German Möhren – über die ersten US-Importe German Möhren – über die ersten US-Importe German Möhren – über die ersten US-Importe

German Möhren – über die ersten US-Importe

  • Tomek
 • Publiziert vor 15 Jahren

"Alle wollten kaufen, aber es gab ja nichts."

Als die ersten Mountainbikes nach Deutschland kamen, arbeitete ich als Verkäufer in einem Outdoor-Laden in Frankfurt. Ich fand die Idee klasse, mit dem Rad durch den Wald zu fahren. Doch meine Kollegen standen den neuartigen Traktor-Rädern skeptisch gegenüber. Die hatten noch gut in Erinnerung, wie BMX – angeheizt durch den ET-Film – über Nacht zum Boom wurde – und über Nacht auch wieder von der Bildfläche verschwand. Bei uns im Laden jedenfalls waren Mountainbikes eher Dekoration zwischen Zelten, Gaskochern und Schlafsäcken. Bis auf das sportliche Centurion gab es ja in Europa nur ganz wenige Räder. Und die waren bis auf das besagte Centurion auch noch ziemlicher Mist. Mein erstes Bike kaufte ich dann 1984 über den Laden. Ein relativ teures Gerät von einer kleinen französischen Schmiede mit gerader Gabel, TA-Kurbeln und aufwändig gedichteten Industrielagern. Und mit Schutzblechen. Weil man dachte, die braucht man. Bis man auf die Gusche fiel, weil sich mal wieder ein Ast drin verfangen hatte. Man wusste ja gar nicht, was man mit so einem Rad genau anstellen sollte. Das musste ja alles erst einmal ausprobiert werden.

Zu dieser Zeit reifte in mir die Idee, einen eigenen Laden zu eröffnen. Ein Laden nur für Mountainbikes. Ich besuchte die Kölner IFMA-Messe, um das Sortiment zusammenzustellen. Doch alle prophezeiten mir: Das wird nichts, lass die Finger davon. Ich ließ mich nicht beirren und eröffnete im Frühjahr meinen Laden in Heidelberg. Es kamen mehr Kunden, als ich mir erträumt hatte. Das Problem war nicht die Nachfrage, sondern das Angebot: In Europa gab es kaum brauchbare Räder und Zubehör. Also fing ich an, unter dem Label „Germans Mountain Bikes“ eigene Rahmen bauen zu lassen, mit denen ich meine Vorstellung vom perfekten Bike umsetzen konnte. Gleichzeitig wollte ich aber natürlich auch die angesagten amerikanischen Marken im Laden haben. Die Leute waren ja geradezu verrückt danach. Da es so etwas wie Importeure nicht gab, rief ich einfach selbst bei Cannondale und diesen ganzen Ami-Firmen an und bestellte dort auf direktem Wege für mein Geschäft. Damals ging Mike Sinyard bei Specialized noch selbst ans Telefon und nahm die Bestellung für zwanzig Reifen auf, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. So kamen Teile von Phil Wood, Cook’s, Salsa und Bullseye in den Laden und ich wurde ganz nebenbei zu einer Art Importeur. Die Leute reisten aus allen Teilen der Republik an, um bei mir Ami-Sachen zu kaufen. Gab es ja fast nirgends.

Richtig los ging es aber, als Yeti 1989 einen Vertriebspartner für Deutschland suchte. Ich hatte die Wahl: Entweder importiere ich selbst, oder ich muss die Rahmen teuer von einem anderen Händler einkaufen. Yeti war extrem angesagt und man kam um diese Marke praktisch nicht herum. Also griff ich zu. Ich besprach die Sache mit Yeti-Boss John Parker am Telefon, dann kam die erste Lieferung „F.R.O.“-Rahmen zu mir in den Laden. Das war kein großes Ding. Es gab noch nicht einmal einen Vertrag. Meine Anzeigen musste ich damals noch umständlich in amerikanischen Magazinen schalten, weil die meisten Biker in Deutschland aus Mangel an Alternativen US-Hefte konsumierten. Importmarken wurden dann ziemlich schnell zu einem mächtigen Stützpfeiler des hiesigen Bike-Handels. Alles, was neu und innovativ war, kam ja Anfang der Neunziger aus Amerika. Eine zeitlang war es sogar große Mode, dass die Leute selbst in die USA flogen, um sich mit Rädern und Teilen einzudecken. Das war inklusive Flug manchmal immer noch billiger, als sich die Sachen in Deutschland zu kaufen.

Mitte der Neunziger ebbte die Importwut dann etwas ab. Viele Firmengründer hatten sich in den Ruhestand zurückgezogen. Und ohne sie als Identifikationsfiguren verblassten viele der einstmals großen Firmennamen. Hinzu kam, dass der hiesige Markt immer stärker wurde. Marken wie Magura, Votec oder Tune waren gute Alternativen zu dem teuren US-Kram. Einen der ersten Yeti-Rahmen habe ich mir aufgehoben. Es ist ein „F.R.O.“ von 1988. Obwohl er ein Symbol amerikanischer Rahmenbaukunst ist, steht er für mich auch für den Anfang der europäischen Mountainbike-Kultur.


(Protokoll: H. Lesewitz, Fotos: O. Soulas, S. Heigl, H. Endler, F. Faltermaier,
C. Freeman) 

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