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Projekt-Seminar Transalp: Alpenüberquerung in der Schule

Hohe Schule – Eine Klasse fährt über die Alpen

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 5 Jahren

Wo lernt man mehr fürs Leben? Auf der Schulbank, oder im Sattel eines Mountainbikes? 24 Gynmasiasten aus Leutkirch im Allgäu haben es ausprobiert und sind über die Alpen gefahren.

Die Gelegenheit wäre günstig, doch von Übermut ist nichts zu spüren. die Truppe hat sich gerade die ersten Höhenmeter in die Waden gepumpt. Der Stopp an der Eisdiele in Ehrwald könnte guten Gewissens zur Schlemmerpause ausgedehnt werden. "Wer mag ein Eis?" fragt Lehrer Klaus Zugmaier. Aber die Schüler tun, als hätten sie die Frage nicht gehört. Sie ziehen nur kurz Energieriegel aus ihren Rucksäcken und sitzen binnen Minuten wieder kauend im Sattel. "Ich bin nervös wie vor einer Mathearbeit", gesteht Chiara, die schon Tages-Touren mit 2000 Höhenmetern gefahren ist und in der stärksten Gruppe pedaliert. "Sechs Tage am Stück sind schon eine andere Liga", fügt sie keuchend hinzu, während ihr der Schweiß über das Gesicht rinnt.


"HMG goes Gardasee"...

steht auf den blauen Trikots der 24 Schüler. Das Kürzel steht für Hans-Multscher-Gymnasium. Vor ein paar Stunden sind sie in Füssen gestartet. In sechs Tagen wollen sie in Riva am Gardasee stehen. Die Route hat es in sich. Fernpass, Unterengadin, Vinschgau, schließlich durch die Brenta an den Lago. Für die stärkste der drei Leistungsgruppen bedeutet das über 400 Kilometer und fast 9000 Höhenmeter. Für jeden ein Experiment, denn so viele Tage hintereinander saß noch keiner im Sattel. Die Tour ist keine coole Klassenfahrt mit dem Mountainbike, sondern Teil eines Seminarkurses, der auch in die Abiturnote einfließen kann. Seit Herbst haben die Schüler daran gearbeitet. "Alter! Wir hatten keine Ahnung, was da auf uns zukommt", erzählt Felix. Er hatte zusammen mit Kumpel Johannes den Vorschlag zu dem Projekt gemacht. Die Idee zündete: Die Mitschüler waren Feuer und Flamme, die Schulleitung gab die Genehmigung. Am Ende musste jeder eine Bewerbung schreiben, um einen der 24 Seminarplätze zu ergattern.

Sechs Tage lang Trails rocken, Spaß haben, vorher ein bisschen trainieren, ein wenig planen – so sah das Projekt in den Träumen der Jugendlichen aus. Doch das wahre Leben kann grausam sein. In der Vorbereitungszeit reichten die jeweils drei Unterrichtsstunden pro Woche längst nicht aus. Das Unternehmen Transalp wuchs zu einem Megaprojekt. Die Beine rauchten und auch die Köpfe. Denn die Ziele waren ehrgeizig: Die Tour sollte für jeden erschwinglich sein. Sponsoren mussten her. Clevere Vorschläge waren gefragt. Außerdem würden die unterschiedlichen Konditions-Levels die Gruppe todsicher sprengen – also mussten Trainingspläne erarbeitet werden. Ganz zu schweigen von der Ausarbeitung der Route. "Wir hatten keinen Schimmer", gesteht Felix.

Christian Penning Um das Naturerlebnis bei der Alpenüberquerung maximal auszukosten, übernachteten die Jugendlichen des Hans-Multscher Gymnasiums auf Camping-Plätzen.

Zwei Stunden später, der Fernpass: Tief unter dem alten Römerweg funkeln türkisgrüne Seen. Noch ein kurzer Downhill, dann rollt die Truppe am Campingplatz Fernsteinsee ein. "Geil!" Johannes schlägt bei Felix ein. High five. Duschen. Zelte aufstellen. Den zugehörigen Berg von Gepäck hat ein elterlicher Begleittross im Hänger angekarrt – zusammen mit Verpflegung in Kompaniemengen. Nach der erfolgreichen ersten Etappe fällt langsam die Anspannung ab. Party-Stimmung kommt dennoch nicht auf. Vor der 90-Kilometer-Etappe des nächsten Tages hat jeder Respekt.

