Andi Heckmair – über die Anfänge der Bike-Expeditionen Andi Heckmair – über die Anfänge der Bike-Expeditionen Andi Heckmair – über die Anfänge der Bike-Expeditionen

Andi Heckmair – über die Anfänge der Bike-Expeditionen

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 13 Jahren

"Plötzlich brauchte ich eine neue Telefonnummer."

"Plötzlich brauchte ich eine neue Telefonnummer."

Viele denken, das Mountainbike hat sich aus dem Radsport heraus entwickelt. Oder aus den Abfahrtsorgien der kalifornischen Klunker-Hippies. Aber das stimmt nicht ganz. Schon lange vor Gary Fisher und Co gab es Bergsteiger, die mit ihren Fahrrädern durch die Täler in die Klettergebiete gefahren sind. Mein Vater erlangte großen Ruhm als Erstbesteiger der Eiger Nordwand und so wurde ich in den Bergsport hineingeboren. Ich arbeitete schon früh als Bergführer und bestieg praktisch jeden Gipfel der Alpen. Doch meinen großen Traum trug ich seit Jahren mit mir herum: Die Überquerung des Himalaya-Gebirges von Lhasa nach Kathmandu. Das Problem war die gewaltige Weite. Zu Fuß wäre man mindestens ein halbes Jahr unterwegs gewesen. Dann hörte ich von diesen neuen Mountainbikes. Das war es. Mit denen konnte man große Distanzen in kurzer Zeit überwinden, auch ohne Asphalt. Ich wollte das Abenteuer so bald wie möglich angehen, denn noch war keiner Gruppe diese Expedition gelungen. Zusammen mit ein paar Weggefährten konnte also die Erstdurchquerung gelingen. Ich fragte bei Wolfgang Renner von Centurion nach, ob er nicht ein paar Räder zur Ver fügung stellen wolle. Was ich nicht wusste: Mein Name war ihm bestens bekannt, denn er hatte das Buch „Die weiße Spinne“ meines Vaters über die Eiger-Nordwand-Besteigung gelesen und war davon fasziniert.

Im Frühjahr 1987 brachen wir auf, fünfzehn Leute, darunter auch Wolfgang. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein. Die Centurion-Bikes hatten wir nach Testfahrten im Schwarzwald speziell modifiziert: hoher Lenker, breite BMX-Pedale für die Wanderschuhe, Ersatzspeichen als Kettenstrebenschutz. Vor uns lagen 1 500 Kilometer in dünner Höhenluft. Um möglichst flott voranzukommen, fuhren wir jeden Tag vom Morgen grauen bis zur Abenddämmerung. Nach nur elf Tagen waren wir am Ziel. Fantastisch! Ohne Mountainbikes wäre so etwas nie mals möglich gewesen. Das Witzige: Wir hatten die Alpen vor der Haustür. Aber zur damaligen Zeit kam einfach niemand auf die Idee, mit dem Rad darüberzufahren. Das war kein Thema. Warum auch immer. Es war eben so. Erst drei Jahre nach der Himalaya-Expedition kam die verwegene Idee auf, von Oberstdorf aus an den Gardasee zu fahren. Wolfgang fragte mich, ob ich eine geeignete Strecke wüsste. Vom Bergsteigen her kannte ich natürlich sämtliche Pässe. Welche sich aber besonders gut für Mountainbikes eignen würden, konnte ich nur grob abschätzen. Auf jeden Fall sollten sich die Schiebepassagen in Grenzen halten. Wir wollten ja Radfahren. Also begannen wir mit der konkreten Planung – Wolfgang, Gerhard Strittmatter, ein ehemaliger Bahnweltmeister, und ich. Im Sommer 1990 fuhren wir los. 440 Kilometer, elf Pässe, 14 000 Höhenmeter. Die Bedingungen waren gut, wenn auch nicht optimal. In Bormio kamen wir in einen fürchterlichen Regen. Wir mussten oft schieben. Trotzdem war es einfacher als gedacht. Und so herrlich. Man kann das mit Worten gar nicht beschreiben, wenn man verschwitzt auf einem Pass steht und in die Ferne guckt. Oder wenn man früh morgens von einer Hütte aus in den nächsten Tag startet. Das BIKE-Magazin brachte hinterher einen großen Bericht über diese allererste Alpenüberquerung mit dem Mountainbike. Plötzlich tat es einen Schlag und jeder wollte mit dem Bike die Alpen bezwingen. Ich bekam geschätzte tausend Anrufe. Die Anfragen waren gar nicht zu bewältigen. Als dann auch noch der Stern eine sechsseitige Geschichte über die „Heckmair-Route“ brachte, musste ich mir eine neue Telefonnummer geben lassen. Es war einfach der Wahnsinn. Mir ist auch klar warum. Einen Marathon können die wenigsten gewinnen, den Kampf gegen eine Naturgewalt wie die Alpen aber schon. Es ist eine wunderbare Herausforderung mit einem extrem hohen Erlebnisfaktor. Wenn ich noch einmal richtig lange Zeit habe, möchte ich die Alpen gerne noch einmal transversal von Wien aus nach Nizza durchqueren. Dafür braucht man Monate. Aber es ist mein großer Traum.

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Schlagwörter: Andi Heckmair Bike-Expeditionen


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