Die Wahrheit über den Mountainbike Profi-Sport: Andy Eyring

Andy Eyring über seine Zeit als Profi Mountainbiker

  • Björn Kafka
 • Publiziert vor 5 Jahren

Die einen leben vom Sport. Die anderen jagen ewig ihrem Traum von der Profi-Karriere hinterher. Vier Geschichten über die Freuden und Härten des Profi Sports. Andy Eyring macht den Anfang...

Die Windel ist voll, da hilft auch nicht der Suppengeruch aus der Küche. Der Kleine Tom (fünf Monate) muss gewickelt werden. Andy Eyring schnappt sich den Zwerg und legt ihn auf die Babykommode. Eigentlich wollte der 25-Jährige gerade zum Training aufbrechen, aber der Sohnemann macht ihm mal wieder einen Strich durch die Rechnung. In zwei Stunden muss der WM-Fünfte wieder zur Arbeit. Deshalb zählt jede Trainingsminute.

4000 Kilometer entfernt: Die Sonne brennt Markus Kaufmann auf die sehnigen Oberschenkel. Seit fünf Stunden knallt das Marathon-Ass durch die Berge von Gran Canaria. "280 Watt im Schnitt", grinst Kaufmann, als er sich bei einem kleinen Zwischenstopp in den Plastikstuhl plumpsen lässt. Er ordert ein Stück Kuchen und nippt am Kaffee. Noch 20 Kilometer Abfahrt bis zur Ferienwohnung am Meer. Kaufmann lehnt sich zurück und schließt die Augen.
Windeln wechseln, Trainingslager, in der Verwaltung arbeiten oder studieren – das Leben von Bike-Profis könnte kaum unterschiedlicher sein. Während die einen nur ein paar Bikes und Klamotten gestellt bekommen, erhalten andere satte Gehälter. Wir besuchten die vier Bike-Profis Andy Eyring, Markus Kaufmann, Nadine Rieder und Ines Thoma und wollten wissen: Kann man vom Bike-Sport leben? Kann man als Marathon-, Eliminator- oder Enduro-Fahrer über die Runden kommen? Oder muss man zweigleisig fahren?

Zwei Jobs, dazu Kind und Frau: Andy Eyring versucht den Spagat zwischen Profi-Sport und Familienvater.

Drei Feuchttücher und eine Windel später: Andy Eyring wäscht sich kurz die Hände, um sogleich in den Keller zu stürmen. Seit Anfang 2014 arbeitet der Sprint-Experte als Projekt-Manager für eine Kommunikationsagentur in Koblenz. Dass er diesen Weg einschlägt, hätte er vor fünf Jahren nicht erwartet. Er war gerade dabei, in der Elite-Klasse im Cross Country Fuß zu fassen. "Ich hatte fest vor, Voll-Profi zu werden und damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach einem 15. Platz bei der Cross-Coun­try-WM dachte ich, dass es passen müsste." Doch es kam anders. Die Leistung stagnierte, die Resultate blieben aus. "Ich gab alles, aber ich kam nicht an die Weltspitze.


Irgendwann musste ich einsehen, dass es nur wenige Schurters, Kurschats oder Fumics gibt. Die Jungs können gut von dem Sport leben. Aber die anderen 100 Biker, die mit ihnen am Start stehen, verdienen zum Teil nicht mal Geld.

Die Gehälter im Bike-Sport sind mickrig, und irgendwann willst du nicht nur von der Hand in den Mund leben", erzählt Eyring , der zum Glück in der Sportfördergruppe der Bundeswehr fuhr.

Der Sprint-Experte Andy Eyring 

Wie hart die Geldquellen des Profi-Zirkus’ umkämpft sind, zeigte sich Ende 2014: Selbst der WM-Vierte Moritz Milatz (32) erhielt keinen neuen Vertrag von seinem BMC-Team. Der Freiburger nahm daraufhin sein Studium für Mikrosystemtechnik wieder auf und unterzeichnete beim neu gegründeten Team von Wolfram Kurschat. "Das ist schon richtig bitter: Da fährt Milatz die beste Saison seines Lebens und muss praktisch am Höhepunkt aufhören. Machen wir uns nichts vor: Bei Kurschat gibt es viel weniger Geld, und er kann auch nicht das Rennprogramm durchziehen, das er früher hatte", erzählt Eyring, während er sein Bike aus dem Keller holt. "Als ich merkte, dass ich vorne niemals ankommen würde, begann ich, Sport-Management zu studieren, um nicht mit leeren Händen dazustehen. Ich hatte Panik, mit dreißig Jahren nichts gemacht zu haben, außer Profi-Biken. Welche Firma sucht schon die Qualifikation ehemaliger Berufsradfahrer?"

Eyring zischt los: Intervalle stehen auf dem Programm, und die muss er schnell abspulen, da er in 90 Minuten bei Ergon auf der Matte stehen muss – seinem zweiten Job. Damit es finanziell beim 25-Jährigen passt, hat er sich 2015 für einen weiteren Arbeitsplatz entschieden. "Es geht dabei weniger ums Geld, als vielmehr ums Weiterkommen. Mein Wissen aus der Kommunikationsagentur möchte ich auch im Bike-Bereich nutzen. Ergon bietet da eine gute Plattform."

Dass sich das Arbeiten immer noch mit sportlicher Leistung vereinbaren lässt, bewies der Koblenzer 2014, als er einige Rennen gewann. Aber Eyring bleibt realistisch, denn mit zwei Jobs und einem kleinen Kind wird es zäh werden. "Es geht nicht ums Geldscheffeln, auch wenn mir mein Team noch ein gutes Gehalt zahlt – ein kleinerer vierstelliger Monatsbetrag. Es geht um das Lebensgefühl. Als ich Profi werden wollte, blieb der Spaß am Biken teilweise ganz schön auf der Strecke."

Eyrings erstes Intervall steht an. Der Koblenzer tippt auf den Tacho und sprintet davon. Zehn Mal noch. Dann muss er zurück an den Rechner, um zu arbeiten.

Andy Eyring - Entscheidung zwischen Profi-Sport oder Projekt-Manager


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Gehört zur Artikelstrecke:

Andy Eyring über seine Zeit als Profi Mountainbiker


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Themen: Andy EyringProfi-Sport


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