erheblichen Aufwand.
  • Herr über die firmeneigenen Folterkammern ist Joe “The Cowboy” Cahoon. Joe achtet seit 14 Jahren auch darauf, dass man im Specia­lized-Testlabor jederzeit vom Boden essen könnte. Als ehemaliger Downhiller weiß er, welche Kräfte in der Praxis auftreten können – er und seine drei Mitarbeiter versuchen, diese auf den Prüfständen zu simulieren. Während die meisten anderen Hersteller aufwändige Labortests externen Prüfinstituten überlassen, leistet sich Specialized eigenes Equipment: fünf Hydraulik-Maschinen, einen Windkanal, einen Schlagfestigkeits-Prüfstand, einen Trommelprüfstand und auch die originalgetreuen Nachbauten der Steifigkeits-Prüfstände des BIKE-Magazins. Damit verfügt Specialized über das wohl teuerste Testlabor der Welt. Sie waren also gut investiert, die 1?500 Dollar aus dem Verkauf seines alten Bullis. Denn danach investierte Mike Sinyard nie wieder einen Cent aus eigener Tasche in seine Firma.
  • 1974: Um seinen Europa-Trip zu finanzieren, verkaufte Sinyard seinen VW-Bus.
  • 1979: Die erste Specialized-Belegschaft – nachdem Sinyard vom fliegenden Händler zum seriösen Geschäftsmann mit eigenem Firmensitz geworden war.
  • 1984:
  • 1985-1993: Das “FSR” war der Vorläufer aller modernen Viergelenker, links als früher Prototyp, rechts im Serien-Stadium. “Horst Link”-Erfinder Horst Leitner zeichnet für das Design verantwortlich. Später verkaufte Leitner das Patent an Specialized.
  • 1996: Mike Sinyard beim “Cactus Cup” in Arizona: Der Dreigelenker “Ground Control” lief nur kurze Zeit. Der Dämpfer war Bestandteil des Rahmens und hielt den hohen Seitenkräfte nicht stand. Die speziell für Specialized gebaute Rock Shox “Mag 21” hatte Carbon-ummantelte Tauchrohre.
  • 2006: 32 Jahre Specialized und kein bisschen müde. Mike Sinyard steckt voller Energie. (Text und Fotos: Markus Greber)