Report vom Miriquidi-Drecksau-Enduro-Rennen Report vom Miriquidi-Drecksau-Enduro-Rennen

Report vom Miriquidi-Drecksau-Enduro-Rennen

Die Mutter aller Rennen: Miriquidi-Drecksau-Enduro

Laurin Lehner am 10.09.2016

Lange bevor die Bike-Industrie den Enduro-Boom auslöste, tingelten bereits Ost-Biker im Erzgebirge mit Funkweckern durch den Wald. Ein Besuch beim Miriquidi-Drecksau-Rennen.

"Sammeln", ruft Jim. Nicht laut, doch laut genug. Wenn Jim was sagt, lauschen alle. 37 Biker stehen im Wald und hauchen ihre kleinen, wabernden Atemwölkchen in die kühle Herbstluft. Jim ist der Streckenchef. Aufrechte Haltung, Feldwebelstimme, den Helm tief ins Gesicht geschoben. Wenn man fragt, warum ihn alle Jim nennen, zucken alle mit den Schultern. Wahrscheinlich weiß das selbst Jim nicht, der eigentlich Uwe Kleditzsch heißt. Doch keiner kommt auf die Idee, ihn zu fragen. Stattdessen lauschen alle, was der Streckenchef von der bevorstehenden Sonderprüfung preisgibt. "Es wird steil, bei Sprüngen lieber langsam machen, und wenn Ihr durch einen Tunnel fahrt, haltet Euch besser rechts." Mehr verrät Jim nicht.

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Streckenchef Jim (r.) begutachtet die Läufe seiner Schützlinge am Streckenrand. 

Rückblick: Das Miriquidi Drecksau Enduro gilt als die Mutter aller Enduro-Rennen. Zumindest in Deutschland. Statt Stages werden die Etappen hier Sonderprüfungen genannt.

"Mit Anglizismen haben wir es nicht so", erklärt Thomas Frenzel im breiten Sächsisch. Es ist Sonntagmorgen, kurz vor dem Rennen. Der Frühstücksraum im Forsthaus Frenzel, das sich am Rand des kleinen Örtchens Lengefeld befindet, ist gut gefüllt. Während die anderen gemütlich Kaffee schlürfen, kann sich Frenzel nur kurz dazusetzen. Es ist noch viel zu tun. Gleich werden die restlichen Starter anreisen. Frenzel gilt als Boss der Orga-Truppe. Zusammen mit Freundin Mandy begrüßt er Neuankömmlinge, organisiert Helfer und kocht Gulaschsuppe. Seine Waldwirtschaft, die sonst eher von wandernden Senioren besucht wird, ist das Hauptquartier des Rennens. Um Teilnehmerzahlen muss sich Frenzel keine Sorgen machen. Das Rennen genießt Kultstatus. Es ist der Ableger des legendären Miriquidi-Cups aus den Neunzigern, bei dem sich Lokalhelden wie Uwe Buchholz, André "der Knecht" Wagenknecht, oder Frank "Schneidi" Schneider einen Namen machten, bevor sie auch im Rest der Republik bekannt wurden.

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Mehr Herzblut geht kaum: Organisator Thomas Frenzel mit Freundin Mandy im Forsthaus. 

"Vergesst nicht", tönt es aus den Boxen: "Falls Förster oder Polizei auftauchen, dann haben wir uns alle nur rein zufällig im Wald getroffen."

"Innerhalb von 40 Minuten waren alle 37 Startplätze ausgebucht", sagt Frenzel. Mehr Teilnehmer lässt das Format ohnehin nicht zu, denn es unterscheidet sich deutlich von herkömmlichen Enduro-Rennen. Statt Flatterband weisen Astpfeile am Boden den Weg. Nur ab und an steht ein Helfer im Wald und zeigt, wo es langgeht. "Anders geht es nicht", sagt Frenzel. Schließlich ist das Rennen nicht legal. Frenzel hatte es mal auf dem offiziellen Weg versucht, doch die Bürokratie wollte nicht nachgeben. Jetzt veranstaltet er das Rennen auf seine Art. "Auf dem kurzen Dienstweg", wie er sagt. Als Wirtshausbesitzer kennt er ohnehin die meisten Förster und Landbesitzer der Gegend. "Man muss nur wissen, wie man mit den Leuten reden muss", erklärt Frenzel und schmunzelt verschmitzt. Immer hat das nicht geholfen. Bei einem seiner illegalen Downhill-Rennen hatte er schon mal einen Strafbefehl am Hals. Auch beim Miriquidi Drecksau Enduro kam es schon zur Begegnung mit uneingeweihten Baumfällern, die verdutzt beobachteten, wie sich im Wald rund sechzig Biker mit Funk­weckern auf eine Sonderprüfung vorbereiteten.

