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So fühlt sich Biken in der Corona-Krise an

„Frische Luft tut gut!”

Ludwig Döhl am 23.03.2020

Das Coronavirus erteilt ganz Deutschland Hausarrest. BIKE-Redakteur Ludwig Döhl beschreibt, wie frei man sich auf einen Mountainbike fühlen kann, während das Land unter Ausgangsbeschränkungen ächzt.

Die landesweiten Ausgangsbeschränkungen, die Ministerpräsident Söder am Freitag verkündete, haben Bayern über Nacht zum Geisterstaat gemacht. Zumindest in den ländlichen Regionen Niederbayerns sind die Straßen seit Samstag wie leergefegt. Wenn der Wind jetzt noch Strohballen durch die Dörfer blasen würde, wäre die Wildwest-Stimmung aus alten Schwarz-Weiß-Filmen perfekt. Nur dass hier kein Sheriff auftauchen wird, der den Schurken (das Coronavirus) mit ein paar Revolverschüssen erledigt. Bis die Medizin einen Impfstoff oder ein Medikament entwickelt hat, bleibt die einzige Waffe gegen das Virus die soziale Isolation. Die Appelle von Merkel, Söder und Co. waren eindeutig. Es braucht jetzt die Vernunft eines jeden einzelnen! Um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen, müssen jetzt alle einen Gang zurückschalten und sich auf das Nötigste reduzieren. Entschleunigung per Staatsbefehl.

MTB Singletrail Alpen schmal Grat

Waghalsige Trails im alpinen Gelände sind derzeit nicht angebracht und liegen zudem unter einer dicken Schneedecke.

Na bitte, wenn es nicht anders geht, bleibe ich eben daheim. Mein Vorsatz: Erst wenn das Klopapier gegen Mitte der Woche knapp werden würde (ich hatte vergessen zu hamstern), verlasse ich das Haus für die Wiederbesorgung. Das gute Wetter der milden Wintermonate hat ohnehin dazu geführt, dass meine Beine vom vielen Biken leer sind und sich im eigenen Hausstand eine Liste unangenehmer Arbeiten angesammelt hat. Also habe ich am Samstag eine neue Lampe in die Wohnzimmerdecke gedübelt, die Steuererklärung für 2019 vorbereitet und die Konserven in unserer Vorratskammer nach dem Verfallsdatum sortiert. Alles in allem: Ein Tag zum Abhaken. Der Gedanke, dass das nun mindestens zwei Wochen so weitergeht, macht mir Angst.

Radfahren während der Corona-Krise: langweilig und erlösend zugleich

Sonntagvormittag, elf Uhr. Bayern schlummert seit 35 Stunden unter der Ausgangsbeschränkung. Ich habe Frühstück gemacht, es verputzt und die Küche aufgeräumt. Außerdem habe ich meinem Bike einen großen Service verpasst (für alle, die jetzt auch viel Zeit haben, um selbst am Bike zu schrauben: >>Hier gibt es alle wichtige Schrauber-Tipps<<). Neue Kette, neuer Reifen, neue Schaltzüge. Volles Programm. Und jetzt? Die Sonne geht erst in acht Stunden unter. Davor den Fernseher einzuschalten, das wäre nicht mein Ding. Krass, wie schnell einem die Decke auf dem Kopf fällt, und wie schnell die Beine an einem Tag Hausarbeit regenerieren. Meine zumindest fühlen sich nach einem Tag in Hausarrest schon wieder an wie neu. Hat Söder nicht gesagt, Sport im Freien sei OK? Ich erinnere mich wage an die Worte „frische Luft tut gut“ aus dem Mund des Ministerpräsidenten. Ein kurzer Check im Netz verrät: Ja, man darf trotz kollektivem Hausarrest noch Fahrrad fahren. Die Kommentare unter den informativen Artikeln geben auch gleich noch eine Anleitung, wie man in so einer Situation moralisch korrekt biken kann: Alleine und so risikoarm wie möglich. Ein Sturz würde das Gesundheitssystem nur unnötig belasten. Also keine krassen Trails, keine Sprünge, keine Kumpels. Klingt irgendwie langweilig und erlösend zugleich. 

#DeutschlandTrail 2019 West-Ost. Etappe 13

Wald- und Schotterwege wirken auf Mountainbiker langweilig und spießig. Während der Corona-Krise schlummert auf ihnen aber ein Gefühl von Freiheit.

Besinnung auf das Wesentliche: Biken bedeutet Freiheit

Ich schwinge mich auf mein Hardtail und drücke die Kette straff. Die Sonne scheint, die Beine beginnen zu brennen (muss wohl von der Hausarbeit kommen) und die Gedanken sprudeln. Irgendwie schon witzig: Bewegungsfahrten mit einem Porsche sind derzeit tabu. Bewegungsfahrten mit meinem Hardtail sind dagegen erlaubt. Während die ganzen Spaziergänger sich auf einen Radius von maximal fünf Kilometer um ihren Wohnort beschränken müssen, habe ich mit meinem Bike die Freiheit, dort hinzufahren wo ich will. Mit der Banane in meiner Trikottasche könnte ich 100 Kilometer schaffen.

Mit diesen Gedanken im Kopf und der wunderbar ruhigen, verlassenen Natur vor den Augen durchströmt mich ein plötzliches Gefühl von absolutem Glück. Was habe ich in meinem Leben nicht alles gemacht, um mich frei zu fühlen. Ich bin mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen. Ich habe auf Berggipfeln nur mit einem Schlafsack unter freiem Himmel geschlafen, habe während der Pubertät die Ärmel meiner T-Shirts abgetrennt und mir selbst einen Irokesenschnitt verpasst. Naja, das sollte wohl vor allem meine Freiheit nach außen hin demonstrieren. In Zeiten, in denen ein Virus das ganze Land in die eigenen vier Wände verbannt, reicht es, einfach mit dem Mountainbike über einen Schotterweg zu fahren, um sich unglaublich frei zu fühlen. Herrlich! Plötzlich fühlt man sich als fitter Biker privilegiert gegenüber all jenen, die für den Weg zum Bäcker ins Auto steigen. Plötzlich habe ich keine Angst mehr vor den nächsten zwei Wochen (oder wie lange das noch so weitergeht). Plötzlich kann ich selber wieder lachen, obwohl dem Land eine Krise droht, wie die meisten von uns sie noch nie erlebt haben. Kurz vor Sonnenuntergang begebe ich mich wieder in die häusliche Isolation. Was für ein herrlicher Sonntag das war! Ich glaube, sobald es dunkel ist, ziehe ich mir zum Abschluss des Tages noch einen alten Italo-Western rein.     

Ludwig Döhl

Ludwig Döhl hat 2005 begonnen Cross-Country- und Marathon-Rennen für das BIKE Junior Team zu fahren. Seitdem dreht sich für den Niederbayer alles ums Mountainbiken. Während seiner Zeit als Enduro-Profi und zahlreichen Einsätzen als BIKE-Testfahrer sammelte Döhl nicht nur Trail-Kilometer, sondern auch wichtige Erfahrungen, bevor er 2015 mit der journalistischen Ausbildung zum Redakteur begann. Heute will der stellvertretende Chefredakteur von BIKE möglichst viele Menschen von seiner Leidenschaft, dem Mountainbiken, überzeugen. 

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Ludwig Döhl am 23.03.2020