Chiru Eurobike-Blog Henri Lesewitz Chiru Eurobike-Blog Henri Lesewitz

Eurobike 2018: Henri Lesewitz' Blog Teil 2

Lesewitz-Blog II: Simples und Zuverlässiges

Henri Lesewitz am 10.07.2018

Auf der Suche nach den Perlen des Mountainbike-Kosmos steift BIKE-Reporter Henri Lesewitz einen weiteren Tag durch die Hallen der Eurobike. Hier seine besten Fundstücke im Blog – Teil 2.

Hallo Freunde, der Strudel der Besuchermasse hat mich jetzt einmal kreuz und quer durch das Labyrinth der Ausstellergänge gespült. Ich habe noch längst nicht alles gesehen. Dennoch wage ich schon mal ein kleines Zwischenfazit. Gröbste Erkenntnis: Die Branche ist voll im Elektrifizierungsfieber. Fast jede Firma setzt auf E-Power. Überall sieht man die Elektroschnellen rumsurren. Auf den Radwegen, im Freigelände der Messe, zwischen den Hallen. Wobei zu beobachten ist, dass es sich in der Überzahl eher um urbane Halbmotorräder handelt als um EMTBs fürs laktatfreie Singletrail-Biken. Die angestammten Hersteller scheinen dabei ordentlich Konkurrenz aus China zu bekommen. Und auch Konzerne aus anderen Branchen mischen kräftig mit. Nach Bosch und Brose ist nun auch Kühlschrank-Hersteller AEG auf der Eurobike-Messe vertreten. Mit einem eigenen Motor. Ach ja, Biker wie ich heißen jetzt "Non E-Biker". Das Normale wird einfach zum Exotischen verkehrt. Herrlich! Irgendwie surreal das alles! Doch keine Panik, meine lieben, an Müsli-Antrieben interessierten Leser. Das klassische Mountainbike hat alles andere als ausgedient. Die Eurobike gibt ein leicht verzerrtes Bild wieder, denn die unzähligen kleinen Schmieden zelebrieren ihre Liebe zum MTB längst bei anderen Messen, etwa bei der sagenumwobenen North American Handmade Bicycle Show. Doch auch die nach Stückzahl produzierenden Hersteller entwickeln weiter fieberhaft. Wobei ich allerdings bedauere, wie überzüchtet so manches Bike inzwischen wirkt. Bei einigen Neuheiten drängt sich die Frage auf, ob sich nicht vielleicht die Unterhaltung eines Mechatroniker-Teams rentieren würde. Stichwort: Elektronische Fahrwerke. Oder auch Bluetooth-gesteuerte Teile. Oder, oder, oder. Ein Trend zur Verkomplizierung des eigentlich Simplen ist deutlich zu erkennen. Vielleicht wurzelt meine Skepsis vor Mikroelektronischem ja aber auch nur darin, dass meine Versuche, diesen Dingen Herr zu werden, stets mit einer Kapitulation meinerseits enden. Router einrichten? Smart-TV mit WLAN verbinden? Alles versucht, immer gescheitert. Auch verspüre ich wenig Verlangen, mich von zickigen Dämpfern drangsalieren zu lassen. Nein, ich mag unterkomplexe Mountainbikes. Bikes, die einem beim Kilometervernichten treu zur Seite stehen. Und auch da findet man nach wie vor Interessantes. Trotz Motorisierungs- und Hochtechnisierungs-Booms. 

Eurobike 2018 Messe Atmosphäre

BIKE Eurobike Henri Lesewitz

BIKE-Reporter Henri Lesewitz berichtet in seinem Online-Blog von der Eurobike 2018.

Gedrängel, Gewusel, überall Menschen, die taumelnd zwischen Verzückung und Reizüberflutung von Stand zu Stand torkeln. Mein neuronales System ist gut gefordert, um in diesem ganzen Trubel den Überblick zu behalten. Doch hey, was erspähen meine gestressten Augen da? Voodoo Cycles sind ja auch auf der Eurobike. Wenn ein Yoga-Studio das exakte Gegenteil eines Techno-Raves ist, dann ist Voodoo Cycles das exakte Gegenstück zu den aufgebohrten EMTBs, die überall die Stände verstopfen. Langjährige Freunde des Marathonsports werden sich vielleicht an das Jahr 1993 erinnern, als ein amerikanisches MTB-Magazin ein von Joe Murray entwickeltes Stahl-Hardtail zum "Bike of the Year" gekürt wurde. Das neueste Voodoo-Modell "Dambala" betört durch seine angenehm simple Bauart. Reynolds 853-Rohre, Schlitten-Ausfallenden, aufgenietetes Steuerrohr-Logo: alles genau so, wie es Stahl-Fans lieben. Made in Fernost leider. Der Preis ist dafür fair: Den Rahmen gibt es für rund 1000 Euro.

