Kalle Nicolai im Portrait

Kalle Nicolai – der Kopf hinter Nicolai-Bikes

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 17 Jahren

Gleich sein erstes Bike raste zum WM-Titel. Das nächste entfachte den Dirt-Boom. Sein neuestes Projekt soll die Bike-Zukunft in eine neue Richtung lenken. Hat Karlheinz Nicolai vor gar nichts Respekt?

Ein bisschen mehr Rambazamba hätte man schon erwartet. Bunte Haare vielleicht. Wilde Klamotten. Oder wenigstens tätowierte Arme. Kalles Arme sind nicht tätowiert. Sie stecken in blaukarierten Hemdsärmeln. Kalle hat das Hemd in den Bund seiner schwarzen Jeans gestopft. Am Bauch spannt es ein wenig. Das ist er also: Karlheinz Nicolai. Der Mann, der mit seinen Rahmen seit Jahren Bike-Geschichte schreibt. Kalle eben, der Kult-Schweißer.

Kalle (35) sitzt auf einem Bürostuhl an einem riesigen Schreibtisch. Kalle redet. Es geht um Revolutionen. Und weil das schwer zu erklären ist, malt er schließlich ein großes „N“ auf ein Blatt Papier. Denn genau das, findet Kalle, ist Revolution. „Man kann ein Bike ständig weiterentwickeln. Die Evolutionskurve geht dabei ständig bergan. Dann kommt der Punkt, an dem es einfach nicht mehr weitergeht. Man kann nur noch alles über den Haufen werfen. Revolution eben. Man beginnt mit einem völlig neuen Konzept wieder bei Null. Dann setzt die Evolution ein und es geht stetig bergan. Diesmal wegen des besseren Ansatzes aber weiter als vorher. Das ist das, wofür ich jeden Morgen um sieben Uhr aufstehe.“ Klingt einleuchtend. „N“ wie „Revolution“. Oder besser: wie „Nicolai“. Mit seinem „Nucleon“-Rahmen hat Kalle gerade mal wieder eine Revolution angefacht. Die Schaltung sitzt in einer Alu-Box zentral im Rahmen. So kann die Kette nicht mehr springen, der Schlamm nicht mehr die Schaltung verkrusten. Weil der erste Prototyp vor drei Jahren viel schwerer war als ein normaler Rahmen, war er für Kalle nicht mehr als der Beginn der Revolution. Der Nullpunkt. Inzwischen hat die Evolution eingesetzt. In zehn Jahren, da ist er sich sicher, wird der Rahmen leichter, wartungsärmer und bedienerfreundlicher sein als alle anderen Produkte am Markt. Spätestens dann wird es Zeit für eine neue Revolution.

Die revolutionäre Zelle befindet sich in einem alten Bauernhof in Lübrechtsen. Kalle hat den Bauernhof vor sechs Jahren gekauft. „Headquarter“, wird das Anwesen firmenintern genannt. Die Nachfrage nach seinen Rahmen hatte ihn innerhalb weniger Jahre fast überrollt. Er musste raus aus der engen Doppelgarage der Eltern, wo die unglaubliche Nicolai-Erfolgsgeschichte 1995 begonnen hatte – die amerikanische Downhill-Göre Leigh Donovan raste mit ihrem „Trombone“ zum Weltmeistertitel. Mit Kalles erster eigenen Bike-Konstruktion. Plötzlich wollten alle dieses Bike haben. Heute baut Kalle zusammen mit zehn Angestellten über 1500 Rahmen im Jahr.

In der Szene gilt Kalle als Kult-Schweißer. Dabei sitzt er kaum noch am Schweißgerät. „Ich habe ja nicht sechs Jahre Maschinenbau studiert, um dann bis zur Rente zu schweißen“, sagt Kalle, während er Praktikant Robin über die Schulter schaut. Der versucht gerade, ein neues Frästeil am Computer zu berechnen. Kalle murmelt ein paar Worte in einer unverständlichen Ingenieurs-Geheimsprache. Eine Zahlenverknüpfung soll aufgelöst werden, oder so ähnlich. Kalle ist weit mehr als ein Schweißer. Er ist Diplom-Ingenieur. Konstrukteur. Und vor allem: ein Visionär.

1991 absolvierte Kalle ein Praktikum beim kalifornischen Fahrwerksspezialisten AMP – einer Firma für Motorrad-Entwicklungen. Als AMP den Auftrag von Specialized für ein vollgefedertes Mountainbike bekam, zeichnete Praktikant Nicolai die Skizzen für das erste „FSR“. Damals kamen gerade die ersten Federgabeln auf den Markt. 1993 zeigte Nicolai auf der Messe in Köln eine vollhydraulische Scheibenbremse. Die Szene lachte ihn aus. 1995 baute er für Mongoose seine Vision von einem Downhill-Bike. Leigh Donovan wurde damit ein paar Monate später Weltmeisterin. 1998 präsentierte er mit dem „BMXTB“ einen neuartigen Zwitter aus BMX-Rad und Mountainbike. Heute sind Dirtbikes der große Renner. Und 2000 schockte er die Konkurrenz mit dem „Saturn“, einem Fully-Rahmen mit weniger als zwei Kilo Gewicht. Im vergangenen Jahr baute er die Radaufhängung für das Ein-Liter-Auto von VW. Und jetzt das Getriebe-Bike. Zeit zum Biken bleibt da kaum noch. Aber das ist o.k. für ihn: „Ich habe schon als Kind lieber die Eisenbahn aufgebaut, als sie fahren zu lassen“, sagt Kalle. Als Revolutionsführer muss man eben auch Prioritäten setzen.

Das Vertriebsnetz von Nicolai umspannt inzwischen die ganze Welt. Auf dem Hof warten sechs verpackte Rahmen auf den Versand nach Korea. Japan, Russland, Amerika und weitere Länder haben einen eigenen Nicolai-Importeur. Selbst in Singapur fahren seine Räder. Vom Praktikanten zur weltweit operierenden Bike-Firma – es scheint wie ein Märchen. Kalle kann es manchmal selbst kaum glauben. „Mein Motto ist: Gib jeden Tag dein Bestes. Der Rest ist Schicksal. Was mit uns künftig passiert, werden die Kunden entschieden.“

Themen: HerstellerMountainbikeNicolaiPortrait


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