Sofia gibt zu: "Bis vor ein paar Monaten bin ich so gut wie gar nicht geradelt. Ich wusste nicht, ob ich das packe, die anderen waren so gut." Die Lösung: Das Transalp-Team suchte und fand ein Fitness-Studio mit leistungsdiagnostischer Betreuung, das die Idee unterstützte. Gewicht, Körperfettanteil und Leistungsstand wurden analysiert. Danach stand fest, wer noch wie viel aufzuholen hatte. Aber es blieben immer noch ungeklärte Fragen: die Finanzen beispielsweise. Eine Transalp schlägt unterm Strich schnell mit 1000 Euro zu buche. "So viel sollten die Schüler auf keinen Fall selbst aufbringen müssen", forderte Seminarlehrer Klaus Zugmaier. Also baute ein Schüler-Team eine Abteilung Sponsoring und Öffentlichkeitsarbeit auf, wie in einer kleinen Firma. Am Ende war die Aktion ein voller Erfolg. Den Marketing-Chef eines weltweit agierenden Unternehmens für Sensorentechnologie aus ihrem Heimatort konnten die Transalp-Jungunternehmer überzeugen, als Hauptsponsor einzusteigen. Einige kleinere Firmen unterstützten das Projekt als Co-Sponsoren. Vaude gab Sonderrabatte für die Ausrüstung. Mit Hilfe der Sparkasse initiierten die Schüler ein Crowd-funding-Projekt. Am Ende blieben für jeden Fixkosten von gerade einmal 160 Euro.

Zum Erfolg beigetragen haben auch zwei weitere Teams: Die Media-Unit des Seminarkurses baute eine Facebook-Seite, pflegte sie und füllte sie mit Inhalten. "Und jetzt während der Tour schicken wir jeden Tag einen kleinen Bericht an unsere Lokalzeitung", ergänzt Bene aus der Media-Crew. Eindruck bei den Sponsoren machte im Vorfeld der Tour auch der Trailer, den die Video-Gruppe gebastelt hat. "Wir haben ein halbes Jahr lang auf unseren Trainings-Touren Clips gedreht", sagt Johannes, als er auf dem Smartphone den Start-Button des Youtube-Videos "HMG goes Gardasee" drückt. "Fast 70 Stunden Rohmaterial, endlose Nachmittage im Schnitt."

Und auch auf Tour läuft alles wie am Schnürchen. Nach den zähen Höhenmetern der ersten Etappe vergehen die Tage wie im Flug. Bis auf ein paar kleinere technische Malheure läuft es sogar "fast zu perfekt", unkt Florian. Selbst zwei Tage Dauerregen können die Transalp-Teenies nicht stoppen. Sie sind im Flow, nicht nur auf dem Trail – das Team wächst mehr und mehr zusammen.

Wie wichtig solche Erfahrungen sind, bestätigen auch wissenschaftliche Ergebnisse. Prof. Dr. Gerald Hüther ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und hat sich intensiv mit der Entwicklung von Kindern befasst. Für ihn sind Fächer, in denen Verantwortung und Herausforderungen im Mittelpunkt stehen, weit wichtiger als stures Pauken. Entscheidend sei es, so der Professor, dass sich Kinder gemeinsam mit anderen auf den Weg machen und etwas entdecken oder gestalten. "Oder noch wichtiger: dass sie sich um etwas gemeinsam kümmern."

Mit jedem Kilometer, mit jedem Höhenmeter Richtung Süden, wächst die Begeisterung, während gleichzeitig das Selbstvertrauen steigt. "Läuft!", grinst Simon, obwohl es am vorletzten Tag schüttet wie aus Eimern und obwohl nach einer Verletzung vor ein paar Wochen seine Knie schmerzen. Kurbel­umdrehung um Kurbelumdrehung plagt er sich die steilen Rampen hinauf. Jetzt den Mountainbike-Sattel gegen die Schulbank tauschen? Niemals!