Vodoo Cycles Eurobike 2018

Vodoo Cycles Eurobike 2018

Es soll ja Leute geben, die ihre Kaufentscheidung von Zahlen abhängig machen. Gewicht, Steifigkeit, Preis und so weiter. Ein Bike kann man ja tatsächlich auf Zahlen runterbrechen. Oberrohrlänge, Lenkwinkel, Federweg, Reach-Wert, Stack und was es da nicht alles gibt. Ich gebe zu, dass ich den Geometrie-Daten einen großen Stellenwert einräume. Aber mehr als beispielsweise ein STW-Wert interessiert mich noch die Farbe. So gesehen würde sich das Trail-Hardtail "Riff" von Soma direkt an die Spitze meiner Wunsch-Bikes katapultieren. Die Farbe "Pelham Blue" ist eine Hommage an die mythenumrankten Gibson-Gitarren, die oft in diesem leuchtenden Blau lackiert sind. Kenner gepflegter Rockrhythmen wissen Bescheid: Jimmy Page klampft auch gerne auf Gibson. Wobei das Soli seines "Stairway to Heaven" natürlich auf einer 58er Fender Telecaster eingeschrabbelt wurde. Pelham Blue, wie geil! Schon erstaunlich, wie leicht ich in Kauflaune zu bringen bin. Ach ja, die Zahlen: Geo für 27,5er-Laufräder, Rahmenpreis zirka 650 Euro. Reach, Stack, Gewicht, STW-Wert, Lenkwinkel? Habe ich leider vergessen zu fragen.

Soma Riff Eurobike 2018

Apropos "Magie der Farben": Das hat jetzt offenbar auch Cross-Country-Berserker Nino Schurter erkannt. Beim Worldcup in Val di Sole kachelte er am vergangenen Sonntag in gewohnt entfesselter Manier über den Kurs. Doch hey, wieso sah er denn dabei aus wie ein Look-Alike seines Trainers Nicolas Siegenthaler? Ja, genau, jener Teufelstyp, der Anfang der Neunziger den allerersten Grand Raid Cristalp-Marathon gewann. Die Auflösung: Sein Sponsor hatte ihm in Feierlaune das Spark RC in den Farben des allersten Mountainbike-Modells der Firmengeschichte lackiert, denn Scott wurde dieses Jahr 60 Jahre alt. Langstrecken-Hero Siegenthaler war damals mit dem stählernen Original unterwegs, Nino Schurters Bike hält nun die Erinnerung an die glorreiche Zeit lebendig – samt Helm in passender Optik. Am Stand von Scott sind beide Bikes zu bewundern. Ob das grün-orange Spark in die Shops kommt? Das ließ sich dem Scott-Personal nicht entlocken. Der Winker auf dem Bild ist übrigens mein lustiger Kollege „Borchi" vom TOUR-Magazin. 

Scott Schurter 60 Jahre Eurobike 2018

Achtung, psst! Diese Info hier ist noch geheim. Fox hat eine elektronische Fahrwerkssteuerung zur Marktreife gebracht und will diese mit viel Bummsschepperpeng im August der Öffentlichkeit präsentieren. Die Presse ist bereits eingeweiht, darf aber noch nichts verkünden, da es auf die Informationen ein sogenanntes Embargo gibt. Scott hat dennoch ein Bike mit dem System am Stand. Also, um nicht im Zuge eines Schadensersatz-Prozesses um Haus und Hof gebracht zu werden, belasse ich es mal lieber bei diesem Foto. Wobei ich ja weder Haus und Hof besitze, wie mir gerade einfällt. Egal.

Fox Live Valve Eurobike 2018

Ich hatte bereits mein knisterndes Desinteresse an motorunterstütztem Biken ausgedrückt. Mit ausgeknipsten Schweißdrüsen durch die Gegend summen, oder mit Ruhepuls in Luftlinie über Gebirge knallen (mit ständigen Steckdosen-Stopps) – diese Vorstellung vermag mir nicht den kleinsten Funken Begeisterung abringen. Ein Bike muss auch bei Stromausfall funktionieren. Meine Erwartung, auf der Eurobike noch Räder der Kategorie "funktionell und simpel" zu finden, war angesichts des blähenden E-Booms nicht allzu groß. Doch ich bin überrascht, wie viele kleine klassische MTB-Hersteller sich im Hallen-Wust doch finden. Chiru zum Beispiel. Eine Titan-Marke, die sich auf das Segment Langstreckenfahren/Bikepacking spezialisiert hat. Das Modell "Divide" sieht mit den mittig am Sitzrohr angesetzten Sitzstreben und der Front im "Concorde-Style" wunderschön aggressiv aus. Die schluckfreudige Fox und die Plus-Reifen machen das Bike für raue Abenteuer fern der Bebauungszonen interessant. Aber auch für sportliche Singletrail-Ausritte. Der Preis für das Komplettbike liegt bei 4000 Euro.

