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Gary Turner GT Bicycles Gary Turner GT Bicycles

Gary Turner und GT Bicycles

GT-Gründer Gary Turner

Björn Kafka am 04.05.2007

Aus einem behütenden Übervater wurde einer der mächtigsten Männer der Bike-Geschichte. Das Gesicht von Gary Turner kennt kaum einer, seine Initialen dafür jeder - GT.

Er war einer dieser Väter, die ihre Söhne vom Streckenrand aus anbrüllen. Einer dieser Typen, die verpasste Jugendträume in ihren Kindern verwirklichen wollen. Doch die Träume waren gefährlich. Mit jedem Sprung seines Sohnes wurden die Furchen auf Gary Turners Stirn tiefer. Bei jedem Absprung betete er, der Rahmen des BMX-Bikes möge halten. Zu oft hatte er seinen Sprössling schon stürzen sehen. Mal knickte die Gabel ein, mal ging der Rahmen zu Bruch. An jenem Sonntag war es wieder soweit – erst die Gabel, dann krachte der Brustkorb auf den Lenker. Nun hatte Turner endgültig genug von Material, das wie Streichhölzer brach. Am selben Abend kühlte er die Prellung seines Sohnes, die sich wie ein blaues Band über dessen Rippen legte. Tage später lieh sich der gelernte Trompetenbauer Turner eine Rohrbiegemaschine. Sein Sohn sollte endlich einen stabilen Rahmen bekommen. Und er selbst wollte nicht noch tiefere Furchen auf der Stirn.

Gary Turner GT Bicycles

Vom Gründer der Bike-Marke GT existieren so gut wie keine Fotos. Dieses stammt aus einer alten Zeitung.

Dieser erste Rahmen wurde zur Geburtsstunde von GT Bicycles. Mit seinem Prototypen pflanzte Turner den Keim für ein neues Leben: Bike-Konstrukteur. Die Kunde vom neuen Rahmen sprach sich in der lokalen BMXer-Szene schnell herum. Wenige Wochen später fuhr jeder Halbstarke aus der Nachbarschaft in Fullerton in Kalifornien ein GT. Einige Monate später lernte Gary Turner Richard Long auf einem nahe gelegenen BMX-Kurs kennen. Long besaß ein Bikeshop in Orange County und die beiden Männer wurden Freunde. Gemeinsam teilten sie die Frustration über die erhältlichen Bike-Produkte und ihr monotones Leben. Aus den Sonntags Gesprächen am Streckenrand wurde eine Vision, bald darauf ein handfester Entschluss. Da die Nachfrage nach Turners handgemachten Rahmen nicht nachließ, entschieden die beiden, ihre eigene Firma ins Leben zu rufen. Es war das Jahr 1979, als Long seinen Fahrrad-Shop verkaufte und Turner, der sich mit der Reparatur von Trompeten über Wasser hielt, den Job kündigte.

GT wurde gegründet: Long war der Macher, Turner der Schweißer. Aus der miefigen Garage von Turner wurde bald eine kleine Firma und in den kommenden fünf Jahren später einer der größten BMX-Produzenten der Welt.

Mit dem Abebben des BMX-Marktes Ende der Achtziger wurde auf Mountainbikes gesetzt. Ein Entschluss, dem Bike-Jünger immer noch dankbar sind, denn mit dem „Zaskar“ setzte GT einen Meilenstein in der Geschichte der Bike-Entwicklung. Turner und Long schafften das Kunststück, aus der BMX-Firma ein noch erfolgreicheres Bike-Unternehmen zu machen. Die Gewinne stiegen so rasant, dass die beiden kaum noch einen Überblick über ihre Geschäfte hatten. 1993 verkauften sie die Mehrheit der Anteile an die Bain Capital Company, blieben aber geschäftsführend im Unternehmen. Bain Capital brachte GT 1995 an die Börse. Bike-Legende Hans Ray wurde zum Dauerpartner, der Wert der Firma kletterte weiter in die Höhe und mit dem Börsengang 1995 wurde Turner über Nacht zum Multimillionär.

Wie Fisher, Ritchey oder Breeze lebte Turner den Traum der Mountainbike-Pioniere. Doch das Märchen zerschellte auf dem heißen Asphalt von Kalifornien: Im Juli 1996 starb Richard Long bei einem Motorradunfall auf dem Weg zum NORBA-Rennen in Big Bear. Damit begann auch der Abstieg der florierenden Firma. Long hatte alles zusammengehalten, war bei Athleten und Zulieferern gleichsam beliebt. Er war das Herz von GT. Ohne Long war Turner nur halb so gut. Am 11. September 2001 wurde GT durch das Konkursgericht für 86 Millionen Dollar an Pacific Cycle verkauft. Dies bedeutete einen Verlust von fast 175 Millionen Dollar auf den ehemaligen Börsenwert und war ein Schlag für die gesamte Branche. Turner, der schon immer scheu hinter den Kulissen seiner Firma agierte, verschwand endgültig von der Bildfläche. Der einstige Glanz von GT verblasste mit jedem weiteren Konkurs. Doch wer genau hinschaut, wird ihn auch heute noch in jedem „Zaskar“ wiederfinden.


 

Björn Kafka am 04.05.2007

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