Christian Penning Aufstellen zum Gruppenfoto: Nach sechs Tagen im Sattel sind alle erschöpft, aber glücklich.

Begeisterung statt Jammern. So langsam dämmert allen, dass jede Stunde der Vorbereitung – von den zähen Ausdauereinheiten bis zum Klinkenputzen bei den Sponsoren – plötzlich Sinn ergibt, einen Baustein vom großen Ganzen. "Begeisterung ist der Schlüssel zum erfolgreichen Lernen", sagt Gerald Hüther: "Es muss unter die Haut gehen!" Und genau das tut die Transalp. "Solche Hochgefühle aktivieren im Gehirn die emotionalen Zentren", erklärt Hüther. "Die dort liegenden Nervenzellen haben lange Fortsätze, die in alle anderen Bereiche des Gehirns ziehen. An den Enden dieser Fortsätze wird ein Cocktail von neuroplastischen Botenstoffen ausgeschüttet. Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbst erzeugter Dünger ausgeschüttet wird. Und der fördert die Wachstums- und Umbauprozesse im neuronalen Netzwerk."

Abends bekommt die allgemeine Euphorie dann doch einen Dämpfer. War es das Wasser in einem der Brunnen? Einer nach dem anderen verabschiedet sich mit bleichem Gesicht auf die Toilette, oder übergibt sich direkt vor dem Zelt. Auch Chiara ist speiübel. Trotzdem lacht sie bald wieder. "Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt", sagt sie kämpferisch. Die, die noch gesund sind, spielen die halbe Nacht durch Karten und wachen, um zu helfen, wenn wieder ein Kranker auftaucht.

Kenneth will das noch in seine Seminararbeit "Transalp und Teambuilding" einarbeiten. Und dazu passt auch, was Gerald Hüthers Forschungsergebnisse belegen: "Die Erfahrung, dass man sich mit einem Team zusammen etwas erschließt, ist die allerschönste Erfahrung, die man überhaupt machen kann. Das schafft Identität in der Gemeinschaft, die man später auch immer braucht, wenn man komplizierte Probleme lösen will. Das geht alleine gar nicht." Am nächsten Morgen herrscht ein Mix zwischen Aufbruch- und Krisenstimmung: bleiche, müde Gesichter. Gestalten, die sich träge bewegen, wie in Zeitlupe. Aber jetzt aufgeben? So kurz vor dem Ziel? Am allerletzten Tag? No way!

Die Krankenabteilung rollt ohne große Steigungen zum Gardasee. Der Rest der Truppe nimmt die letzte Bergetappe in Angriff. Nochmals ein paar heftige Regenschauer, Blitz und Donner, 400 Höhenmeter Schiebestrecke zum Passo Ballino über dem Lago di Tenno, dann brechen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Die Körper dampfen, die Beine schmerzen, die Füße sind aufgequollen in den durchweichten Schuhen. Doch das stört niemanden, denn jetzt geht es in die finale Abfahrt. Kurz hinter dem Schloss von Tenno schimmert zwischen den Weinbergen zum ersten Mal der Gardasee durch. Noch ein paar Serpentinen, eine kurze Schlängelfahrt durch die Gassen der Altstadt von Riva – dann gibt es kein Halten mehr.

Schüler und Lehrer liegen sich in den Armen, als hätten sie ein Rennen gewonnen. Heute ist jeder ein Sieger – über den inneren Schweinehund, über die eigenen Zweifel und die Zweifler zu Hause.

"Boah! Einfach nur Gänsehaut-Feeling!", ruft Elisa, während sie voller Überschwang ihre Freundin Sofia umarmt. Die Jungs reißen sich die Trikots vom Leib, statt Sektdusche gibt es ein Bad im Lago. "Viva Riva!", ruft Felix, der die Idee zur Transalp hatte. Dann jumpt er übermütig mit einer Arschbombe in den Gardasee..

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