Chiru Eurobike-Blog Henri Lesewitz

Chiru Eurobike-Blog Henri Lesewitz

Fast noch schöner als ein genietetes Steuerrohr-Wappen: Graviertes Titan. Die Gazelle ist das Markenlogo von Chiru.

Chiru Eurobike-Blog Henri Lesewitz

Chiru hat auch Lenker, Stützen und Felgen aus Carbon im Sortiment. Die Teile sehen mit ihrer Netzoptik extravagant aus und machen einen hochwertigen Eindruck. 

So Freunde, es wird Zeit! Der Stand der von mir überaus geschätzten Marke Chris King wartet und wie ich munkeln hören habe, gibt es neue Eloxal-Farben zu bewundern. Und da schimmern sie auch schon matt im Halogenlicht, um mich mit ihrer herrlichen Pracht zu bezirzen: Naben, Innenlager und Steuersätze in Matt-Hellblau (Turquoise) und Matt-Orange (Mango). Oh nein, oh nein, das wird mich noch ruinieren. Ich hatte es ja schon in einem meiner früheren Eurobike-Blogs mitgeteilt: Ich habe die spezielle Eigenart, mir keinen King-Steuersatz für ein Bike zu kaufen, sondern einen King zu erwerben, um dann zu überlegen, was für ein Bike ich dran baue. Um den jetzt vielleicht aufkommenden Verdacht, ich sei womöglich ein vom Hersteller geschmierter, aufs Teileabstauben erpichter Influencer sofort im Keim zu ersticken, möchte ich kurz den Grund für meine Begeisterung erklären. Seit Anbeginn meiner MTB-Leidenschaft steht Chris King für nachhaltige Produkte mit maximaler Zuverlässigkeit. Mehr noch: Die Firmenkultur ist geradezu vorbildhaft. Biologisch abbaubare Schmierstoffe, Solar-Strom, Späne-Recycling und Bonusprogramme für radelnde Mitarbeiter sind die Stichworte. Die glänzenden Eloxal-Töne sollen künftig der matten Optik weichen. Ist das eine gute, oder eine nicht so gute News? So oder so: Für meinen Kontostand bedeutet diese Nachricht nichts Gutes.

Chris King Eurobike 2018

Chris King Eurobike 2018

Nicht brandneu, aber ähnlich cool wie der analoge GPS-Tacho von Omata aus Teil1 dieses Eurobike-Blogs: Der Moskito-Tacho im limitierten Chris King-Design, den man wahlweise am Handgelenk tragen, oder auf die Ahead-Kappe klicken kann. Die Chefs der beiden Firmen sind Kumpels. So entstand das Projekt. Speed, Distanz, Zeit – alles wird per Zeiger angezeigt.

Manueller Computer Eurobike 2018

Eines der nervigsten Probleme, mit denen man sich als Mountainbiker rumschlagen muss, sind eiernde Bremsscheiben. Ich komme mir schon vor wie Uri Geller. Ihr wisst schon: der Typ, bei dem sich jeder Löffel verbiegt, sobald er ihn anfasst. Auf mich reagieren Löffel zwar nicht, dafür aber Bremsscheiben. Sobald ich eine neue Disc montiert habe, eiert das Ding nach kürzester Zeit rum. "Zing, zing, zing!" Das macht mich echt kirre. Die Taiwansen haben angeblich die Lösung parat. Ob es wirklich funktioniert, kann ich nicht sagen, das müsste man probieren. Die zweigeteilte Disc von Zeno ist mit einer Art Blattfedern verbunden, was den oberen Teil seitlich flexibel machen soll. Ein ähnliches Prinzip wie die schwimmend gelagerte Scheibe, die ja dafür ersonnen wurde, um ungleich ausfahrende Bremskolben und Wärmeausdehnung auszugleichen. Die federnd gelagerte Zeno-Disc kann das noch einen Tick besser. Sagt der freundliche Taiwanese von Zeno jedenfalls. Da fällt mir eine neue Nebenerwerbsquelle ein, die mir helfen könnte, meine im Zuge des Eurobike-Rundgangs auflodernde Shopping-Lust zu finanzieren. Ich gehe mit Uri Geller auf Tournee und verbiege mit meiner magischen Aura Bremsscheiben. Gute Idee. Muss ich mir gleich notieren.

