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Reportage Trans Andes Challenge

Abenteuer Chile: durch die Anden Patagoniens

Carsten Schirra am 28.05.2015

Patagonien genießt unter Bergsteigern den Ruf, das schlechteste Wetter der Welt zu haben. Die Trans Andes Challenge führt in sechs Etappen mittendurch. Ein Bike-Abenteuer am Ende der Welt.

Die „Trans Andes Challenge ist ein extremes Mountainbike Rennen durch die zerklüfteten Berge der chilenischen Anden“, heißt es auf der Website des Veranstalters. Dort steht ebenso, dass die Teilnehmer die „besten sechs Tage an Mountainbiking“ ihres Lebens haben sollen. Das Wörtchen extrem muss ich wohl überlesen haben. Da ich nach Jahren endlich wieder einmal mein betagtes Cannondale Jekyll seinem Naturell zuführen wollte, hatte ich mich kurzerhand angemeldet. Nun liege ich auf einem beachtlich anspruchsvollen Downhill der ersten  Etappe im Gestrüpp und versuche, meine krampfenden Beine zu lockern – was ein Elend. Da bin ich bei ungefähr Kilometer 60 von insgesamt 420.

Fotostrecke: Trans Andes Challenge – Etappenrennen in Chile

Mit Trainings-Defizit aus Sao Paulo

Vor knapp zwei Jahren bin ich nach Brasilien gezogen. Bilderbuchstrände, Zuckerhut, Regenwald. Mit traumhaften Landschaften stellen sich die meisten Brasilien vor. In Sao Paulo ist davon recht wenig zu sehen, stattdessen bekommt man hier den Großstadt-Dschungel in all seiner ‘Pracht’ präsentiert. Hochhäuser und Stadtautobahnen, Betonwüste pur. Zwar bemühen sich die Stadtväter, die Stadt Fahrrad-freundlicher zu gestalten, doch das ist ein recht hoffnungsloser Versuch. Und so war mein recht ambitionierter Plan, innerhalb von ein paar Monaten topfit zu werden, eher kläglich ausgefallen. Egal, es wird schon passen, immerhin hatte ich ja vor zehn Jahren auch auf meinem alten Rose-Bike 1600 Kilometer durch Schottland ganz passabel überstanden.

Am Flughafen von Sao Paulo, zwei Tage vor Rennbeginn, traf ich dann gleich ein halbes Dutzend Brasilianer mit dem gleichen Reiseziel: Temuco, Chile – leicht erkennbar an den Fahrradkoffern. Schwitzend standen wir bei 30 Grad am Checkin und machten gleich Bekanntschaft. Wie sich später herausstellen sollte, war eine der größten Delegationen bei der Trans Andes Challenge aus Brasilien, und anscheinend lässt es sich sogar im Großraum Sao Paulo bestens trainieren ohne überfahren oder ausgeraubt zu werden. Die Reise war recht unterhaltsam. Beim Zwischenstopp in Santiago stießen dann noch ein paar weitere Gruppen dazu. Nach drei Stunden Fahrt ins tadellos organisierte Fahrerlager wurden dann gleich die Bikes montiert. Da importierte Waren in Brasilien mit fast 50 Prozent Steuern versehen sind, hatte ich mir eingebildet, mit meinem Jekyll 2 Carbon von 2011 ein Top-Bike im Peloton zu haben. Pustekuchen – die Jungs hatten großartiges Material, viel Scott und Specialized waren vertreten, aber auch exotische Marken wie die brasilianische Fahrradschmiede Oggi (Slogan: „Das Bike, das Teil Deines Naturells ist“). Am nächsten Tag ging es am Mittag auf zu einer ersten Testfahrt mit Stopp bei der nahegelegenen Micro-Brewery Petermann, zur Inspektion der lokalen Braukunst. Während des Tages trafen dann die restlichen Teilnehmer der 6-Tages-Veranstaltung ein. Neben den meist chilenischen Fahrern und Gruppe an Brasilianern gaben sich ebenso Fahrer aus den verschiedensten Teilen Südamerikas, den USA, Kanada, Wales, England, Dänemark, Südafrika und Spanien die Ehre. Darunter auch zwei Deutsche. Patrick sollte ich das erste Mal nach einem Etappenentscheid mal auf dem Podest stehend identifizieren.

