Christian Voss

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 16 Jahren

Rock ’n Roll im Blut und den Glauben an Jesus im Herzen – Christian Voss ist der schrägste Pfarrer auf Gottes Erden. Seine Predigt: Biken, auf Teufel komm raus.

Manchmal hilft nur noch Beten. Oder Fluchen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt Chris Berndt mit 14 in die matschige Abfahrt. Laufen wäre schon heftig. Aber mit dem Bike: „Ach du Scheiße!“ Doch der Angsthase kann auf Gottes Hilfe vertrauen. Er gehört an diesem Wochenende zu den Schützlingen von „Vossi“ (30), demBike-Pfarrer. Der steht unten, streicht sich durch die wilde Irokesen-Mähne und predigt: „Hey, nicht wie ein nasser Sack. Lass laufen, du kannst das!“

Nervös schiebt Jonas den Helm zurecht. Die Finger zittern ein wenig. Dann tritt er in die Pedale und dem inneren Schweinehund kräftig in den Hintern. Unten platzt er fast vor Stolz. „Viele Teenies glauben, sie können nichts. Das ist Quatsch. Ich will ihnen helfen, die Grenzen zu verschieben. Das hilft denen ja irgendwie auch im Leben weiter“, sagt Vossi.

Der Typ heißt eigentlich Christian Voss – dreißig Jahre alt, verheiratet, Papa einer süßen Tochter. „Jesus rules“ prangt in riesigen Lettern auf dem Shirt. Weil seine blonden Irokesen-Haare fast bis zur Hüfte wedeln, hat er den Spruch am Rücken ganz unten plaziert. So kann man ihn besser sehen. Vossi ist Christ. Bikefreak. Und seit drei Jahren Bike-Pfarrer mit offiziellem Segen der Kirche. Der Job ist Jugendarbeit an der Basis: Konzerte organisieren, Dirt-Strecken bauen, Workshops geben. „Ich will die Leute nicht vollpredigen, sondern Spaß in ihr Leben bringen“, sagt Vossi. Sein erstes Bike hat er mit Vierzehn gekauft. „So ’ne Mühle für 1000 Mark. Aber ich war sofort süchtig“. Später fuhr er Trial. Dann Downhill-Rennen. Einmal wagte er sich sogar an den Start eines Cross-Country- Worldcups. „Ich stand neben John Tomac in der ersten Reihe. War ein Versuch, ging aber voll in die Hose. Danach bin ich nur noch auf angemessenem Niveau gefahren – also bei Lokalrennen“, feixt Vossi.

Inzwischen bleibt ihm keine Zeit mehr für Rennen. Seine Mission als Bike-Pfarrer fordert vollen Einsatz. Dabei war der Weg zum christlichen Glauben für Vossi ein schmerzhafter. Als er sechzehn war, wurde sein kleiner Bruder vom Zug überrollt. Einfach so. Lange Zeit konnte Vossi den Verlust nicht verkraften. Besonders krass fand er den Sterbespruch, den die gläubigen Eltern auf den Grabstein meißeln ließen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Der Satz stammt aus der Bibel. „Ich dachte: Warum passiert so was, wenn es doch einen Gott geben soll?“ Vossi suchte die Antwort in der Bibel, wärend seine Kumpels ihre Religion in der „Bravo“ fanden. „Das Buch ist über tausend Jahre alt. Aber da wurde im Prinzip über dieselben Probleme geschrieben, die uns heute auch beschäftigen. Wir machen Gott für alles verantwortlich, was wir verzapfen. Gott setzt uns nackt auf die Welt und holt uns nackt. Was wir dazwischen machen, liegt doch in unseren Händen“, findet Vossi.

Seine erste Andacht als Bike-Pfarrer hielt Vossi mit 23 Jahren. Beim Dorfrennen in Minden setzte er sich spontan auf einen LKW und predigte einen entspannten, fairen Wettkampf. Er pilgerte von Rennen zu Rennen. Bald war der Jesus-Freak in der ganzen Szene bekannt. Custom-Schweißer Florian Wiesmann nahm ihn in sein Sponsor-Progamm auf. „Jesus rules“ wurde zum Markenzeichen. Bei einem Downhill- Rennen lief Vossi mal ein Bike-Punk über den Weg. „Say, you love Satan!“, stand auf dessen T-Shirt, was so viel heißt wie: „Gib zu, du liebst Satan“. Von wegen. „Zuhause ließ ich sofort die „Jesus rules“-Shirts drucken“, lacht Vossi: „Kann doch nicht sein, dass Satan Werbung macht und Jesus nicht.“

Vor drei Jahren führte Vossis Weg schließlich vom Heimatort Hannover nach Klieken, Postleitzahl 06869. Ein Dorf mitten in Sachsen-Anhalt. Kopfsteinpflaster, 1186 Einwohner, eine Kirche, ein Pfarrhaus. Die Drei- Zimmer-Wohnnung darin war Vossi als neues Zuhause zugeteilt worden. Die Kirche hatte ihn offiziell zum Bike-Pfarrer ernannt. Zum ersten und einzigen auf der Welt. Der finanzielle Lohn dafür ist eher mager, Vossi aber ohnehin ein Idealist. „Ich sollte in Sachsen-Anhalt ein Funsport-Projekt mit Jugendlichen aufbauen. Was, blieb mir überlassen“, erinnert sich Vossi.

Vossi muss oft gegen Vorurteile kämpfen. Anpassen würde er sich deswegen nie. „Meine

Wertigkeit beziehe ich nicht durch andere Menschen. Ich finde es geil, mit Jesus als Chef zu leben. Er akzeptiert mich wie ich bin“, sagt Vossi.

Schlagwörter: Christian Voss Pfarrer Priester


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