Flexible Disc Eurobike 2018

Klaus Haas von der neuen Marke Rabbit Cycles zählt zu den alten Hasen im Bike-Business. Hossa, was für ein hasenstarker Einstiegssatz! Okay, weiter: Als jahrzehntelanger Importeur von Moots kennt sich Haas (Foto) aus mit anspruchsvoller Titanrahmen-Kundschaft. Zusammen mit einem Partner in China hat er im vergangenen Jahr eine Produktion mit ausgetüftelter Logistik aufgebaut. Extrawünsche sind möglich, die Lieferzeiten dennoch kurz. Richtig schick finde ich den 29 MTB Cruiser. Das aufwändig gefertigte Teil erinnert an die Anfänge der MTB-Zeit als Gary Fisher, Charles Kelly, Joe Breeze und Co. mit Beachcruisern todesmutig vom Mount Tamalpais zu Tal schmirgelten. Der Rabbit Cruiser war unlängst im BIKE-Test und bekam gute Noten, zeigen möchte ich ihn an dieser Stelle trotzdem noch einmal. Die Geometrie ist Race-mäßig modern, der Rahmen extrem steif. Das Gewicht liegt mit knapp über zwei Kilo auf dem Niveau eines guten Stahlrahmens. Schaltung oder Singlespeed: Dank der Schlitten-Ausfallenden ist beides möglich. Der Preis allerdings ist sportlich: 3290 Euro. Zubehör aus Titan gibt es auch massenhaft: Lenker (sogar mit Rise), Stützen, Spacer und demnächst auch einen Steuersatz.

Rabbit Cycles Eurobike 2018 Klaus Haas

Rabbit Cycles Eurobike 2018

Eine schöne Sitzgelegenheit gibt es von Rabbit Cycles ebenfalls. Der Carbon-Sattel hat eine hübsche Bicolor-Optik und einen Hauch von Polsterung. Der Preis: 239 Euro. Der Name: Mister Lampe.

Steht der MTB-Szene etwa ein Revival eines längst auf dem Kompost der Geschichte verrotteten 90er-Jahre-Top-Trends ins Haus? Das Schaltungs-Tuning? Ach, waren das Zeiten, als sich Biker ohne Sinn und Verstand abenteuerlich befräste Schaltungsröllchen ans Rad schraubten. Nur, um sich als Mainstream-verachtende Top-Styler zu präsentieren. Macht das heute noch einer? Ich glaube: nö. Die Röllchen, die es am Stand von Enduro Bearings zu bestaunen gibt, kann man dennoch empfehlen. Die Lager laufen seidenweich und sind nach allen Regeln der Kugellagermacherkunst gedichtet. Auch der Verschleiß soll sich durch die Kombination von Kunststoff und Alu extrem in Grenzen halten. Einen Hunni muss man für das Set allerdings auf die Ladentheke blättern.

Schaltungsrollen Eurobike 2018

Keine Ahnung, ob die Tschechen von ACEPAC die Stand-Deko auch dazu nutzen, um die Hotelkosten während des Messe-Aufenthalts zu sparen. Wer auf der Suche nach erstklassigem Bikepacking-Zubehör ist, wird hier auf jeden Fall fündig. Ökologisch korrektes Reise-Biken ist ja derzeit schwer im Trend, was ich ausdrücklich begrüße.

Bikepacking Eurobike 2018

Bikepacking Eurobike 2018

Bikepacking Eurobike 2018

Interessante Geometrie: Superlanges Oberrohr, extrakurzer Vorbau. Das Trail-Hardtail von Flowcycles schreit nach Speed, eignet sich aber offenbar auch für Bikepacking.

Ach wie nett. Jetzt habe ich mich gerade mit wund gelaufenen Füßen auf einen Stuhl sinken lassen, um mit einem Kaltgetränk den Feierabend einzuläuten. Da rauscht mir eine Mail von Tony Keller ins Postfach, dessen Projekt "Grave Digger" ich im ersten Teil dieses Blogs vorgestellt habe. Im Anhang: Bilder seines neuesten Projekts "Roter Baron." Irre, wie die Tuning-Leidenschaft aus jedem Pixel der Fotos trieft. Ein Salsa El Mariachi, einmal von der Schaltwerks-Schraube bis zum Speichennippel komplett durchgestylt. Was für eine Höllenarbeit! Da wird mir gleich ganz warm ums Herz. Mit diesem Bild verabschiede ich mich von der Eurobike-Messe. Mein Fazit: Biken lebt und es sieht nicht so aus, als ob sich daran so schnell etwas ändern wird. Mit der Kraft der Banane über ein Gebirge fahren – das kann man nur mit einem Mountainbike. In diesem Sinne: Entspannt Vollgas! 

Roter Baron Eurobike 2018

Roter Baron Eurobike 2018

Henri Lesewitz am 10.07.2018