Kestrell Nitro

  • Tomek
 • Publiziert vor 15 Jahren

Sie hatten genug von schmerzenden Hand gelenken und brennenden Knien - Keith Bontrager und Paul Turner bauten vor 18 Jahren das erste Fully. Ein Meilenstein – der nie einen Meter fuhr.

Es war ein echter Knick fürs Ego. Paul Turner bekam einen Korb nach dem anderen. Eigentlich hielt sich der Rock-Shox-Gründer für einen Frauenheld, aber auf der Bike-Messe 1988 in Long Beach hatte ihn das Glück verlassen. Am schlimmsten war es mit der damaligen amerikanischen Mountainbike-Meisterin Cindy Whitehead: Die konnte nicht an sich halten und lachte ihn aus. Später stand sie mit einem müden Lächeln vor ihm und machte sich über sein neues Bike lustig – das „Nitro“ von Kestrel, das erste Fully der Welt.

Die harten Zeiten des Bikens fanden 1987 ein jähes Ende. Keith Bontrager erhielt von der Bike-Schmiede Kestrel den Auftrag, das erste Fully der Welt bauen. Wer vorher etwas mehr Komfort auf seinem Bike haben wollte, hatte nur wenige Möglichkeiten: Fast luftleere Reifen, ein gemuffter, butterweicher Alurahmen oder zwei Radhosen als dämpfender Windelersatz. Für echte Weicheier waren das aber keine Alternativen. Für alle, die mehr Komfort und mehr Traktion wollten, zeichnete Keith in Santa Cruz die ersten Entwürfe eines Full Suspension Bikes. Seine Erfahrungen als Motorrad-Konstrukteur halfen ihm, doch er hatte keine Ahnung wie er eine Federgabel bauen sollte. Sein Freund Paul Turner konnte helfen. Der hatte schon seit langem eine Gabel-Idee im Kopf. Noch vor dem Fully-Projekt diskutierten sie nächtelang, ob es überhaupt möglich sei, eine Federgabel für das Mountainbike zu bauen. Die Positionen waren klar: Für Keith war das technisch nicht umsetzbar, für Paul schon. Der Auftrag von Kestrel bot die Möglichkeit, die Ideen umzusetzen.

Doch die Entwicklung der Gabel war eine echte Herausforderung. Der siffende Prototyp federte fast nie ein und wenn er es tat, dann nur weil die Standrohre so weich waren, dass sie sich nach vorne bogen. Die Steifigkeit der Gabel wurde zum größten Problem der Federungspioniere. Getreu dem Motto: „Wissenschaft braucht Opfer“ ging Turner schließlich so weit, Crashtests in Keiths Werkstatt durchzuführen. Was nichts anderes bedeutete als sich gleich einem Dummy aufs Bike zu setzen und gegen die Wand zu brettern: Immer in der Hoffnung, die neueste Version der Federgabel würde halten.

Keith machte sich die Sache etwas einfacher. Er hatte überhaupt nicht den Anspruch, ein funktionierendes Federelement zu entwerfen. Auf der Messe wollte er schlicht das Prinzip seines Fullys erklären und schraubte einfach ein Dummy in den Hinterbau. Bontrager kämpfte mit einem anderen Problem: Der bewegliche Hinterbau ließ keine herkömmlichen Cantis zu. Jede Wippbewegung hätte den Zug am Canti-Anschlag gespannt und spontane Flugstunden über den Lenker beschert. So entstand ganz nebenbei eine Art V-brake, die keinen Anschlag benötigte. Das „Nitro“ wurde zur wahren Innovationsschmiede, auch wenn es unfahrbar war.

Damit war der Startschuss für eine der größten Mountainbike-Revolutionen gegeben. Wenige Jahre später hatte fast jede Bike-Firma ein Fully im Programm, sei es Cannondale, ProFlex oder Gary Fisher. Das war die Mountainbike-Zukunft, obwohl sie anfangs noch etwas wippend den Bike-Olymp eroberte. Heutzutage lassen sich selbst eingefleischte Hardtailfahrer auf das Bike-Sofa ein, auch wenn streikende Dämpfer und ausgeschlagene Lagerbuchsen immer noch zum Alltag gehören. Aber egal, welches Fully den Trail glatt bügelt, in jedem von ihnen steckt ein Stück des unfahrbaren „Nitro“.


(Text: Björn Scheele) 

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.


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