Bikes und Teile "Made in Germany" Bikes und Teile "Made in Germany" Bikes und Teile "Made in Germany"
Seite 2: Reportage: Manufakturen

Bikes und Teile "Made in Germany": Nicolai

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 8 Jahren

Henri Lesewitz besuchte Manufakturen in ganz Deutschland und stellte fest, dass das Gütesiegel „Made in Germany“ ein echtes Revival erlebt. Eine Reportage voller Leidenschaft, edlem Metall und Carbon.

Nicolai Machinenbau

Die Handtasche fährt und lässt sich prima durch Kurven lenken. Eine kleine, niedliche Weltsensation. Karlheinz Nicolai (43), genannt "Kalle", lächelt zufrieden. "Das Ding funktioniert mit Schnellverschlüssen, wie ’ne Waffe. Klock, klock – Lenker, Räder, Sattel raus! Und schon kannste dich auf die Tasche setzen und los düsen."

Es ist Donnerstag, ein trüber Wintertag. Der Nordwind schiebt nasskalte Wolkenklumpen über das hufeisenförmige Gehöft in Lübbrechtsen, aus dessen Inneren ohrenbetäubender Lärm pulsiert. Bohrerkreischen. Druckluftschmatzen. Kompressornageln. Kalle steht im "Gehirn", wie das enge Dachgeschoss mit den nichtproduzierenden Abteilungen seiner Mountainbike-Schmiede intern genannt wird. Menschen der Tätigkeitsbereiche Logistik, Service, Marketing und Entwicklung wuseln herum, oder starren auf Monitore. In der Luft liegt das Odeur von verbranntem Metall. 1500 Bike-Rahmen werden bei Nicolai , Deutschlands bekanntester Custom-Schmiede, Jahr für Jahr gebaut, handgeschweißt, handmontiert.

Marek Vogel Nur keine Massenware: Karlheinz „Kalle” Nicolai baut Räder nicht nur für, sondern vor allem mit seinen Kunden.

"Das Projekt mit dem Taschen-Bike war mehr so mein Privatvergnügen", erzählt Kalle, während er sich am Computer durch eine Foto-Galerie klickt. Der Vize-Design-Chef von Renault habe ihn unlängst angerufen. Es ging um das uncoole Image von Falt-Rädern und darum, wie man das ändern könne. Und da war der Renault-Mann bei Nicolai natürlich genau richtig. Es ist der Job von Kalle, die Fantasien anderer anfassbar zu machen. Vor 18 Jahren hat er der Amerikanerin Leigh Donovan in der Doppelgarage seiner Eltern ein Bike geschweißt, mit dem die Auftraggeberin prompt Weltmeisterin wurde. Er hat das Dirt-Bike erfunden und den Rahmen mit Getriebe-Box. Doch nichts bringt die Leistungsfähigkeit seines Handwerksbetriebs so auf den Punkt wie die rasende Handtasche. "Wir bringen alles zum Fahren", sagt Kalle und wirkt ein bisschen stolz.

Wer zu einer Manufaktur wie Nicolai kommt, der ist meist hochgradig verzweifelt. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich die Produktion von Bikes und Zubehör nahezu vollständig nach Fernost verlagert. In gigantische, rendite-geile Hochleistungsfabriken, die nimmermüde gleichförmige Massenware ausstoßen. Tausendfache Kopien in den Designs der Saison. Die Qualität ist gut, manchmal sogar hervorragend. Doch eines schließt Serienfertigung schon vom Konzept her aus: Einzigartigkeit. Das Produkt wird nicht für den Käufer gebaut, sondern für den Durchschnittskäufer. Ein kleiner Unterschied. Für anspruchsvolle Biker nicht selten der Entscheidende.

Marek Vogel Karlheinz Nicolai wird in der Presse noch immer "Kult-Schweißer" genannt. Dabei ist er inzwischen eher eine Art Manager. 30 Angestellte bauen mehr als 1500 Custom-Rahmen, jährlich.

Es ist wie bei Modefragen, oder beim Küchenkauf. Wer Kompromisse hasst, bestellt beim Maßanfertiger. "Bei uns ist der Kunde in beträchtlichem Umfang involviert in die Entstehung seines Freizeitobjekts", formuliert Kalle eine seiner berühmten Satzperlen, während er mit federnden Schritten vom "Gehirn" zur einstigen Scheune hinüberschreitet.

Das alte Gemäuer ist vollgestopft mit Maschinen. Fräsen fressen sich schrill durch Metall. Menschen mit Ohrstöpseln hantieren konzentriert mit Meßschiebern. Aus der Schweißerkabine zucken grellweiße Lichtblitze. 350 verschiedene Einzelteile für 30 verschiedene Rahmenmodelle werden in der Halle gefertigt. Eine halbe Stunde lang raspelt eine CNC-Fräse an einem Alu-Block herum, bis ein einziger Umlenkhebel fertig ist. Drüben, im Nachbargebäude, befindet sich die Lackiererei. Wenn es sein muss, kann jeder noch so spezielle Kundenwunsch erfüllt werden. Ein Service, den man heutzutage suchen muss.

"In Deutschland sind wir inzwischen die Letzten, die so arbeiten", sagt Kalle. Hat er auch schon mal dran gedacht, im Ausland produzieren zu lassen? Kalle gart einen Moment lang in rasant ansteigendem Blutdruck. Fernost-Produktion? Was für ein fieser, monströser Gedanke! "Du kannst dir fünf Ketten umhängen und siehst doof aus. Du kannst dir aber auch die eine, richtige Kette umhängen und cool aussehen. Wir bauen den Leuten das Fahrrad, mit dem sie hundert Prozent glücklich sind." Nein, er bleibt natürlich, was er ist. Kalle, der Traumfabrikant aus Lübbrechtsen.

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