Sonntagmorgen, Rennstart am Forsthaus: Techno-Beat wummert aus den Boxen. Frenzel dreht den Lärm leiser und gibt die Eckdaten durchs Mikrofon bekannt: rund 25 Kilometer insgesamt. Fünf Sonderprüfungen. "Vergesst nicht, falls Förster oder Polizei auftauchen, wir haben uns alle rein zufällig im Wald getroffen", rundet Frenzel seine Rede ab. Dann dreht er den Techno-Beat wieder auf. Die Stimmung muss passen. Aus den Boxen tönt der gleiche Beat wie beim berühmten Megavalanche-Rennen in Alp d’Huez, von dem sich Frenzel hat inspirieren lassen. Ein Mix aus Luftschutzbunkersirenen und Wortfetzen wie "Alaaarmaa!" und "La Bomba". 

"Das Geilste an dem Rennen ist, dass hier wirklich auf Sicht gefahren wird", verrät Eno beim Warten vor der ersten Stage. Eno kommt nicht weit von hier und organisiert selbst gerne solche nicht ganz offiziellen Rennen. Mit "wirklich auf Sicht" meint Eno, dass hier keiner die Strecken kennt. Selbst die Locals haben keinen blassen Schimmer. Nur Streckenchef Jim kennt die Abfahrten. Zwar bieten sich viele an, die Etappen mit abzustecken, doch Einzelgänger Jim will sein eigenes Ding machen. Der Wald ist sein Reich. Manche scherzen und diagnostizierten bei ihm bereits die "Linienkrankheit". Er sieht im Wald überall potenzielle Trails, die sich als Rennstrecke eignen. Das schätzen die Starter und freuen sich über die Chancengleichheit. Der Nachteil sind lange Wartezeiten. Erst, wenn alle durch sind, bahnt sich die Kolonne aus Wegweisern, Startern und Zeitnehmern den Weg zur nächsten Sonderprüfung.

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Wie viele andere auch, war auch Maik schon öfter hier. Dreitagebart auf den runden Backen, dunkelblondes, gelocktes Haar, schwarze Rahmenbrille. Maiks Spezialgebiet sind offenbar Trail-Beschreibungen. Keine Kreuzung, keine Wegegabelung, kein Tretstück lässt er aus. Dabei lässt er seine flache Hand wellenförmig nach oben, zur Seite oder nach unten gleiten. Je nachdem, wie sich der Trail eben gerade ins Tal schlängelt. "Ich bin eigentlich kein Renntyp", gesteht Maik. Die familiäre Atmosphäre beim Drecksau-Enduro gefällt ihm jedoch so gut, dass er gerne eine Ausnahme macht.

Gerade wartet er bei der ersten Stage darauf, dass seine Startnummer aufgerufen wird und rätselt mit anderen Fahrern, wie lange die Sonderprüfung wohl dauern mag. Gleich Vollgas geben und auf eine kurze Distanz hoffen? Oder die Kraft einteilen? Die anderen zucken ratlos mit den Schultern. Auch sie wissen nicht, was sie erwartet. Stattdessen schauen sie den startenden Fahrern hinterher, um wenigstens ungefähr den Trail zu erahnen, der sich anfangs nur schwer erkennbar um die Fichten windet. "Wenn mal zehn Fahrer gestartet sind, erkennt man die Spur im Waldboden schon besser", weiß Helfer Martin mit der Stoppuhr in der Hand. Manchmal verfahren sich auch Fahrer und stehen dann einsam im Wald. "Auch das gehört zum Enduro irgendwie dazu. Man muss vorausschauend fahren", sagt Maik, als seine Startnummer aufgerufen wird. Dann geht alles schnell. Zeitnehmerin Dana zählt den Countdown runter, scannt den Transponder, ruft "los", und Maik verschwindet im dunklen Wald. Schon nach 1:37 Minuten erreicht er das Ziel. Viele haben sich verzockt. Sie haben eine längere Sonderprüfung erwartet. Statt Vollgas zu geben, sparten sie Kraft. Unten auf einer kleinen Waldlichtung stehen nun alle und beobachten, wie sich die letzten Starter ins Ziel schlagen. Dann zieht sich die Kolonne aus Rennteilnehmern, Organisatoren und Wegweisern weiter zur nächsten Stage.

