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Flugzeug und Bike Flugzeug und Bike

Reportage Biken und Fliegen

Fliegender Wechsel

Gero Günther am 09.07.2013

Norbert liebt das Biken und die Fliegerei. Es war also klar, dass er irgendwann versuchen würde, sein Fully ins Cockpit zu friemeln. So ein Bike-Wochenende will schließlich ausgenutzt sein.

Den Traum vom Fliegen erfüllen sich Biker in der Regel mit ein paar Sekunden Schwerelosigkeit beim Hüpfen über mehr oder weniger große Rampen und Dreckhügel. Norbert hebt richtig ab. Der Hobbypilot packt am Wochenende das Bike in sein Ultraleichtflugzeug und reist im wahrsten Sinne des Wortes auf direktem Weg zu den schönsten Bike-Spots. Luftlinie nämlich. Staus und Umleitungen? Unwichtig für Norbert, der sich selbst "Kombinierer” und sein Hobby „Flug-Biken” nennt. Schöner Nebeneffekt: Sein kleiner Flieger verbraucht dabei weniger Sprit als ein durchschnittlicher PKW.

Da staunen die Leute am Sportflughafen von Sankt Johann. Die Piloten, die Fluglehrer, die Segelflieger und auch die Besucher des "Fliegerstüberls", schicke Menschen in Polohemden zumeist. Was der Mann in der karierten Bermuda-Hose vorsichtig aus seinem engen Cockpit hievt, ist ein Bike. Kein modisches Mini-Klapprad, nein, Norbert Schuchert hat ein komplettes, vollgefedertes Mountainbike in seinem Ultraleichtflieger verstaut, die Kette eingepackt in einen Kopfkissenbezug.

"Größer dürfte es nicht sein", sagt Schuchert und nestelt den Rahmen seines Rotwilds gekonnt durch die Luke. Er lächelt. Packkunst ist ein wesentlicher Bestandteil seines Hobbys. Eine Aktentasche, ein Radrucksack und ein Beutel mit Klamotten liegen nun neben dem Bike auf dem gepflegten Rasen. Mehr passt beim besten Willen nicht in das winzige 80-PSFlugzeug mit der Spannweite von neun Metern. Ultraleichtfliegen ist eine minimalistische Angelegenheit.

Bike and Fly

Alles im Blick: Norbert Schuchert hält Ausschau nach knackigen Trails.

Flugzeug Biken

Packkunst auf engstem Raum: Um das Fully ins enge Cockpit zu bekommen, ist Millimeterarbeit gefragt.

"Ein bisschen, wie das Fliegen zu Zeiten der Pioniere", findet Schuchert, dessen Eurofox leer keine 300 Kilogramm wiegt. Ein Stahlrohrgeflecht überzogen mit lackiertem Gewebe, viel mehr ist nicht dran an seinem Flieger. "Sobald ich in der Luft bin", schwärmt der Geschäftsführer einer Motorenfirma, "fällt der Alltag von mir ab."

In der Tat kann von Alltag hier keine Rede sein: Es ist elf Uhr, das erste passable Wochenende seit langem, und Norbert Schuchert ist gerade mal so eben von seinem Heimatflugplatz Aschaffenburg zum Biken nach Tirol geflogen. Staus? Hochwasser? Umleitungen? Alles kein Problem für einen, der über den Dingen schwebt.

"Angefangen hat alles, als mein Bruder meinem Sohn ein Downhill-Bike geschenkt hat", erzählt Schuchert: "Ich hatte einfach keine Lust, das Bike aus dem Allgäu mit dem Auto abzuholen. Das war vor zirka einem Jahr." Zum Glück passte das Rad haargenau in Schucherts Flieger. Plötzlich war eine Idee geboren, die den studierten Maschinenbauer seitdem nicht mehr loslässt. Warum nicht einfach seine beiden Hobbys kombinieren? Warum nicht zum Biken fliegen? Zumal Schucherts kleiner Flieger weniger Benzin verbraucht als ein durchschnittlicher PKW. "Das ist mir schon wichtig, dass es umweltverträglich bleibt", betont er. Weniger als zehn Liter schluckt der Eurofox pro Flugstunde, währen der dabei 150 Kilometer schafft. Luftlinie wohlgemerkt. Ein Auto würde bei Ankunft am Zielort wohl das Doppelte auf dem Tacho haben.

Dürrenkopfhütte Dolomiten

Das Flugzeug parkt im Tal. Schuchert erreicht die himmelnahe Unterkunft – die Dürrenkopfhütte.

Das Flugzeug hat Schuchert gebraucht gekauft. Für 35000 Euro plus ein paar weitere für kleinere Umbaumaßnahmen.

