Das heilige Mountainbike Das heilige Mountainbike Das heilige Mountainbike

Greg Herbolds Weltmeister-Bike von 1990

Das heilige Mountainbike

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 6 Jahren

Greg Herbold wurde 1990 der erste Downhill-Weltmeister der Mountainbike-Geschichte. Unfassbar, mit was für einem Bike er zum Sieg raste. Wir haben das heilige Teil aufgestöbert!

Der Mountainbike-Sport befindet sich in einem fortwährenden Prozess von Zellteilung. Ununterbrochen entwickeln sich neue Kategorien, Sparten, Unterarten. Inzwischen mit einer derartigen Affengeschwindigkeit, dass selbst Szene-Kenner langsam den Überblick verlieren. Freeride, Cross Country, Dirt, Marathon, All Mountain, und, und, und. Noch krasser das Angebot an Technik. Fullys mit viel Federweg, Fullys mit wenig Federweg, Hardtails in diversen Materialien und Laufradgrößen, 3 x 9 Schaltungen, 1 x 11, 2 x 10, Enduros, E-Bikes, E-Fatbikes – um nur mal die mit E zu nennen.

Henri Lesewitz Auf dem Grundstück von Greg Herbold in Durango steht noch das berühmte Miyata-Team-Mobil aus den frühen Neunzigern.

Hausbesuch bei Greg Herbold

Umso spannender, mal auf die Anfänge des Mountainbike-Sports zurück zu blicken. BIKE-Reporter Henri Lesewitz hatte dazu eine einmalige Gelegenheit, als er zu Besuch bei Greg Herbold weilte. Der Amerikaner, besser bekannt unter seinem Szene-Kürzel HB (sprich: Ätsch Bieh), gewann 1990 in Durango die erste offizielle Downhill-Weltmeisterschaft und ging als erster UCI-Champion der Mountainbike-Historie in die Geschichtsbücher ein. Heute testet Herbold Gabeln, Bremsen und Schaltungen im Auftrag von Branchenriese Sram, zu dem auch Rock Shox gehört. Sein Grundstück ist eine wahre Fundgrube von Technik vergangener Jahre. Als Lesewitz zu Besuch war, konnte er sein Glück kaum fassen: In der Werkstatt stand das originale WM-Bike von 1990, das sonst als Reliquie im Shop „Mountainbike Specialists“ von Ed Zink in Durango hängt, der Keimzelle der legendären WM. Alles an dem Rad ist so, wie in dem Moment, als Herbold hinter der Ziellinie die Jubelfaust in den Himmel reckte.

Henri Lesewitz Während des Studiums bekam Herbold den Spitznamen "Hair Ball" verpasst. Der wurde erst zu "H-Ball", dann zu "HB". Selbst seine Mutter nennt ihn so. 

Kein Shuttle – „alle Biker waren wie Tiere“

„Damals war der Sport noch nicht in verschiedene Sparten unterteilt. Als Fahrer fuhr man alles. Downhill, Cross Country und auch mal heftige Langstreckenrennen, die ich ja ehrlich gesagt nicht so mochte. Ich wäre damals schon gerne nur runter gefahren. Doch das war undenkbar. Niemand hat geshuttelt. Alle Biker waren wie Tiere", erinnert sich Herbold an die Anfangsjahre, als Mountainbiken weder UCI-Disziplin, noch olympisch war. 1988 bekam er seinen ersten Profivertrag – 800 Dollar pro Monat plus Material. Weil er an seinen Sponsor, den japanischen Radhersteller Miyata, regelmäßig fundierte Testberichte faxte, war er bald auch in die Entwicklung der Bikes involviert. Für die WM in Durango wollten die Japaner für Herbold ein ausgeklügeltes Spezialbike auf die Räder stellen. Doch Herbold winkte ab. Er setzte auf die bewährte Technik des „Ridge Runner Team“ – ein Stahlbike mit gemufften Rohren, das aufgrund seiner filigranen Bauart etwas Komfort versprach.

Henri Lesewitz Der Experte: Heute entwickelt und testet Greg Herbold unter anderem Gabeln für Rock Shox.

