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Reportage Epic Israel

Epic Israel: Etappenrennen durchs heilige Land

Stefan Loibl am 25.05.2015

Wer Israel aus der Tagesschau kennt, hat Bomben, Krieg und Leid vor Augen. Doch das Heilige Land gilt auch als Hochburg für Bike-Pilger. Wir näherten uns der israelischen Bike-Szene beim Epic Israel.

Mein Kumpel Jochen und ich fühlen uns wie Schwerverbrecher. Und das am Münchner Flughafen. Vor dem abgelegenen Terminal, den nur Israel-Reisende passieren müssen, patrouillieren zwei Streifenwagen, den Eingang sichern Polizisten in Kampf-Montur mit Maschinenpistolen. Was ich zweimal schon in Ägypten gemacht habe, will der Checkin-Mitarbeiter in seinem schwarzen FBI-Anzug wissen und blickt mir dabei tief in die Augen. „Nur Urlaub mit meiner Frau.“ Und nein! Ich kenne niemanden dort, presse ich genervt heraus. Zum dritten Mal blättert er jede Seite meines Reisepasses durch. Dann entlässt mich der Bärtige grimmig zur Gepäckkontrolle. Dort wecken unsere riesigen Bike-Koffer sofort das Interesse des Sicherheitspersonals. Penibelst streicht eine Dame jede Ecke meines Koffers mit ihrem Sprengstoff-Detektor ab. Ich muss jedes Teil einzeln herausnehmen. Sattelstütze und Latexmilch-Flasche erregen besondere Aufmerksamkeit. Geduldig versuche ich, dem Typ im FBI-Anzug von vorhin zu erklären, dass ich damit keine Bombe basteln möchte. Wenn sich das schon in München so zieht, wie wird das erst in Israel?, denke ich mir. Anfangs hatten Jochen und ich uns noch darüber amüsiert, dass uns so viel Interesse zuteil wird. Doch mittlerweile ist uns das Lachen gründlich vergangen. Geschlagene 1,5 Stunden sind vergangen, als wir schließlich die Abflugwartehalle erreichen.

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Südlich von Haifa, rund um den Mt. Carmel, spielt sich das Epic Israel ab.

Mit Sicherheit zählt das kleine Land im Nahen Osten gerade im Jahr 2014 nicht zu den Premium-Reisezielen für Europäer. Gefechte auf den Golanhöhen, Raketengeheul in Tel Aviv und Bomben rund um den Ghaza-Streifen: Wer Israel nur aus Tagesschau und Zeitung kennt, könnte meinen, dass sich das ganze Land und die Bewohner im Kriegszustand befinden. Genau diese Bilder haben auch meine Freunde im Kopf, unter denen mein Vorhaben – zum Mountainbiken nach Israel zu reisen – nur ungläubiges Kopfschütteln erntet. Dabei wird in den Nachrichten nur die eine Seite Israels gezeigt. Doch die Mehrheit der Israelis führt unbeirrt ein normales Leben, sie haben sich an den Ghaza-Konflikt gewöhnt. Deshalb stand auch die Austragung des Epic Israel nie auf der Kippe. Unsere Gemüter beruhigte es trotzdem ein wenig, dass sich Israel mit den Palästinensern wenige Tage vor dem Start des Epic Israel auf eine Waffenruhe einigte.

Internationales Starterfeld beim Epic Israel

Das Epic Israel zieht mit seinen drei Etappen, 270 Kilometern und 550 Zweier-Teams nicht nur Israels Jedermann-Szene an. Auch internationale Lizenzfahrer aus den Niederlanden, Russland, Deutschland und Spanien kommen und schielen auf die UCI-Punkte. Eines der Teams, die berechtigte Siegchancen hegen, lerne ich am Abend vor dem Start kennen. Es sind der Deutsche Markus Bauer und sein israelischer Freund Rotem Ishay. Mit Fragen zur Strecke und der besten Trinktaktik löchere ich Ishay den ganzen Abend. Die Flüssigkeitsversorgung könnte eine entscheidende Rolle spielen, schließlich zeigt das Thermometer jetzt, Ende September, im Durchschnitt noch 28 Grad. Und Ishay muss es wissen, er ist nur einige Kilometer von hier aufgewachsen.
Das Startgelände des Epic Israel befindet sich im Norden des Landes, auf dem Sportplatz des Kibbutz’ Dalja, in den Ausläufern des Carmel-Gebirges. In die felsig-staubige Hügellandschaft reihen sich eine Zeltstadt, der Start-Ziel-Bogen und ein Dutzend Dixie-Klos. Wie beim Cape Epic, dem großen Vorbild in Südafrika, nur eben überschaubarer. Aber genauso wollte es Gründer und Organisator Gal Tsachor: „Wir haben uns von der perfekten Organisation beim Cape Epic inspirieren lassen und wollten diesen Spirit nach Israel bringen.“ Nachdem er fünf Mal beim südafrikanischen Cape Epic gestartet war, reifte in Tsachor die Idee, eine solche Veranstaltung auch in seiner Heimat auf die Beine zu stellen. Mit eigener Note. Denn statt Tag für Tag umzuziehen, starten und enden alle drei Etappen des Epic Israel am selben Ort.

