Interview mit Tom Ritchey

Bike-Maniac: Tom Ritchey

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 15 Jahren

Er war 15 und verliebt. Doch im Kino sah man Tom Ritchey mit seiner Traumfrau nie. Während seine Freunde um die Girls buhlten, schweißte er seine eigenen Träume: Ritchey war seinen Bikes verfallen.

Alles begann am Frühstückstisch der Ritcheys. Tom bat seinen Vater, ihm das Schweißen beizubringen. Papa Ritchey fiel ein Stein vom Herzen – keine Mädchen, nur kalter Stahl. Nach dem Kaffee gingen Vater und Sohn in die Garage. Einen Knall und einen Götterfunken später verschmolzen unter Toms Händen die ersten zwei Rohre. Tom war dem Rahmenbau verfallen: Von nun an war er vom Schweißgerät nicht mehr los zu bekommen. Knapp ein Jahr später gründete Tom seine eigene Fahrradschmiede. Alle seine Unikate testete Ritchey im Rennen, jedoch nicht bei irgendwelchen Dorf-Kriterien, sondern bei richtig großen Rennen wie zum Beispiel bei der Straßenweltmeisterschaft, 1974 in Warschau. Denn so gut Tom schweißte, er fuhr mindestens genauso gut Rennrad und startete für die amerikanische Junioren-Nationalmannschaft.

1977 trennte sich Tom vom schnellen Asphalt – er hatte sein erstes Breezer-Mountainbike gesehen und war fasziniert. Schnell erkannte er die großen Möglichkeiten des neuen Sports und machte sich daran, den klobigen Bikes aus den Kinderschuhen zu helfen. Tom hockte sich in seine Garage, nahm einen Zettel, skizzierte seinen ersten Rahmen und wenige Stunden später glühten die letzten Schweißnähte aus. Sein erster Bike-Rahmen war geboren. Kurz darauf traf er Gary Fisher und entwarf mit ihm neue Rahmen. Nach zwei Jahren Ritchey-Entwicklungshilfe gründeten Fisher und sein Partner Charles Kelly ihre eigene Bike-Firma: „Mountainbikes“. Fisher und Kelly, notorisch pleite, bezahlten Tom jeweils erst nach dem Verkauf eines Rades. Allein in seiner Garage schweißte er jetzt pro Jahr 500 Rahmen, alle mit einer kleinen Signatur „by Ritchey“. Ganz nebenbei baute er noch Lenker, Sattelstützen und Vorbauten, denn die gab es für die neue Fahrrad-Gattung noch nicht.

Das ging so bis 1982, dann kam der große Krach – „Mountainbikes“ begab sich auf Talfahrt und Ritchey, Kelly und der Exzentriker Fisher gingen ihre eigenen Wege. Tom war klar, dass er nur noch Qualität bauen wollte und schuf eine Innovation nach der anderen. Er entwarf ein neues Einbaumaß, verbesserte die Sattelstützen und entwickelte neue Gabeln. Es gab nichts, was er nicht anpackte. Seine Ideen machte sich kurz darauf der Komponenten- Hersteller Suntour zu Nutze, der ihn beauftragte, eine Bike-Gruppe zu entwerfen. Aber auch die Shimano-Ingenieure holten Ritcheys Hilfe, als sie die „Deore“-Gruppe entwarfen.

Seine Firma wuchs mit dem Bike-Boom, seine edlen Stahlrahmen und die hochwertigen Komponenten fanden immer mehr Anhänger. Als Aushängeschild pflügte das Ritchey-Team über die Worldcup-Strecken. Sein erfolgreichster Fahrer: Thomas Frischknecht. Nach über zwei Jahrzehnten Bike-Geschichte hatte sich Tom doch noch verliebt: Heute lebt Tom Ritchey in Kalifornien mit Frau und drei Kindern. Aus seiner „Ein-Mann-Armee“ ist ein Weltunternehmen geworden. Er hat sich vornehmlich auf Falträder spezialisiert und verbessert stetig seine Komponenten. Sein Freund Thomas Frischknecht hat immer noch die Siege gebucht, auch wenn er jetzt Scott-Bikes fährt. Ab und zu schwingt Tom sich aber noch selbst auf sein Bike und fährt die Transalp mit, nur um nach jeder Etappe im Zelt ins Koma zu fallen. Aber er weiß ja, dass zu Hause seine Garage wartet.

Für uns gebührt Tom Ritchey ein Platz in der Hall of Fame.

Schlagwörter: Hall of Fame Interview Ritchey Tom Ritchey


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