Julie Furtado

  • Tomek
 • Publiziert vor 13 Jahren

Unter Tränen beendete die beste Mountainbikerin aller Zeiten vor zehn Jahren ihre Karriere. Eine Siegesserie wie Julie Furtado (40) ist bis heute keiner anderen Cross-Country-Fahrerin gelungen.

Ihr Knie hätte nach dem Sturz dringend eine Auszeit gebraucht. Alle Regenbogenfarben leuchteten auf dem dick angeschwollenen Knie von Julie Furtado. Doch die Konkurrenz beim Kampf um die Cross-Country-Krone 1993 saß ihr im Nacken. Den Sieg vor Augen sei sie wohl einen Moment unachtsam gewesen, sagte Furtado nach dem Rennen. Die Goldmedaille verschwand aus ihrem Blickfeld. Die aber holte sie sich am nächsten Tag beim Downhill-Rennen. Denn eine Auszeit für das lädierte Knie gab es nicht. Trotz Handicap gewann sie mit sechs Sekunden Vorsprung. Es gab einfach kaum jemanden, der Julie Furtado das Wasser reichen konnte.

Ihre Rennqualität zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie ihr Material, ihre Gegner und ihren Körper peinigte, als müsste sie ein höheres Ziel erreichen. Bei einem Mountainbike-Marathon spuckte sie vor Anstrengung Blut und stieg trotzdem erst vom Rad, als sie die Ziellinie überfahren hatte. Sie wollte sich selbst und allen anderen beweisen, dass es niemanden gab, der sie schlagen konnte. „Sie ist die zäheste Wettkämpferin, die ich je gesehen habe. Ihre Schmerzgrenze liegt jenseits von Gut und Böse“, meinte ihr langjähriger Ziehvater und Yeti-Teamchef John Parker.

Hätte man Julie Furtado vor 1989 orakelt, dass sie einmal die beste Mountainbikerin aller Zeiten werden würde, hätte sie wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Denn bis dahin saß sie nur sporadisch auf dem Bike und verbrachte die meiste Zeit auf Skiern. Ihren sportlichen Ehrgeiz bekamen die Konkurrentinnen schon damals zu spüren, doch nach ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary musste sie ihre Skikarriere wegen Knieproblemen beenden. Wenn Furtado etwas anpackte, dann musste Gold daraus werden. Etwas anderes hatte sie für sich nie akzeptiert. Der Reiz, sich auf derselben Strecke direkt mit der Konkurrenz messen zu können, brachte sie letztendlich in den Sattel. Sie selbst aber behauptete: „Ich bin eigentlich nur zu diesem Sport gekommen, weil die Jungs so süß ausschauen.“ Ihre größten Konkurrentinnen wie Alison Sydor, Paola Pezzo oder Susan De Mattei hatten großen Respekt vor ihr. Denn meistens gab es harte Kämpfe mit Julie Furtado an der Spitze.

In ihrem Schicksalsjahr 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlantazeichnete sich ab, dass Julie Furtado in einem Formtief steckte, dass sich schon 1994 und 1995 schleichend angekündigt hatte. Als sie nur Zehnte im Cross-Country-Rennen wurde, war sie bitterlich enttäuscht: „Für mich gibt es heute keine Entschuldigung. Ich war fit. Es war die Hitze, die hat mich fertig gemacht.“ Zu dieser Zeit wusste sie noch nicht, dass sie an einer Immunschwäche erkrankt war, die starke Gelenkschmerzen verursachte. Die Konkurrenz hatte sie jahrelang in Schach gehalten, doch gegen die tückische Krankheit konnte sie nichts ausrichten. Ihr Körper war nun ihr größter Gegner, der den Kampf gegen Julies eisernen Willen gewann. Ein Jahr nach Atlanta nahm sie nach einer durchwachsenen Trainingsphase noch erfolglos an einem internationalen Rennen teil. Am 5. November 1997 gab sie unter Tränen ihren Rücktritt bekannt.

Dieses Jahr kratzt das erste Mal eine Frau an ihrem Thron. Den Rekord von 28 Weltcup-Siegen wird Julie Furtado wohl bald an Gunn-Rita Dahle abgeben – zehn Jahre nach dem Ende ihrer Karriere.

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.


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