Fotostrecke: Epic Israel – MTB-Etappenrennen durchs heilige Land

Schon auf der ersten Etappe kommt der Mann mit dem Hammer: Rotem Ishay ist nicht mehr Herr seines Körpers. Wie eine ferngesteuerte Marionette versucht er, sein Racefully durch die letzten Schotterkurven der ersten Etappe zu lenken. Doch auf der Zielgeraden passiert es: Er stürzt. Ishays Team-Kollege reagiert sofort und stützt seinen wankenden Partner. Blitzschnell eilt ein weiterer Streckenposten heran, nimmt Ishays Bike und hilft, den entkräfteten Lizenz-Fahrer über die Ziellinie zu schleifen. Dort kümmert sich sofort ein Arzt um ihn. Wenig später wird Ishay ins Krankenhaus gefahren – dort wird er die Nacht verbringen. Angestöpselt an Infusionsschläuche, die seinem dehydrierten Körper wieder Energie einflößen. „Er hat zu wenig getrunken und fast nichts gegessen“, sagt Team-Kollege Bauer. Ishay hatte die Alarmglocken seines Körpers ignoriert. Für ihn und seinen deutschen Partner ging es um den Tagessieg. Temperaturen von 30 Grad Celsius hatten 3,5 Stunden lang seinen Körper auf Staubpisten ausgekocht und ihm am Ende den Stecker gezogen. Dabei weiß Rotem Ishay eigentlich, wie man mit der Hitze in seinem Land umgeht. Schließlich hat der 28-Jährige aus Netanya bis vor sechs Jahren hier gelebt.

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Fast kollabiert ist Sieganwärter Rotem Ishay auf der ersten Etappe des Epic Israel.

Zum Studieren verschlug es den Rennfahrer nach Colorado. Heute arbeitet er in Durango im Zentrum für Sportwissenschaften. Seiner Bike-Karriere kann er sich seitdem nur noch mit halber Kraft widmen, dennoch zählt Ishay noch zu den besten Cross-Country-Racern Israels – und beim Epic Israel gibt es wertvolle UCI-Punkte im Hinblick auf Rio 2016 zu sammeln. „Die Olympischen Spiele sind mein großes Ziel. Da duelliere ich mich mit Haimy Shlomi um den wahrscheinlich einzigen Startplatz, der an Israel vergeben wird“, erklärt Ishay. Weltweit bekannt ist auch Ishays größter Rivale nicht. Und das, obwohl Mountain­biken im Heiligen Land zu den populärsten Sportarten zählt. Es gebe deutlich mehr Biker als Rennradfahrer, wird mir von allen Seiten versichert. „Die größte Hürde für Nachwuchstalente ist der Militärdienst. Er dauert für Männer drei Jahre und startet mit 18 Jahren. Also genau dann, wenn man die Weichen zum Profi stellen müsste“, sagt Ishay und beklagt, dass selbst Top-Sportler nicht davon befreit werden.

Ein Treffpunkt fürs Israels Bike-Szene

Dritte Etappe, Kilometer 77: Eine Schicht aus Staub, Schweiß und isotonischem Getränk klebt Ofer Geva im Gesicht. Beherzt stoppt der 1,90 Meter große Hüne sein Niner-Fully an der letzten Verpflegungsstation neben mir und greift forsch in die Gummibärchen-Box, die neben den Wasserkanistern steht. „Der Rücken zwickt, die Hände schmerzen und die Oberschenkel fühlen sich nach Wackelpudding an“, jammert er, nachdem er seine Trinkflasche hastig geleert hat. Ein letztes Mal auftanken, durchschnaufen und absteigen. Denn nur 17 Kilometer trennen uns noch vom Finishen des Epic Israel. Das ständige Auf und Ab, staubige Rüttelpisten, verblockte Trails und die brütende Hitze haben nicht nur mir mächtig zugesetzt, sondern auch den Locals. Bei der zweiten Flasche Wasser erzählt mir Ofer, wie schwer es für ihn ist, in den Sommermonaten zu trainieren: „Wir starten spätestens um sechs Uhr morgens und sind um neun zurück. Denn dann wird es unerträglich heiß.“ Wie den meisten Israelis beim Epic Israel geht es dem Master-Starter Ofer beim Biken nicht um irgendwelche Platzierungen. Die Stimmung unter den Teilnehmern und der Fahrspaß auf den Trails rund um den Mt. Carmel sind es, was ihn hierher gelockt hat. Mountainbiken in Israel – "im Prinzip unterscheidet sich das wohl sehr wenig vom Mountainbiken bei Euch", mutmaßt Ofer. "Mal fahre ich mit Kollegen nach der Arbeit eine Runde, mal verbringe ich mit Bike-Kumpels ein Wochenende in der Wüste. Da hat es im Winter perfekte Bedingungen."