„Mit den Bikes von damals war es sehr leicht die Kontrolle zu verlieren. Die Kurse waren wahnsinnig schnell. Ein Sturz wäre ein Desaster gewesen, nicht nur wegen der verpatzten Plazierung. Denn hey, wir fuhren ohne Protektoren!", plaudert Herbold. Um die Traktion zu maximieren, entschied sich Herbold für eine Tension Disc von Tioga. Ein Scheibenrad mit selbsttragenden, minimal schlagabsorbierenden Flanken aus Kevlar-Fäden, das ohne die klassischen Speichen auskommt. Aerodynamisch und komfortabel. Perfekt für den Kurs in Durango, der so lang war, dass Herbold sogar eine Rahmenluftpumpe beim Rennen dabei hatte. Die Shimano-Kurbeln ließ HB ausfräsen für einen Hauch von Flex. Die damals ultrafuturistische Federgabel von Rock Shox (Öl/Luft), die erst ein Jahr zuvor der völlig schockierten Öffentlichkeit präsentiert wurde, war von fünf auf brachiale sechs Zentimeter Federweg „aufgebohrt“. Ein großes Kettenblatt, wie es sonst nur die Rennradfahrer fuhren, sorgte für Speed. Die weißen Onza Porcupine-Reifen (2.1 Zoll) galten schon damals nicht als besonders haftstark, mussten aber wegen des Sponsorenvertrags ans Bike. Bar-Ends fuhr Herbold normal immer, nur für das WM-Rennen hatte er sie abmontiert. Normal waren sie teuer bezahlte Werbeflächen, da die Aufkleber der Sponsoren darauf bei Aufnahmen von vorne immer gut zu sehen waren. Langer, flacher Vorbau, leichter Lenker.

Henri Lesewitz Hinten hart, aber dennoch eine Art Fully: Greg Herbold hatte alles getan, damit sich sein Miyata Ridge Runner Team windelweich fuhr.

Weltmeisterschaft 1990: Lycra statt Protektoren

Die Karre war so windelweich, das sie Herbold allen Ernstes als „Fully“ bezeichnet. Es gefriert einem fast das Blut in den Adern, wenn man sich vorstellt, mit einem solchen Rad Vollgas eine Downhill-Rennstrecke hinunterzurasen. Ohne Protektoren. In einer leicht gepolsterten, kurzen Lycra-Hose. Ein Teufelsritt auf Messers Schneide, sozusagen. Herbold brauchte im Finale sechseinhalb Minuten und gewann mit 3,8 Sekunden Vorsprung. Epochenheld John Tomac hat sich bei der Materialwahl etwas verzockt – er fuhr mit Rennradlenker. Der Schweizer Philippe Perakis, der stets in spektakulären Grusel-Outfits startete, war an der Borke eines Baumes zerschellt. An jenem Freitag in Durango ahnte Herbold kaum, welch historische Dimension sein Sieg haben würde. Schon kurz darauf teilte sich der Profisport in die zwei Lager Downhill und Cross Country. Die Bikes wurden entsprechend speziell. Und so ging es dann immer weiter und weiter und weiter und weiter. Eine Kuriosität dieser Entwicklung staubt in einem Schuppen von Herbold vor sich hin. Ein Downhill-Worldcup-Bike mit angebautem Verbrennungs-Motor. Eines der ersten Hybridbikes der Mountainbike-Geschichte. Herbold hatte es sich gebastelt, weil er mit den immer massiver gefederten Bikes kaum noch auf den Berg kam. Dass heute Biker elektroforciert auf die Berge surren, konnte sich aber wohl selbst Herbold damals nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen.

Henri Lesewitz Doping fürs Bike: Herbolds selbst gebasteltes Hybrid-Bike mit benzinbetriebenem Rasenmäher-Motor.

Henri Lesewitz Greg Herbold wohnt wechselweise in Durango und in Moab. Zu den Trails gondelt er am liebsten mit seinem Geländewagen.

Gehört zur Artikelstrecke:

Ein Mountainbike-Held setzt sich zur Ruhe


  • Greg Herbolds Weltmeister-Bike von 1990
    Das heilige Mountainbike

    21.05.2015Greg Herbold wurde 1990 der erste Downhill-Weltmeister der Mountainbike-Geschichte. Unfassbar, mit was für einem Bike er zum Sieg raste. Wir haben das heilige Teil aufgestöbert!

  • Porträt Greg Herbold – Downhill-Weltmeister Nr. 1
    Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold

    03.06.2014Greg "HB" Herbold wollte nur Mountainbike-Weltmeister im Downhill werden. Er konnte nichts dafür, dass es die ersten Titelkämpfe der Bike-Geschichte waren. Jetzt ist er ein Held. ...

  • Über 25 Jahre Sram: Greg "HB" Herbold geht in Rente
    Ein Mountainbike-Held setzt sich zur Ruhe

    01.08.2016Seit über 25 Jahren ist er der erste Downhill-Weltmeister der Mountainbike-Geschichte. Nun geht Greg Herbold in den Ruhestand. Obwohl: Das geht bei einem Helden ja gar nicht.

