Bomber Girls

Rätselhaft erfolgreich: Marzocchi Bomber Girls

  • Jörg Spaniol
 • Publiziert vor 13 Jahren

Um den Kaufwillen der potenziellen Kundschaft anzuheizen, stellte Marzocchi seiner „Bomber“-Gabel vor zehn Jahren ein dralles Duo zur Seite. Das Konzept mit der Erotisierung funktioniert bis heute.

„Mach es fett und böse“ müssen sich die Marketingleute bei Marzocchi gedacht haben, als sie vor zehn Jahren ihre Freeride-Gabel höchst kriegerisch „Bomber“ nannten. Und weil eine Waffe doch nicht auf jeden sexy wirkt, stellten sie der Gabel zwei Messehostessen zur Seite. Deren Anblick machte sofort klar, dass der namensgebende Bomber kein Rosinenbomber sein konnte – eher vielleicht ein Melonenbomber? Egal. Denn angesichts der schieren Präsenz der Bomber-Girls verstummen feinsinnige Betrachtungen über Produktnamen schlagartig. Die Signierstunden der Bomber-Girls auf den Fahrrad- und Motorradmessen der Welt sind ein Publikumsrenner.

Wolfgang Beuer, Marzocchis Marketing-Mann in Deutschland, steht dem Phänomen so erfreut wie ratlos gegenüber: „Es funktioniert weltweit. In Las Vegas finden sie vielleicht den größten Zuspruch. Da stehen vor allem die Asiaten Schlange, um sich ein Poster unterschreiben zu lassen. Aber warum die das machen, ist mir auch nicht ganz klar – die Damen sind ja keine Stars oder so etwas.” Gecastet wurde jedes Jahr neu, und zwar von Marzocchi-USA-Boss Bryson Martin persönlich. „Um Hollywood laufen viele rum, die über jeden Job froh sind”, sagt Beuer und man denkt sich seinen Teil, denn in dieser Gegend werden ja nicht nur „Schindlers Liste” oder „Findet Nemo” produziert. Das dralle Duo signierte Poster, gestattete verhuschte Blicke ins Silicon Valley und behauptete nicht einmal, irgendeine Ahnung vom Biken zu haben. Wozu auch? Als Marzocchi vor drei Jahren zwei echte Bikerinnen als Bomber-Girls erwählte, waren die Publikumsreaktionen eher verhalten. Die Marketingabteilung kehrte umgehend zur Cartoonoptik der klassischen Sexbombe zurück – zwar mit großer Oberweite aber kleinerem Budget: Seit 2005 schmiegt sich die Argentinierin Mariela dal Lago um die Federbeine. Ganz alleine.

Für Marzocchi funktioniert die simple Kombination aus Federgabel und Oberweite. Die Bomber-Girls machen Produkt und Marke sexy. Doch warum Hunderte von Männern sich nach Autogrammen eher unbekannter Starlets drängen, erschließt sich erst durch einen tiefen Griff in die Wühlkiste der Küchenpsychologie. Unsere gewagte Theorie: das Autogramm eines Bomber-Girls auf dem Poster bestätigt eine bestandene Mutprobe. Welcher pickelige Freerider, welcher seriöse Marathonbiker würde eine derartige Sexbombe in freier Wildbahn ansprechen? Und wie überhaupt? Die Rolle eines Bomber-Girls macht es möglich. Statt „hey, haben wir uns nicht schon mal auf DVD gesehen?” reicht es, um ein Autogramm zu bitten. Eine Kontaktaufnahme mit kalkulierbar positiver Rückmeldung. Nie würde ein Bomber-Girl den Autogrammwunsch mit einer Ohrfeige beantworten oder dem Träger einer Poster-Pappröhre so verschwörerisch wie bedrohlich „Hotel Post, Zimmer 314” zuraunen. Ein Autogramm vom Bomber-Girl ist die Kontrolle über animalische Wildheit. So ähnlich, wie einen Bullterrier mit robustem Maulkorb zu kraulen.

Wie gut Marzocchi mit dieser Strategie fährt, belegt die Geschichte der Biketechnik: Zur Zeit, als die Bomber Girls erstmals antraten, um eine Gabel zu sexualisieren, hatte Konkurrent Rockshox auch ein „Mädchen” am Start. „Judy” hieß die Federgabel. Und eine Judy kann man sich leicht als kleine Göre mit Zöpfchen vorstellen. Als ein Geschöpf jedenfalls, das für normale Männer keinerlei Sexappeal hat. Judy ist seit Jahren weg vom Fenster. Aber Marzocchi-Mariela signiert noch immer Poster – von Las Vegas über Taipeh bis Friedrichshafen. Woraus wir lernen: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin.


(Text: Jörg Spaniol)

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.

Schlagwörter: Marzocchi


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