Laguna Rads

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 13 Jahren

Geheime Stammesrituale, lebensgefährliche Aufnahmeprüfungen: Um keine andere Biker-Truppe rankt sich solch ein Mythos wie um die Rads.

Hans Rey, Trial-Ikone und König unter den Hüpfern, wackelte vor seinem letzten Sprung – dem Sprung in die Reihen der Rads. Denn vor der Aufnahme in den erlesenen Kreis der selbsternannten Bike-Götter musste „No Way“ noch einige Prüfungen bestehen. Erst ludt er das Dosenbier ab, dann prügelte er den Leaping Lizard Free Fall bergauf, bevor es den Direct Dial bergab ging. Doch so gut Rey auch fuhr, letztlich war er dem Wohlwollen der Rads ausgeliefert. Nur einer hätte ein Veto einlegen müssen, und „No Way“ wäre der Weg verschlossen geblieben. Glücklicherweise tat es keiner. Am Lagerfeuer mit Folienkartoffel und Dosenbier krönten ihn die Rads zum neuen Mitglied. So konnte sich Hans Rey neben seinen Weltmeistertiteln und den Werbestickern auch die Mitgliedschaft bei den Laguna Rads an die Brust heften.

Eigentlich ging es bei den Rads nur um Bier und Bikes oder besser: Es geht immer noch um Bier und Bikes. Das Einzige, was sich in den vergangenen 24 Jahren geändert hat, ist die Verpackung – statt Dosenbier ploppen heute Kronkorken am Lagerfeuer. Der Name „Rads“ leitet sich vom Wort „Radicals“ ab, und ist bei der Truppe auch Programm. Kein Downhill ist zu steil, kein Trail zu eng, sodass selbst John Tomac und Greg Herbold bei den Ausfahrten mit den Laguna Rads an ihre Grenzen geführt wurden. Im verschlafenen Laguna Beach, einem Küstenort 20 Meilen von Los Angeles, gründeten Mark Johnson, Dave Wonderley (Erfinder des GT „Zaskar“) und Jack Witmer (Cook Brothers) die Rads. Fast ein Vierteljahrhundert ist das nun her. Für die perfekte Promotion sorgten die Gründerväter auch gleich – seit den ersten Tagen ranken sich Mythen und Gerüchte um die Fahrradfreunde – die Rads mutierten zu einem Geheimbund mit Kultfaktor. Für Biker ist eine Mitgliedschaft so, als wäre man Drummer bei Metallica und gleichzeitig Stürmer der Fußball-Nationalelf. Ein Traum.

Doch es sind nicht Downhill-Passagen oder Aufnahmeprüfungen, die den Rads die Aura des Besonderen verleihen. Der Mythos nährt sich vor allem von der Exklusivität des Clubs: Er hat kaum Mitglieder und nimmt auch kaum neue Fahrer auf. Keine Hundert Biker zählen zu den Rads, vom Fotografen über den Briefträger oder Börsenmakler ist alles vertreten. Wer dazugehören möchte, ist vom Wohlwollen der anderen abhängig. Erstens muss man von einem Mitglied vorgeschlagen werden. Und zweitens: Stimmt eines der Mitglieder gegen den Anwärter, bleibt der Eintritt in den Bike-Olymp verwehrt. Das kann Jahre dauern, manchmal passt einem der Rads der Wagen des Anwärters nicht, oder sein Bike. Manchmal ist es aber auch vollkommen unbegründet. Doch einmal im Kreis der Erlauchten aufgenommen, darf man Brain Drain, Birthday Drop Number One oder Direct Dial seine Hometrails nennen. Das ist fast so, als wären Nordschleife, Monacco und Imola im eigenen Hinterhof.

Auch Kult – die Rads Challenge: Ein Straßenfahrer behauptete damals, er sei schneller auf der Strecke als die Rads mit ihren neumodischen Bikes. Der Rennradfahrer verlor und aus der Wette entstand das Rennen. Viele Profis bissen sich die Zähne aus, doch die Rads waren fast immer schneller. Aber auch an den Rads nagt der Zahn der Zeit. Und seit Brian Lopes als erstes Nicht-Mitglied schneller war als die Rads, hat das Rennen ein wenig an Glanz eingebüßt.

Dennoch, der Glanz vergangener Tage ruht immer noch auf dem Namen Rads, auch wenn der Altersdurchschnitt die Richtung gesetzter Familienvater ansteuert. Doch eines ändert sich nicht: Jeden Mittwoch Wednesday Ride um siebzehn dreißig – Eintritt sechs Bier. Erst schwitzen, danach Lagerfeuerromantik wie bei den Waltons.

Schlagwörter: Laguna Rads


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