"Der Flieger ist perfekt für meine Zwecke", sagt er: "In die neuen, viel teureren Modelle mit den aerodynamischen Designs würde ich niemals mein Bike hineinbekommen." Im Allgäu und im Spessart war er schon flugbiken. In Idar-Oberstein, Memmingen und Würzburg ist er mit seinem Rotwild an Board gelandet. Jetzt sind die Alpen dran, und es wird langsam Zeit, in Richtung Wilder Kaiser aufzubrechen. Von Going aus will Schuchert hinauf zur Ackerlhütte biken. Viel weiter hinauf kommt man bei der aktuellen Schneelage sowieso nicht, das hat er von oben schon gesehen. Immerhin ist Schuchert noch vor zwei Stunden um das gesamte Kaiser-Massiv geflogen. "Aus der Luft siehst du ja die ganzen Trails unter dir liegen", erklärt der Pilot und lässt ein sanftes Lächeln auf die Lippen zucken: "Das ist schon sehr inspirierend."

Bis auf wenige hundert Meter kann Schuchert an die Felswände heranmanövrieren. Bergfliegen, erklärt er, ist eine atemberaubende, aber auch anspruchsvolle Sache. Ein leichtes Flugzeug reagiert auf starke Fallwinde, Böen und Verwirbelungen wie ein Blatt Zeitungspapier, das vom Sturm davongetragen wird. Gefragt sind Übung, starke Nerven und Besonnenheit. Schuchert ist genau der Richtige für solch kitzlige Operationen. Ein ruhiger Typ, der keine unnötigen Risiken eingeht; aber auch ein Mann, der Herausforderungen liebt und nicht so schnell aufgibt.

Auch jetzt nicht, auf dem Sattel seines Bikes. Steil geht es unterhalb von Mauk- und Ackerlspitze durch den Wald hinauf. Schweißtreibend. Vielleicht hätte er doch nicht diesen kernigen Typen mit dem Fixie nach einem Tipp für seine Nachmittagsrunde fragen sollen.

"Etwas weniger Steigung hätte es eigentlich auch getan", schnauft Schuchert und leert zügig die mitgebrachte Apfelschorle. Aber das Risiko gehört eben dazu, denn seine Touren wählt Schuchert am liebsten erst vor Ort aus. Empfehlungen von Einheimischen, dem Fremdenverkehrsamt oder des Internets. "Info-Quellen gibt es ja zum Glück genug", lächelt Schuchert vergnügt.

Navigation Tablet iPad

Navigation per Tablet-Computer: Reiseplanung beim abendlichen Bier.

Spontaneität gehört zum Konzept: improvisieren, sich treiben lassen, schauen, was kommt. "Nur nicht alles planen. Das muss ich schon den ganzen Tag im Job." Wo er heute übernachten will? Das wird sich zeigen. Erst mal den Moment genießen. Erst mal was trinken. Die Ackerlhütte ist erreicht. Die letzten 120 Höhenmeter hatten sich als üble Tragestrecke entpuppt. Das hatte der freundliche Fixie-Fahrer unten im Dorf doch glatt verschwiegen. "Egal, jetzt bin ich oben", sagt Schuchert und wird sogleich lautstark von einem halben Dutzend Tirolern begrüßt. "Koam, setz di hi!" Ins Gespräch zu kommen, ist bei seiner Art zu reisen kein Problem. "Mit am Fliega zum Radeln? Bärig!" Ein paar von den Kitzbühelern wollen seine Maschine sogar am Vormittag am Himmel gesehen haben.

Eineinhalb Stunden später rollt Schuchert durch Going, um sich eines der örtlichen Hotels für die Übernachtung auszusuchen. Noch ein kleiner Spaziergang, eine Ente mit Knödel und Rotkraut, dazu ein Weißbier. "Man ist abends schon platt", lässt er sich erschöpft in den Restaurantstuhl sinken. "Der Flug ist mental sehr anstrengend und dann das Auspowern auf dem Rad. Trotzdem, oder gerade deswegen: eine super Mischung."Wo er als nächstes hinfliegen will, entscheidet der Kombinierer am nächsten Morgen bei Erdbeermarmelade und weich gekochtem Ei. Kurzer Check der aktuellen Wetterlage. Dann ein Blick auf die Flugkarten, die er praktischerweise auf sein iPad geladen hat. Die Entscheidung fällt auf Südtirol. Dort gibt es in der Nähe der Drei Zinnen einen kleinen Graslandeplatz, von dem Schuchert schon einiges gehört hat. Neuland? Umso besser.

"Es ist alles sehr informell bei uns Ultraleichtfliegern", sagt der Hobby-Pilot: "Ich funke die Toblacher fünf Minuten vor der Landung an. Da muss nichts vorher beantragt werden." Außenstehende seien oft überrascht, wie wenig Vorschriften und Kontrolle es bei Luftsportgeräten gibt. Auch das Rangieren wird selbst übernommen. Schnaufend zieht Schuchert seinen Flieger eigenhändig zurück auf das Rollfeld in Sankt Johann. Das Bike hat er kunstvoll auf dem Sitz neben sich verstaut, anschließend beim Flugplatzleiter die sieben Euro Gebühren bezahlt. Es ist zehn Uhr. Die Luft ist heiß und feucht. Aus dem Himmel schneit es noch kurz ein paar Fallschirmspringer. Dann darf Schuchert starten. Es ist gar nicht so leicht, vollbetankt an Höhe zu gewinnen. Je höher der Eurofox steigt, desto schwächer wird seine Motorleistung. Bis auf 3300 Meter muss der Pilot hinauf, um sicher über den Alpenhauptkamm zu kommen. Die Maschine ächzt. Schuchert behält die Öltemperatur im Auge, studiert die Flugkarte auf dem iPad. Das Tablet ist mit einem GPS-Empfänger verbunden. Mehr braucht er nicht zum Navigieren. Das Wichtigste ist sowieso der Blick nach draußen. Sichtflug, wie in den Anfangszeiten des Fliegens. "Ich kann nach rechts oder links abbiegen, oder eine Schleife drehen. Das ist alles mir überlassen."

