Michael Hiltner

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 14 Jahren

Seine Rennen waren berüchtigt und sein Bart ließ ZZ Top vor Neid erblassen. Michael Hiltner (65) - oder auch Victor Vincente of America - war einer der schillernsten Rennveranstalter der jungen Bike-Szene. Mit seinen extravaganten Strecken katapultierte er sich in die Herzen von Fisher, Kelly und Co.

Er fuhr den Trends hinterher, sein halbes Leben lang. Michael Hiltner (65) war uncool. Während seine Highschool-Freunde als Football-Götter Anerkennung und Mädchen sammelten, schrubbte er Tausende von Kilometern auf seinem Rennrad runter. Amerika verstand Hiltner nicht oder besser noch nicht. Auch zehn Jahre später, als er in einem Flower-Power-Kostüm, vollbärtig und mit Peace-Zeichen behängt, 14 000 km durch Amerika radelte, wollte niemand etwas von ihm wissen, außer einem unbedeutenden Lokalreporter. Aber nach seinem ganz eigenen „Race across America“ wusste Michael Hiltner, dass sich etwas ändern musste. Er fing mit seinem Namen an und wurde zu „Victor Vincente of America“, dem „James Brown“ des Mountainbikes.

Es gibt Menschen, die erst ihr halbes Leben verstreichen lassen müssen, um zu wissen, wer sie sind. Victor Vincente of America ist einer dieser Menschen. Als ehemaliger Straßen-Profi und Mitglied der olympischen Radmannschaft machte sich Victor schon einen gewissen Namen. Doch Mitte der Sechziger war den Menschen die Hippiebewegung und der Vietnamkrieg wichtiger als schmale Reifen. Aber Vincente hatte Großes vor, nur was, das wusste er noch nicht. Erst ein 20 Kilo schweres Monstrum mit Stollenreifen und ratternder Schaltung öffnete ihm die Augen. Er hatte gefunden, was er suchte: ein Lebensgefühl gemischt aus Achtundsechziger-Gedanken, Sport und viel Platz für Kreativität.

Er organisierte die ersten Ausfahrten und schnell wurde seine Truppe, die „Topanga Riders“, weit über die nordkalifornischen Grenzen hinaus bekannt. Kurz darauf traf er Fisher und Kelly, die in Vincente ihren geistigen Führer erkannten. „Er hauchte die Seele in unseren Sport,“ erinnert sich Charles Kelly an den exzentrischen Opa, denn Victor war im Schnitt 20 Jahre älter als seine Mitstreiter. Er sah das Potenzial im Bike und setzte alles daran, aus dem Jungend-Trend eine Lebenseinstellung zu machen.

Was Vincente nicht auf der Straße gelang, schaffte er auf dem Bike, oder besser für das Bike. Seine organisierten Rennen waren legendär. Das „Reseda to the Sea“ oder „Puerco Canyon Hillclimb and Downhill“ waren in kürzester Zeit die beliebtesten Veranstaltungen. Nicht weil sie sportlich eine Herausforderung waren, sondern weil sie das gewisse Etwas hatten. Victor Vincente war ein Vordenker, der selbst nicht vor Downhill-Rennen mit Massenstart zurückschreckte. Berühmt, berüchtigt: der Klassiker am Mount Wilson, der bei seiner Uraufführung fast mit einer Bike-Limbo-Einlage endete. Ganz im Festival-Charakter gab es abends Musik, viel Bier und andere Arten der Entspannung. Nebenbei schmorten dann noch die aufgesammelten Werke von Vicente über dem Lagerfeuer – Opossums und tote Vögel, die er während der Bike-Touren „erbeutet“ hatte.

Selber saß er auch noch lange auf dem Bike und wurde mit 42 Jahren noch Kalifornischer Hillclimb-Meister. – Mit langen Haaren, Vollbart, Mönchsrobe und 20-Zoll-Laufrädern hatten Fisher und Co. den alten Mann bei diesem Rennen ziehen lassen müssen. Sein Leben wurde zur Philosophie, die er in seinem Buch, „A Dirt Road Rider’s Trek Epic,“ niederschrieb. Nach über 30 Jahren Bike-Geschichte hat sich der Guru etwas zur Ruhe gesetzt. Nur ab und zu sieht man ihn bei Seniorentreffen der Mountainbike-Götter. „Ich genieße mein Rentenalter und besuche die meiste Zeit Freunde aus vergangenen Tagen,“ sagt Victor. Aber wer in seine Garage schaut, findet immer noch gammelnde Relikte alter Tage: Blümchenradhosen, selbst gebaute Schienenfahrräder oder in Heimarbeit gebrautes „Punk Bier,“ mit Quellwasser, Hopfen, Malz, Blut, Schweiß und Pferdemist.

Victor Vincente of America – er ist der Mann, der den Soul brachte. Es ist der „James Brown“ des Bike-Sports.

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.


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