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Ein typisch israelisches Team: Mehr als sieben Stunden war Ofer Geva (400-2) mit seinem Partner täglich unterwegs.

Gerade mal zwei Stunden später sind all die Schmerzen und Qualen der vergangenen drei Tage vergessen. Wie bei jedem Etappenrennen hatte ich mir auf der Strecke geschworen: So schnell nicht wieder! Die drei Etappen des Epic Israel müssen sich vor den Hochkarätern der Selbstkasteiung, wie dem Cape Epic oder der BIKE-Transalp, nicht verstecken. Weniger als zehn der 270 Kilometer wurden uns auf Asphalt gegönnt. Teilweise haben mich die Rüttelpisten so hergenommen, dass ich trotz 120-Millimeter-Fully jede einzelne meiner Bandscheiben im Bett spürte. Aber als im Ziel die Finisher-Medaille um meinen verstaubten Hals baumelt und Jochen mir mit einem Bier zuprostet, schmieden wir bereits neue Pläne. Beskidy Trophy in Polen? Oder doch den Brasil Ride?

Kurz bevor wir uns in Richtung Flughafen aufmachen, treffe ich Rotem Ishay noch einmal. Er erzählt mir von seinem Einbruch auf der ersten Etappe, der Nacht im Krankenhaus und den Infusionen. Am Ende sprang immerhin noch ein sechster Platz in der Gesamtwertung heraus. Und damit wichtige Punkte für sein UCI-Konto. Zum Aufgeben habe er sich nicht überreden lassen, erzählt Ishay mit einem Lächeln im Gesicht. Ähnlich zäh und ausdauernd müssen Jochen und ich nun auch sein, denn der Checkin steht an. Davor graust es uns bereits seit Tagen. Vielleicht lässt es sich mit einem Lächeln besser ertragen.

Infos zum Epic Israel

Das Rennen Die dritte Ausgabe des Epic Israel findet vom 8.-10. Oktober 2015 statt. Die drei Etappen führen von einem gemeinsamen Start-/Zielpunkt über staubige Trails und Schotterpisten, nur wenige Kilometer davon auf Asphalt. Pro Tag muss man mit 90 Kilometern und zwischen 1500 und 2200 Höhenmeter rechnen. Alle Infos auf Englisch gibt’s hier: www.epicisrael.org.il/en

Anreise Tel Aviv wird von allen größeren Städten Deutschlands von mehreren Fluglinien angeflogen. Die günstigste Nonstop-Verbindung ab München beispielsweise bietet El Al ab 430 Euro pro Person an.

Anmeldung/Übernachtung Die Anmeldung für das dreitägige Etappenrennen südlich von Haifa beginnt am 7. Februar. Je nach Übernachtungsart kostet die Startgebühr zwischen 325 und 570 Euro. Man hat die Wahl zwischen Zelt, Wohnwagen und Appartement. Reichliches Abendessen und Frühstück sind darin enthalten. Die Verpflegung auf der Strecke ist eher spartanisch.

Ausrüstung Für die groben Rüttelpisten wählt man am besten ein Fully mit 100-120 Millimetern Federweg. Wegen der vielen Dornen und scharfkantigen Steine sollte man seine Reifen mit Latexmilch fahren. Zwei Trinkflaschen sind Pflicht bei den heißen Temperaturen und nur drei Verpflegungsstationen pro Etappe. Oder man fährt mit Trinkrucksack.

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Craft BIKE Transalp, Cape Epic, Salzkammergut Trophy, Kitzalp Marathon – Stefan Loibl kennt die Langstrecken-Klassiker des Rennkalenders. „Klima und Streckenprofil machen das Epic Israel so anspruchsvoll,“ sagt der BIKE-Redakteur.


 

Stefan Loibl am 25.05.2015