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Autor Carsten Schirra am Start der Trans Andes Challenge.

Wasser-Sand-Gemisch statt Sonnencreme

Nach der Willkommenszeremonie mit respektablem chilenischen Rotwein ging es am Folgetag endlich los. Am Start war die Stimmung prächtig. Nach Gruppenfoto und Ablichtung per Drohne ging es zusammen mit 350 Fahrern endlich los und ich trat voller Tatendrang in die Pedale. Die große Traube an Fahrern zog sich anfangs nur gemächlich auseinander, die ersten Kilometer ging es auf einer flachen, sandigen Piste am Fuße des Vulkans Choshuenco zügig voran. Erst bei Kilometer 20 kam die erste richtige Steigung, bei der es dann gleich zur Sache ging. Sofort wurde ich mir meiner unterdurchschnittlichen Kondition bewusst. Da kam der erste Versorgungsstopp bei Kilometer 25 wie gerufen. Unter anderem konnte ich auch meinen recht beeindruckenden Sonnenbrand an den Armen versorgen. SPF 30 hatte nicht gereicht, um meine blasse, deutsche Haut vor der chilenischen Glut zu schützen. Mangels Sonnencreme musste kurzerhand Wasser und eine Lage Sand herhalten, den es reichlich auf der Piste gab. Die weiteren Kilometer machten dann recht schnell klar, dass die über 2000 Meter Höhenunterschied in einer atemberaubenden Landschaft alles von den Fahrern abverlangen würden. Der Bodenbelag wechselte stetig zwischen sandigen Pisten, Schotterwegen und Waldboden. Am zweiten Stopp bei Kilomete 54 waren bei einigen Fahrern mit ähnlicher Kondition bereits die ersten Verschleißerscheinungen zu erkennen. Der extreme steile Anstieg gleich nach der Pause war dementsprechend desillusionierend, im kleinsten Gang ging es gefühlte Stunden bergauf. Und wäre der Anstieg nicht mit einem sensationellen Blick über die Landschaft und den Vulkan Choshuenco entlohnt worden, wäre mir womöglich der Gedanke gekommen auszusteigen. Und das nach nur 50 der insgesamt 420 Kilometer. Die restlichen Kilometer der sehr technischen Downhill-Piste meisterte ich dann zusammen mit vielen anderen teilweise zu Fuß – und mit Muskelkrämpfen. Nach ungefähr 7,5 Stunden erreichte ich dann endlich das Ziel.

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Schneebedeckte Vulkane im Nationalpark einer Etappe.

Mehr Er- und Überleben als auf Plätze schielen

Auch wenn ich froh war, die erste Etappe überstanden zu haben, war ich doch sprachlos zu sehen, dass der Spanier Joan Llordella doppelt so schnell war wie ich (3:48,46 Stunden). Von da an war klar, dass es für mich mehr um das Er- und Überleben des Rennens anstatt einer vorderen Platzierung gehen würde. Schnell stellte sich bei mir eine Routine ein, die ich an den Folgetagen wiederholen würde: Duschen, Fahrradwartung und dann Massage, um meinen  geräderten Rücken und die Beine halbwegs auf Trapp zu bringen.

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Die Trans Andes Challenge ist alles andere als einschläfernd.