Auf einigen Gipfeln haben sich dunkle Wolken zusammengeballt. Schuchert hofft, dass es Richtung Süden nicht zu viele werden. "Das Wetter ist das A und O. Man muss immer darauf vorbereitet sein, sofort umzukehren, falls sich die Lage verschlechtert", erklärt er. Aber das Wetter hält. Links zieht der Großglockner in seiner ganzen Pracht vorbei. Zur Rechten protzt der Großvenediger mit makellosen Schneemassen. Die Berge sind tief verschneit. Und das Anfang Juni. "Schaut eher nach Skifahren als nach Biken aus", findet Schuchert und lässt den Flieger wieder etwas sinken.

Dolomiten MTB Tour

Eben noch in der Luft, jetzt schon wieder Richtung Himmel: Schuchert schindet sich einem Dolomiten-Gipfel entgegen.

Nach nur 55 Minuten ist er fast am Ziel angekommen und funkt den Flugplatz an. Die Landung im engen Hochpustertal ist nicht ganz einfach. Der Pilot zieht eine enge Schleife und setzt sein Luftsportgerät gekonnt auf dem Rasen auf. "Das war anspruchsvoll", kommentiert Schuchert und hockt sich erst mal neben sein Flugzeug auf die Wiese. Geschafft, aber glücklich über einen der schönsten Bergflüge seines Lebens. Dann marschiert er zu einer kleinen Baracke, die den "Tower" des ehemaligen Militärflugplatzes darstellt. Ein paar Mitglieder des örtlichen Fliegervereins, die Amici del Volo von Toblach, sitzen bei Reh-Salami, Schüttelbrot und selbst gebrautem Bier beisammen.

"Hier, probier mal", begrüßen sie Schuchert, Und schon sitzt der als Gast mit den Südtirolern am Tisch.

"Auf den kleinen Flugplätzen ist es oft locker und unkompliziert. Aber hier sind die Leute besonders herzlich", ist Schuchert begeistert. Eine Mountainbike-Tour und eine Unterkunft werden ihm auch gleich empfohlen. Die Locals kennen sich aus.

In Anbetracht der dunklen Wolken, die von Süden über die Dolomiten quellen, macht sich Schuchert lieber gleich auf den Weg. Es ist schwülheiß. 13 Kilometer geht es ins Höhlensteintal hinein und dann 600 Höhenmeter hinauf zur Plätzwiese. Technisch keine schwere Tour. Aber eine ziemliche Kletterei. Der Weg besteht aus einer ehemaligen Militärstraße, die vor sich hin bröselt.

Ein Puzzle von einer Straße. Oben besteht sie nur noch aus Schotter und Löchern. Langsam und gleichmäßig arbeitet sich Schuchert hinauf. Nur keine Eile. Einige der schneebedeckten Gipfel stehen inzwischen vor anthrazitfarbenem Hintergrund, am Himmel zucken vereinzelt Blitze. Auf dem Hochplateau weht eiskalter Wind. Schnell noch einen Cappuccino und ein Stück Strudel im kuriosen Hotel "Hohe Gaisl", das auf 2000 Metern mit perfektem Service und silbernen Kaffeekännchen aufwartet. Schuchert ist begeistert von der dramatischen Kulisse. "Gestern der Kaiser, heute die Dolomiten. Das ist schon toll."

Ein paar Minuten später stürzt er sich mit seinem Bike die steile Abfahrt nach Prags hinunter. Gerade, als es anfängt zu tröpfeln, erreicht er die Pension. Immerhin eine Empfehlung vom Vizepräsidenten des Toblacher Fliegerclubs. "Flieger? Ich dachte du bist Mountainbiker", staunt die Wirtin. Schucherts Montur und die dreckverspritzten Beine lassen wenig Zweifel daran.

"Ich bin ein Kombinierer", lacht Schuchert und freut sich auf die Dusche und das anschließende Abendessen.

Später am Abend sitzt Schuchert in einer Trattoria. Die Nudeln auf dem Teller dampfen. Ein Kaltgetränk sorgt für Erfrischung. "Ein bisschen fliegen. Ein bisschen biken", sagt Schuchert später, "also so stell’ ich mir ein gutes Wochenende vor." Schuchert lächelt müde, aber zufrieden. Der Ausflug war garantiert nicht sein letzter. Im September soll es zum Biken nach Transsilvanien gehen. Mit dem Flugzeug. Die Packliste für die Tour raubt ihm schon jetzt den Schlaf.

Gero Günther am 09.07.2013

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