Sonderprüfung Nummer 2: Zeitnehmerin Dana bekommt von unten die Info über Funk, dass immer noch keiner von den ersten fünf Startern angekommen ist. Und dann fällt auch noch das Funkgerät aus. Wieder ist Warten angesagt. Das Fahrerfeld sieht es trotz zapfigen fünf Grad entspannt. Manche stellen sich in die Sonnenstrahlen, die sparsam durch den Wald funzeln, andere treten auf der Stelle, um warm zu bleiben. Die Rennteilnehmer in eine Schublade zu stecken, fällt schwer. Ganz anders als bei gewöhnlichen Enduro-Rennen. Da ist zum Beispiel Flo im Cross-Country-Outfit mit Touren-Bike, der sich auch über das ein oder andere Tretstück freut. Favorit Max Hartenstern und Kumpel Berti, beides erfahrene Downhill-Rennfahrer, hoffen dagegen eher auf abfahrtslastige Passagen. Und dann gibt es noch Typen wie Kevin Dewinski, die gerne an größeren Enduro-Serien teilnehmen.

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Damals Funkwecker, heute Transponder. Die Startnummer ist bewusst dezent an der Gabel platziert – schließlich ist das Rennen "nicht ganz legal", wie Organisator Frenzel verrät.

Dana hat mittlerweile zum Smartphone gegriffen. Anscheinend haben sich die ersten fünf Starter verfahren.

Dumm gelaufen! Minuten später sieht man sie schnaufend ihre Bikes zurück zum Start schieben. Dann geht es schnell. Im 30-Sekunden-Takt wird gestartet. Mit dem, was die Starter hier bei der zweiten Sonderprüfung erwartet, hat keiner gerechnet. Streckenchef Jim hat eine zähe Uphill-Passage eingebaut. "Als ich oben in den Downhill abgebogen bin, war ich schon komplett blau", jappst Eno wenig später ausgelaugt im Zieleinlauf. Blau heißt so viel wie "total fertig". Auch Downhiller Max Hartenstern flucht über die fiese Rampe. Die zwei Cross-Country-Kollegen Flo und Lutz grinsen dagegen listig. Sie haben hier wohl die beste Figur gemacht.

Es ist später Nachmittag geworden. Die Fahrer warten auf den Start zur fünften und finalen Sonderprüfung. "Wenn an einer Stelle viele Leute stehen, dann gebt lieber acht!", warnt Maik. Manchmal baue Streckenchef Jim kniffelige Stellen ein, bei denen sich Helfer und ein paar Zuschauer in der Hoffnung auf spektakuläre Einlagen sammeln würden, plaudert er. Genau wie bei der Sonderprüfung zuvor, als der Trail plötzlich durch einen dunklen Tunnel verlief. Nur, wer sein Vorderrad rechtzeitig angehoben bekam und nach rechts sprang, kam mit nassen Füßen davon. Doch die interessieren jetzt niemanden mehr. Favorit Max Hartenstern rollt nervös zur finalen Sonderprüfung. Wieder zählt Dana den Countdown runter: "Und los!" Max beschleunigt sein Specialized zum ersten Hindernis, um sich samt Bike gekonnt drüberzubugsieren. Danach führt der Trail abschüssig nach unten. Steilabfahrten auf dem rutschigen Laub erfordern mehr präzise Linienwahl und dosiertes Bremsen als stramme Waden. Außer Puste ist Max trotzdem im Ziel. "So muss eine Enduro-Strecke aussehen", prustet es aus Max begeistert heraus.

Gegen fünf Uhr rollt die Kolonne zurück zum Forsthaus, wo bereits Organisator Frenzel auf seine Starter wartet. Frenzel erkundigt sich bei jedem einzelnen, wie es war. Gutes Feedback lässt seine Augen aufleuchten. Auf die Frage, warum er all die Arbeit auf sich nimmt, obwohl er dabei nicht mal selber dazukommt mitzufahren, weiß auch Frenzel nicht gleich eine Antwort. Nach kurzem Überlegen sagt er: "Weil es ein geiles Event ist." 

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Laurin Lehner am 10.09.2016
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