Bereits am zweiten Tag hatte sich das Fahrerfeld ein wenig ausgedünnt. Einige Fahrer hatten sich entweder verletzt, entschieden auszusteigen oder eine Etappe auszusetzen. Trotz Schmerzen in den Beinen, im Rücken und leichtem Regen begab ich mich recht guter Dinge in die zweite Etappe. Das Großartige an der Streckenplanung der Trans Andes Challenge war, dass die meisten der unendlich mühsamen und steilen Anstiege mit großartigen Panoramen – wie dem über das Neltumetal – belohnt wurden. So waren die im Schnitt 2000 Höhenmeter pro Etappe immer die Mühen wert. Am dritten Tag, auf halber Strecke zwischen den Versorgungstationen, ging mir mitten im Nationalpark Villarria die Verpflegung aus. Doch da ich mich wie der Großteil der Teilnehmer mehr auf das Bewältigen des Rennens als das Erfahren von Bestzeiten eingestellt hatte, war die Teilstrecke durch den Nationalpark eine willkommene Gelegenheit, einen Gang runterzuschalten. Generell schien es nicht die schlechteste Idee zu sein, ab und an einfach mal ein wenig den Druck rauszunehmen. Der Amerikaner Joel, der in der Vergangenheit bereits mit Lance Armstrong trainiert hatte, brach sie auf der dritten Etappe die Hand. Ende, Gelände für den fitten Texaner aus Austin. Ein Holländer verletzte sich bei einem Sturz derart, dass er beinahe ein Auge verlor, und mein Buddy Rof, Exil-Amerikaner aus Brasilien, hatte einen Frontalcrash mit einer Kuh. Er schaffte  arg ramponiert aber dennoch Platz 4 in seiner Altersgruppe.

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Endlich geschafft: Autor Schirra mit seinem Jekyll im Ziel nach sechs harten Etappen.

Vom Singlespeed-Hardtail bis zum All Mountain-Fully

Noch ein Wort zum Equipment. Bis heute ist mir unklar, wie die Südafrikaner auf Singlespeed und Surly-Stahlrahmen ohne Federgabel derart gut mithalten (und mir davonfahren) konnten. Es gab wenige Momente, die mehr demoralisierend waren, als von diesen beiden Burschen an irgendwelchen Anstiegen abgehängt zu werden. Generell wurde viel diskutiert, welches Bike für ein solches Etappenrennen am besten geeignet sei. Viele Fahrer begnügten sich mit Hardtails, fast ausschließlich in 29 Zoll. Einfach- oder Zweifach-Kettenblätter waren ebenfalls viel vertreten. Die Brasilianer waren einstimmig der Überzeugung, dass ich mir unbedingt ein 29er anschaffen müsse. Wobei ich sagen muss, dass ich den Großteil des Terrains bestens mit meinem 26-Zoll-Jekyll zurechtkam. Besonders im „Flow“-Mode mit 150 Millimeter Federweg waren die technischen Abfahrten eine gute Gelegenheit, viele Fahrer hinter mir zu lassen, um dann kehrtwendend bei Anstiegen wieder überholt zu werden. Bei schwacher Kondition hilft eben auch das beste Material nichts.

Die Strecke um Catripulli war mit die schönste. Mit einem Stopp am See Hualalafquen, bei dem so einige die Hitze mit einem Bad im eiskalten Wasser bekämpften und die Wasserflaschen auffuehlten, und einer großartigen Überquerung des Maichin-Flußes über eine Hängebrücke in 80 Meter Höhe. Nach Abschluss des Zeitfahrens über knapp 30 Kilometer mit Start und Ziel in Pucon, dem touristischen Hotspot der Region, waren sich wohl alle einig, dass die Trans Andes Challenge in der Tat allen Fahrern sechs fantastische Tage geboten hatte. Und dass unabhängig, ob der Sieger Joan Llordella aus Spanien (17:38,44 Stunden) war oder eben meine Wenigkeit auf Platz 215 mit einer Fahrzeit von 33:53,18 Stunden.

Infos zur Trans Andes Challenge erhalten Sie auf der Veranstalter-Website.

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Autor Carsten Schirra lebt in Brasilien und folgte dem Aufruf der Trans Andes Challenge nach Chile.

Carsten Schirra am 28.05.2015
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