Albrecht Dietze

  • Tomek
 • Publiziert vor 13 Jahren

Die Mühlen der Bürokratie drehten sich für Albrecht Dietze (38) zu langsam und zwangen ihn, den ersten deutschen Bike-Marathon zu organisieren.

Die Mauer war offen, doch die DDR wollte ihn nicht ziehen lassen. Albrecht Dietzes Radreise endete an einer Trabi-Motorhaube und kopfüber in der Windschutzscheibe. Die Radtour nach Schweden fiel kurz vor der Ostsee auf den Asphalt. Dietzes Rennrad war 15 Zentimeter kürzer, sein Schlüsselbein und die Gabel zweigeteilt.

Im Krankenhaus infizierte er sich mit dem Bike-Virus, als er zwischen Infusionsschlauch und Schnabeltasse Kataloge wälzte: Da war es, das Herkules „Super-Competition“ mit Suntour-Komplettausstattung. Er lag noch einige Wochen in Sauer, bis seine geflickten Knochen zusammengewachsen waren. Kurz darauf saß er das erste Mal auf einem Bike.

Dietze hatte sein altes DDR-Rennrad schnell vergessen. Fast täglich schnürte er jetzt Haken und Riemen, um sich mit dem neuen Bike zu verbinden. Schnell wollte er mehr, wollte seine Begeisterung mit anderen teilen: mit einer ausgeschilderten Strecke in Seiffen, im Erzgebirge. 1992 setzte er sich mit dem örtlichen Fahrradhändler in Verbindung, um einen Sponsor für die Schilder zu gewinnen. Gleichzeitig schrieb er an den Gemeinderat. Nach Monaten des Wartens kam die Ernüchterung: Die Strecke wurde nicht genehmigt. Das Vorhaben passe nicht in das Konzept des sanften Tourismus, hieß es – heute ist die Region froh über jeden Gast.

Die Politik bremste die beschilderte Mountainbike-Route aus, aber Dietze hatte noch einen Plan B in der Trikottasche. Ein Jahr vor der Absage überquerte er mit seinem 16-Kilo-Stahlross die Alpen – Wolltrikot und Turnschuhe inklusive. Kurze Zeit später hörte er von dem Cristalp, dem Kult-Bike- Marathon. Mit dem „Nein“ der Gemeinde schaltete Dietze seine Ansprüche einen Gang zurück und machte sich an die Planung für einen eigenen Marathon. 250 D-Mark sollte sein Vater den ansässigen Firmen aus den Rippen leiern – fast grotesk, mit so wenig Geld einen kompletten Marathon organisieren zu wollen. Dietze Senior, ein alter Ausdauer-Junkie, feilschte um jeden Pfennig, und klapperte 150 Betriebe ab, bis er 10 000 D-Mark in der Tasche hatte. Mit dem neuen Budget war mehr drin als nur Flatterband, Blechkuchen von Mutti und Startnummern aus dem Schwarzweißkopierer.

Mit dem unverhofften Geldsegen steckte Albrecht Dietze ein richtiges Abenteuer ab. Heute schüttelt er den Kopf, wenn er die alte Strecke anschaut. „Schweinehart“ und „unmenschlich“ sind noch die leiseren Töne, die er anschlägt, wenn er über die Premieren-Strecke spricht.

Bei der ersten Veranstaltung taten sich 214 Biker das Trail-Martyrium im Erzgebirge an. Zehn Runden Schmerzen mussten für die 100 Kilometer überstanden werden – nur ein paar angereiste Freunde und Verwandte leisteten Beistand. Während der Schinderei verfluchte jeder den Kurs, doch hinter dem Zielstrich hätten am liebsten alle auf die Rückspultaste gedrückt – zu großartig war das neue Abenteuer. Der erste deutsche Bike-Marathon wurde zur Erfolgsgeschichte.

Jahr für Jahr stiegen die Teilnehmerzahlen bis auf 1 300, aber bis heute ist der Erzgebirgs-Bike-Marathon keine Kommerzveranstaltung geworden: „Dafür ist der Kurs einfach zu schwer“, meint Dietze schelmisch. Ihn interessieren keine 4 000 Starter, er will eisenharten Sport anbieten, auch wenn manche Jahre eher an Schlamm-Catchen erinnerten als an ein Mountainbike-Rennen.

Für uns gebührt ihm ein Platz in der Hall of Fame.


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