Themen: 40-Jahre-MountainbikenGreg HerboldHBKultRetrobikeWeltmeister


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
Anzeige
  • Leadville Trail 100
    US-Kultrennen: Leadville Trail 100 MTB

    10.08.2012August 2012: Während in London der Kampf um Olympische Medaillen entschieden wird, starten in Leadville/Colorado 2000 Marathon-Fahrer zum wohl wichtigsten Mountainbike-Rennen der ...

  • MTB-Legende Ned Overend
    Portrait: Ned Overend

    04.01.2013Er ist der erfolgreichste Rennfahrer der Bike-Geschichte. Dabei hat er mit dem Siegesammeln noch gar nicht aufgehört. Ned Overend wird älter und älter und bleibt dabei eisern der ...

  • Reportage: Manufakturen
    Bikes und Teile "Made in Germany"

    04.03.2013Henri Lesewitz besuchte Manufakturen in ganz Deutschland und stellte fest, dass das Gütesiegel „Made in Germany“ ein echtes Revival erlebt. Eine Reportage voller Leidenschaft, ...

  • Kult-Bikes von Yeti, Salsa, Specialized & Co.
    Klassik-Szene: Mountainbikes mit Kultfaktor

    04.02.2014Schockfarbene Designs und Allradantrieb: Beim „Classic on the Rock“-Treffen fanden wir exklusive Zeugnisse aus den wilden Anfängen des Mountainbike-Sports.

  • Fat Chance ist zurück

    11.11.2014Marken wie Klein oder Fat Chance sind Kult. Vielleicht auch deswegen, weil sie längst ausgestorben sind. Doch jetzt ist Fat Chance wieder da.

  • Ritchey Timberwolf: Stahl-Hardtail für den Traileinsatz
    Stahl ist Trumpf: Ritchey Timberwolf

    29.08.201530 Jahre ist es her, dass das erste Timberwolf aus dem Schweißdraht von Rahmenbau-Legende Tom Ritchey das Licht der Welt erblickte. Für 2016 wurde der Stahl-Klassiker neu ...

  • Kultschmiede Wiesmann Bikes
    Wiesmann Bikes

    23.11.2016Wartezeiten von einem halben Jahr sind bei Florian Wiesmann die Regel. Oft dauert es auch länger. Aber das lohnt sich, denn die Stahl- und Titan-Bikes von Wiesmann sind wahre ...

  • Portrait einer Mountainbike-Legende Joe Breeze
    Breezer No. 1: das erste Mountainbike der Welt

    30.12.2008Joe Breeze baute vor gut 30 Jahren das erste moderne Mountainbike – die wenigsten wissen das. Bis heute macht er keinen großen Hehl daraus.

  • Rennstahl – Edel-Stahlbikes aus Bayern

    25.10.2013Liebhabern ist die Firma Falkenjagd aus Ismaning bei München als Anbieter innovativer Titan-Bikes ein Begriff. Unter dem Label Rennstahl bringt die Firma nun auch Bikes aus dem ...

  • Die lustigsten Anzeigen aus BIKE
    Werbung ist alles

    03.10.201640 Jahre Mountainbiken: Henri Lesewitz hat im BIKE-Archiv gewühlt und eine Auswahl der skurrilsten, buntesten und coolsten Anzeigen aus den Anfangsjahren des MTB-Sports ...

  • Interview Joe Breeze
    Interview: Mountainbike-Erfinder Joe Breeze

    05.03.2014Die Geschichte des Mountainbikes ist unweigerlich mit Joe Breeze verknüpft. Er war Teil der wilden Gang, die in den Siebzigern den MTB-Sport am Mount Tamalpais erfunden hat.

  • MTB Hall of Fame: Voting 2017
    Wer wird 2017 in die MTB Hall of Fame aufgenommen?

    28.06.2017Nur fünf erlesene Kandidaten nimmt die Mountainbike Hall of Fame jedes Jahr auf. Nach der Nominierungsphase steht nun steht die Wahl an. Unter den Vorschlägen: Steve Peat und Josh ...

  • Porträt Greg Herbold – Downhill-Weltmeister Nr. 1
    Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold

    03.06.2014Greg "HB" Herbold wollte nur Mountainbike-Weltmeister im Downhill werden. Er konnte nichts dafür, dass es die ersten Titelkämpfe der Bike-Geschichte waren. Jetzt ist er ein Held. ...

  • Leadville Trail 100
    US-Kultrennen: Leadville Trail 100 MTB

    10.08.2012August 2012: Während in London der Kampf um Olympische Medaillen entschieden wird, starten in Leadville/Colorado 2000 Marathon-Fahrer zum wohl wichtigsten Mountainbike-Rennen der ...